Kleider für Könige

Juwelen aus zwei Schatzkammern im Ulmer Museum: "Gewebte Identitäten" kombiniert historische afrikanische Tuniken aus der Weickmann-Wunderkammer mit Fotografien aus Artur Walthers Beständen.

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Artur Walther und Gabriele Holthuis kooperieren für die aktuelle Ausstellung mit afrikanischen Kleidern aus dem 17. Jahrhundert. Foto: Volkmar Könneke

"Ejn Rock oder Kleid / wie es die Könige zu Haarder zu tragen pflegen / mit gar grossen und weiten Ermlen", so beschreibt Christoph Weickmann seine Erwerbungen im Jahr 1659. Dass es wertvolle Stücke waren, die ihm da aus Haarder, dem heutigen Allada in Afrika, zugetragen worden waren, wusste der Ulmer Kaufmann. Für Edelmänner oder Ritter seien sie gemacht, mutmaßte er. Die Forschung hat den alten Ulmer keineswegs überholt, im Gegenteil: Die zwei Tuniken der Sammlung Weickmann gelten heute als älteste vollständig erhaltene Kleidungsstücke aus Baumwolle südlich der Sahara. Gekommen aus dem heutigen Benin, gewebt wahrscheinlich in Mali.

Während die Menschen dort im Bürgerkrieg um den Erhalt ihres kulturellen Erbes kämpfen, kommt ein winziger Teil davon im Ulmer Museum zu Ehren. Die Ausstellung "Gewebte Identitäten" stellt die Tuniken ins Zentrum, die sonst zu Weickmanns Kunst- und Naturkammer einige Treppenstufen höher gehören.

Zu verdanken ist die jetzt so prominente Präsentation einer mehr oder weniger zufälligen Begegnung: Eine amerikanische Wissenschaftlerin war in Ulm, um die Gewänder zu untersuchen und wurde mit dem Neu-Ulmer Sammler afrikanischer Fotografie, Artur Walther, bekanntgemacht. Der entflammte sofort für die Objekte - um festzustellen, dass sie weltbekannt sind. "Es gibt Sachen in diesem Museum, die müssen herausgenommen und gezeigt werden", sagt Walther, "jedes Museum hätte diese Gewänder gern." Um sie standesgemäß zu inszenieren, lieh er, wie für die Schau "Auf Augenhöhe", einige seiner wunderbaren Fotografien aus Mali.

Die Kabinettausstellung im zweiten Stock des Museums ist auf diese Weise zu einem Kunstwerk eigener, afrikanischer Art geworden. "Textilien waren ein ganz wichtiger Bestandteil der Kunst", erklärt Museumsleiterin Gabriele Holthuis. Gemacht sind sie in Schmalbandweberei, was den Vorteil hat, dass der Stoff nach Bedarf abgeschnitten werden kann. Eine der beiden Roben, die wohl für hochstehende Persönlichkeiten zu zeremoniellen Zwecken gefertigt wurden, besteht aus 60 Teilen eines indigoblau-weißen Streifenmusters. Ein Blutfleck lässt darauf schließen, dass sie einmal benutzt wurde, während das andere, vorderhand unauffälligere Gewand nie getragen worden zu sein scheint. In Plangi-Technik gefertigt, durchziehen schmale Bänder aus tausend kleinen weißen Kästchen den Stoff.

Die "weiten Ermlen", die Christoph Weickmann einst erstaunten, die Stoffmassen sehen nur in Ruhe so kolossal aus. Wie elegant diese Kleidung einen lebendigen Körper und seine Bewegungen umspielt, zeigen die Bilder dazu.

"In der afrikanischen Fotografie spielt die Kleidung eine ganz große Rolle", sagt Artur Walther. Dazu muss man nur einen Blick auf die Bilder von Seydou Keïta (1921- 2001) werfen. In seinem Foto-Atelier in Bamako porträtierte er das aufstrebende afrikanische Bürgertum in den 40er und 50er Jahren, vor der Unabhängigkeit Malis. Gelassene, stolze Menschen, gehüllt in prachtvolle Stoffe vor ornamentalen Hintergründen. Darunter ist das später ikonisch gewordene Bild einer liegenden Frau als Muster zwischen Muster gelegt. Das Motiv der liegenden Frau nimmt Malick Sidibé, geboren 1936 in Mali, auf. Seine Modelle liegen mit dem Rücken zum Betrachter, wenden höchstens leicht den Kopf. Subtile Erotik in fast abstrakten Bildern, denn auch Sidibé spielt ausgeklügelt mit dem schwarz-weißen Wettstreit der Stoff-, Tapeten- und Teppichmuster.

Ins 21. Jahrhundert - und in Bewegung - bringt das die kenianisch-britische Videokünstlerin Grace Ndiritu. Sie macht sich selbst zum Modell, den Stoff aber zum Protagonisten: In ihrem Zitat von Keïtas Liegender verbirgt sie ihr Gesicht im Muster, eine Stoffbahn lässt sie in ihrem Schoß spielen wie einen sanften Liebhaber. "Distanz und Begehren" ist auch der Titel von Walthers Ausstellung, die am Wochenende in Burlafingen eröffnet. Dass die Arbeitsbeziehung zwischen diesem modernen, globalen Patrizier und dem Museum nicht beendet ist, darauf deutet eine von ihm formulierte Idee: eine große Präsentation von Weickmanns Wunderkammer, der seine Schätze - damals sehr ungewöhnlich - öffentlich zeigte. In einer ernüchterten Zeit habe er sich sein Paradies nach Ulm geholt, wie Holthuis es so schön sagt. Ein neuer Blick aufs Paradies lohnt immer.

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