Kleinode mit großer Geschichte - Ausstellung im Kloster Wiblingen

Wie mittelalterliche Notenhandschriften nach der Reformation zu Bucheinbänden oder Makulatur wurden, zeigt eine Ausstellung im Kloster Wiblingen. Zudem wird die alte klösterliche Musik wieder hörbar gemacht.

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In Wiblingen ausgestellt: Ein Missale (Messbuch) aus dem 12. Jahrhundert mit Messen für die nachweihnachtliche Zeit.  Foto: 

Aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammt das Rechnungsbuch des Klosters Zwiefalten - doch weshalb zieren eine viel ältere Notenschrift und liturgische Texte den Einband? Weil dieser Einband ursprünglich zu einem Reimofficium aus dem späten 15. Jahrhundert gehörte! Wie Choralhandschriften aus dem Mittelalter nach der Reformation zweckentfremdet, als Einbände und Makulatur verwendet wurden, zeigt die Ausstellung "Musikalische Fragmente" derzeit im Kloster Wiblingen.

Schon vor dem 16. Jahrhundert waren musikalischen Handschriften immer mal wieder außer Gebrauch gekommen: etwa wenn die Notenschrift, die Notation modernisiert wurde. Aber als im Herzogtum Württemberg nach 1534 die Reformation eingeführt und Klöster aufgehoben wurden, waren die alten liturgischen Bücher für den Gottesdienst, für Gebet und Gesang durch die Bank nutzlos geworden.

So wurden sie zerschnitten, zerstört, als Einbandmaterial wiederverwendet - oder eben als Makulatur: In der Schau ist ein Antiphon-Pergament (Musikstück mit Wechselgesang) aus dem 15. Jahrhundert zu sehen, aus dem Stücke unterschiedlichster Größe und Form ausgeschnitten worden sind.

Auch Handschriften aus dem Benediktinerkloster Wiblingen ereilte das Schicksal, als Einbände von Amts- und Rechnungsbüchern wiederverwendet zu werden. Bereits um 1500 hatten Wiblinger Mönche Choralhandschriften aus der Frühzeit des Klosters, das 1093 gegründet worden war, zerstört und vielfach als Spiegel oder Vorsatzblätter für neue Handschriften genutzt.

Die Wanderausstellung des Landesarchivs Baden-Württemberg zeigt eine dieser seltenen Wiblinger Handschriften: ein Einzelblatt aus einem Missale (Messbuch) aus dem 12. Jahrhundert mit den Messen der drei nachweihnachtlichen Festtage - für Stephanus, für den Evangelisten Johannes und für die Unschuldigen Kindlein. Dabei sind die Melodien in einer frühen, feinen Notation - St. Galler Neumen - festgehalten worden. Wie die Ausstellungsmacher betonen, haben diese Fragmente liturgischer Handschriften für die Musikgeschichte eine wichtige Bedeutung: Sie enthalten geistliche Musik des Mittelalters, wie sie einst wohl von den Wiblinger Mönchen in den Gottesdiensten gesungen worden war.

Die Schau lässt den Blick ein Jahrtausend zurückwandern, zeigt früheste Fragmente musikalischer Zeugnisse. Sie erklärt, wie die Verschriftlichung der Musik in Klöstern ihren Anfang nahm und wie sich die Notenschrift veränderte; sie erläutert die Entstehung der mittelalterlichen Mehrstimmigkeit und Unterschiede zwischen ost- und westrheinischer Choraltradition; sie widmet sich der Pergamentherstellung, der Arbeit in den Skriptorien und der Restaurierung. Und sie vermittelt einen Eindruck davon, wie schwierig es heute ist, die Herkunft von Fragmenten zu klären: Zuweilen bleibt es eine Spurensuchen ohne eindeutige Ergebnisse.

Reizvoll sind in der Ausstellung Hörbeispiele mit Einspielungen der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst Stuttgart: Sie bringen die uralte klösterliche Musik wieder zum Klingen.

Info "Musikalische Fragmente", bis 27. September im Kloster Wiblingen. Di-So 10-17 Uhr.

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