Kultureinrichtungen setzen immer mehr auf soziale Netzwerke

Posten, twittern, liken und verlinken: Kultureinrichtungen nutzen immer mehr soziale Netzwerke und das Web 2.0 - mit guter Resonanz. Aber nicht alle sind schon richtig im digitalen Zeitalter angekommen.

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    Die Walther Collection twittert fleißig.
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Es war eine starke Ausstellung im Stadthaus: Clemens Bechmanns Fotografien von Fernstraßen-Bordellen in Spanien. Noch stärker waren die Reaktionen, als ein Stadthaus-Besucher Fotos von hiesigen Bordellen zur Verfügung stellte, die dann auf der Facebook-Seite zu sehen waren. Was sich Ausstellungsmacher nur wünschen können, ermöglicht die interaktive Online-Plattform: eine lebendige Diskussion.

Seit knapp zwei Jahren ist das Stadthaus bei Facebook. Dafür wurde ein lokaler Mediendienst beauftragt, "der das zuverlässig immer im Blick hat", wie Leiterin Karla Nieraad sagt. Mehrmals pro Woche werden Neuigkeiten rund ums Stadthaus gepostet. "Wir wollen die Leute nicht zumüllen, aber auch keine zu langen Phasen des Schweigens." 700 Stadthaus-Fans werden derzeit kurzfristige Infos, oft in Verbindung mit Bildern, Tipps, Quizfragen und Links zu Rezensionen geboten; sie erfahren auch, "wenn Künstler, die wir schon im Stadthaus hatten, irgendwo was Tolles machen". Nieraad nennt es eine "lockere Plattform", mag den "legeren Umgang". Es gehe "nicht um trockene Bildungsbürger-Infos". Die Erfahrungen bislang sind durchweg positiv: "Kein Zweifel, das lohnt sich."

Auf interaktive Medien können vor allem all diejenigen nicht mehr verzichten, die mit Jugendkultur zu tun haben. Für Laurence Lachnit, Geschäftsführerin des Roxy, ist Facebook "zu 90 Prozent ein Segen: eine kostenlose Werbe- und Kommunikationsplattform, auf der man gebündelt Feedback und Anregungen bekommt". Mindestens jeden zweiten Tag wird dort ein Thema platziert, werden Einladungen verschickt, Reaktionen gesammelt. 2800 Fans sind es derzeit, "es könnten immer noch mehr sein," findet Lachnit, "aber es entwickelt sich gerade gut". Zumal sich durch Menschen, die am Roxy arbeiten oder zum Besucherstamm gehören, immer mal wieder eine eigene Gesprächsdynamik entwickelt.

Facebook sei für "Kultureinrichtungen wie uns eine richtig dankbare Sache", sagt Carolyn Ammann von Ulmer Zelt: "Der direkte Kontakt zum Publikum, den wir dadurch bekommen, ist ein Gewinn." Gut 3800 Freunde sind es derzeit, Tendenz natürlich steigend. Von Februar an, wenn es auf die Zelt-Saison zugeht, bis in den August postet der künstlerische Leiter Lars Frick nahezu täglich auf Facebook. "Auch wenn wir dadurch wohl kaum mehr Karten verkaufen, ist der engere Austausch vor allem mit dem jüngeren Publikum wichtig." Videos, Songs und Auszeichnungen werden gepostet und verlinkt: "von Bands, die im Zelt auftreten werden, von Bands die schon im Zelt waren und die wir noch auf dem Schirm haben, und auch von Bands, die wir vielleicht mal buchen wollen", wie Carolyn Ammann erklärt.

Das Theater Ulm setzt ebenso auf Facebook - seit knapp zwei Jahren und mit guter Resonanz: Mehr als 1200 "gefällt" das momentan. Fast täglich werden Termine, Veranstaltungen, Verlosungen und Aktions-Hinweise gepostet. Besonders reizvoll: Von neuen Inszenierungen werden sind nach der ersten Hauptprobe online Fotos zu sehen. Susanne Lemke, für Öffentlichkeitsarbeit zuständig, schätzt an Facebook besonders die Interaktion, "weil das auf der normalen Homepage in der Form eben nicht geht". So gab es kürzlich nach der Internet-Übertragung von "Rommel" einen Chat. Lemke: "So etwas würde ich mir noch verstärkt wünschen."

Verstärkt interaktiv ist das Neu-Ulmer Augus-Theater unterwegs: Für Heinz Koch bedeutet das Web 2.0 viel mehr als Marketing, er nützt es "multifunktional". Er bloggt und twittert fleißig, vernetzt sich mit Kollegen aus der Theaterszene, meldet sich auf Literatur-Portalen zu Wort, pflegt Kontakte zu Autoren - daraus soll von Herbst an eine "Facebookers"-Reihe entstehen. Er hat über soziale Netzwerke auch schon drei Mitarbeiter gefunden. Die Internet-Aktivitäten "bereichern das Leben und sind beruflich nutzbar". Was heißt da schon virtuell?, fragt Koch. "Das Netz ist auch eine Realität."

Die Walther Collection setzt ebenso auf Neue Medien, wobei sich gerade die Kunstform Fotografie bestens für eine attraktive Präsentation bei Facebook eignet. Die Kunsthalle Weishaupt lässt es hingegen ruhiger angehen. Und das Ulmer Museum hinkt in der Frage schon etwas hinterher. Gabriele Holthuis, seit Jahresbeginn Museumsleiterin: "Im Vergleich mit gleichgroßen Häusern kommen einem ja bei uns die Tränen."

2013 soll der Internet-Auftritt des Ulmer Museums daher unbedingt zeitgemäß gestaltet werden. Dem Facebook-Account des Hauses - der derzeit nur 160 Leuten "gefällt" - wird dann auch noch mehr Leben eingehaucht. "Wir wollen das alles, und wir müssen das auch!", weiß Holthuis. Denn auf den Kontakt zum jüngeren Publikum und die unmittelbare Kommunikation mag sie nicht verzichten: "Wir wollen positiv von uns reden machen." Das aber gilt für die digitale wie für die analoge Welt.

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