KOMMENTAR · BUNDESTAGSWAHL: Sie kann kandidieren - aber . . .

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Die Provinz nimmt den Berliner Politbetrieb als hyperventilierendes Showbiz wahr. In ihrer nüchtern-analytischen Art passt Annette Schavan da irgendwie gar nicht hinein - oder gerade deswegen besonders gut? Ihr Ulmer Wahlkreis, ihre CDU-Basis, taten sich lange Zeit sehr schwer mit der unterkühlt und intellektuell auftretenden ehemaligen Landeskultusministerin, die nach ihrem Rücktritt nun auch eine ehemalige Bundesbildungsministerin ist.

Die Frage, die sich im Wahlkreis stellt: Kann Schavan unter diesen Vorzeichen Abgeordnete bleiben? Die Antwort ist ein Ja - freilich ein bedingtes und kein bedingungsloses. Der Vorbehalt gilt für den Fall, dass ihre Klage fehlschlägt und die Gerichte die Aberkennung ihres Doktortitels als rechtmäßig bestätigen. Dies dürfte bis zur Bundestagswahl kaum der Fall sein. Zu befürchten steht, dass ein letztinstanzliches Urteil Jahre auf sich warten lässt. So lange stehen die rechtsstaatlichen Prinzipien über jenen der politischen Korrektheit und der politischen Moral.

Im Übrigen lieferten die durchweg zurückhaltenden und respektvollen Kommentare aus dem Oppositionslager der hiesigen CDU die besten Gründe, an ihrer Kandidatin festzuhalten. Die Union hat die 57-Jährige ja im vollen Bewusstsein dieses Risikos nominiert. Sie jetzt fallen zu lassen, wäre schäbig.

Warum konnte Schavan dann nicht Ministerin bleiben? Weil sie das Wissenschaftsressort vertrat. Der Wissenschaftsbetrieb hätte eine Klage seiner politischen Repräsentantin gegen eine seiner Institutionen nicht ertragen. Schavan hatte im Fall Guttenberg die Wertemesslatte extrem hoch gelegt. Wer sich schämt, wie die Doktorarbeiten anderer zustande gekommen sind, muss selber eine astreine Dissertation vorlegen können. Über alle Zweifel erhaben aber ist ihre Arbeit nicht.

Schavan wird im Fall ihrer Wahl eine wichtige Vertreterin der Region in Berlin bleiben. Ihre Kontakte bestehen, Ulm wird weiter profitieren, wenn auch nicht mehr im bisherigen Ausmaß.

Schavan hat die Wissenschaftsrepublik vorangebracht. Nicht, dass es plötzlich Nobelpreise hagelte. Aber dass der Anschluss auf Zukunftsfeldern wie der modernen Mobilität wieder gefunden wurde, ist auch ihr Werk. So wie auf dem Bildungssektor der Abschied von der Sortiermaschine des dreigliederigen Schulsystems. Es hat zwar gedauert. Nun aber bleibt mit dem Namen Annette Schavan die Erkenntnis verbunden, dass längeres gemeinsames Lernen ein Instrument der Bildungsfairness und -gerechtigkeit ist.

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