Kunst im Teigmantel: Museum der Brotkultur zeigt "Eaten by nobody"

Ein Thema, das auf den Tisch musste: Brot als Motiv, als Objekt und als Material der Kunst zeigt das Museum der Brotkultur jetzt in seiner neuen Sonderausstellung "Eaten by nobody" mit Werken seit 1960.

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  • Von diesen Tellerchen hat niemand gegessen: Daniel Spoerris "eaten by nobody" im Museum der Brotkultur. 1/6
    Von diesen Tellerchen hat niemand gegessen: Daniel Spoerris "eaten by nobody" im Museum der Brotkultur. Foto: 
  • Das Museum der Brotkultur Ulm zeigt "Eaten by nobody". 2/6
    Das Museum der Brotkultur Ulm zeigt "Eaten by nobody". Foto: 
  • Mit dabei: BrotZeit 1-4 von Walter Fogel, ... 3/6
    Mit dabei: BrotZeit 1-4 von Walter Fogel, ... Foto: 
  • ... Tabu, Brote aus der Edition MAT von Daniel Spoerri, ... 4/6
    ... Tabu, Brote aus der Edition MAT von Daniel Spoerri, ... Foto: 
  • ... Die Speisung der Fünftausend von Ottmar Hörl ... 5/6
    ... Die Speisung der Fünftausend von Ottmar Hörl ... Foto: 
  • ... sowie Bread von Jasper Johns (links) und Man does not live on bread alone von Frederick William Ayer. 6/6
    ... sowie Bread von Jasper Johns (links) und Man does not live on bread alone von Frederick William Ayer. Foto: 
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Eine "Verhonepipelung" des Brotes sei das, schimpfte der Absender in seinem Brief an Kurt Fried - und das während "zwei Drittel der Menschheit am Hunger verrecken". Für Willy Eiselen, den Gründer des Deutschen Brotmuseums, brach das Werk von Daniel Spoerri damals, 1962 im studio f, mit einem Tabu. Womit Eiselen nichts anderes tat, als dem Künstler postwendend sein provokatives Kalkül zu bestätigen - "Tabu" hatte Spoerri sein Objekt ja genannt: drei Brötchen, in die auch Glassscherben und Zigarettenkippen eingebacken sind.

Die ironische Geschichte will es, dass drei dieser Spoerri-Brote heute ausgerechnet im Museum der Brotkultur hängen, das von der Eiselen-Stiftung getragen wird. Doch der Schocker von einst hat inzwischen etwas traurig Prophetisches an sich. Um mit Müll vollgestopfte Grundnahrungsmittel zu finden, muss man nicht ins Museum gehen, da tuts der Supermarkt. "Wie wir mit Nahrung umgehen, ist heute eine zivilgesellschaftliche Frage", sagt auch Museumsleiter Andrea Fadani, "das Thema ist zurückgekommen." Also hat man es im Museum der Brotkultur kunsthistorisch aufbereitet: "Eaten by nobody" heißt die neue, sehenswerte Sonderausstellung, die sich dem "Brot in der Kunst seit 1960" widmet.

Zu sehen sind 50 Werke aus der Sammlung, von einem Zeitpunkt an, als die Klassische Moderne - Verzeihung - erst einmal gegessen war. Allesamt haben die Werke es mit einem Gegenstand zu tun, der symbolisch befrachtet ist wie kaum ein anderer. Den christlichen Kontext ruft etwa Ottmar Hörl mit Plastikbrot und -fisch auf, einst Elemente seiner Aktion "Speisung der Fünftausend" 1999 am Bodensee. Insbesondere für Fluxuskünstler ist das Brot in anderer Hinsicht interessant: Als Teil des Lebensvollzugs, den Joseph Beuys (vertreten durch eine gestempelte DDR-Brottüte) oder Daniel Spoerri in Kunst überführen.

Im zentralen Ausstellungsbereich, der den Objekten vorbehalten ist, hängt eines von Spoerris berühmten "Fallenbildern". Eine gedeckte Tischplatte, die in diesem speziellen "Fall" jedoch nicht abgegessen wurde - die Gäste waren nicht erschienen -, deshalb in einem manierlichen Zustand fixiert werden konnte und also reines Kunstobjekt blieb, "eaten by nobody" eben. Das ungehörige Spiel mit dem Essen trieb Wolf Vostell auf die Spitze, als er 1969 das Theater in Köln einer "Brotvermessung" unterzog. Ein Video zeigt, wie die Kastenbrote eins am anderen auf die Straße gelegt wurden.

Zeugen der Pop-Art dürfen nicht fehlen: Claes Oldenburg erhebt ein gusseisernes Knäckebrot zur Alltagsikone, Jeff Koons inszeniert sein Ostergebäck wie Plastik-Auslegeware. Dass neben Jasper Johns Toastbrotscheibe ein wenig subtiler Objektkasten des Ulmers Fred Ayer Platz gefunden hat ("Man does not live on bread alone"), ist streitbar, wie Fadani selbst einräumt. Um das Thema möglichst vielfältig zu gestalten, hat man da ein Auge zugedrückt - das aber wieder aufgeht, um etwa Sibylle Ritters "Gläsernes Brot" anzuschauen, so verführerisch glänzend wie unessbar.

In der Abteilung Malerei und Grafik zeigt sich Salvador Dalí besessen vom Brot, die Messerscheide blutet ihm beim Schneiden. Wer seine "Frau mit Brot" sehen will, muss sich ein Stockwerk höher in die Dauerausstellung bemühen. Markus Lüpertz rehabilitiert die Ähre, Volker Stelzmann das Stillleben, das großartigste - und laut Fadani umstrittenste - Bild von einem Brot aber liefert Dieter Krieg, dessen brutal angebissene, verschlammte Scheibe sich auf den Betrachter zuzuschieben scheint. Banksys Steinzeitmenschen auf der Jagd nach Einkaufswagen in der Steppe führen in den dritten Teil, wo Fotografen wie Ara Güler, Walter Fogel, Robert Häusser den Gegenstand ihrerseits belichten.

Oder, wie die Israelin Varda Polak-Sahm, den Mythos noch einmal neu erzählen: Da sitzt eine Madonna im Teigmantel, da bilden Bäckerlehrlinge in Jaffa eine Abendmahl-Szene. Das Brot kommt doch nie los von seiner Geschichte.

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