Ausstellung: Kindern das Lachen zurückgeben

Der Syrer Manar Bilal stellt in der vh seine Fotografien von Kindern in Flüchtlingscamps aus. Schülern gibt er Einblicke in das Leben der Menschen zwischen Zelten, Trümmern und Hoffnung.

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Aufmerksames Zuhören: Manar Bilal erklärt den Schülern des Kepler-Gymnasiums in der vh, wer die Kinder auf seinen Bildern sind und unter welchen Bedingungen sie aufwachsen.  Foto: 

Sechs Kinder hängen an einem Maschendrahtzaun. Fünf von ihnen ziehen sich mit Armen und Beinen die Maschen entlang nach oben. Einer hat es bereits geschafft – er lacht ausgelassen in die Kamera. Im Hintergrund sind die Zelte eines Flüchtlingscamps zu sehen.

Die Fotografie hängt, zusammen mit 34 weiteren Bildern, im zweiten Stock der vh Ulm in der Ausstellung „Genommene Kindheiten“. Fotograf ist der 30-jährige Syrer Manar Bilal, der Kinder in Flüchtlingscamps im Jemen, in der Türkei und in Jordanien porträtiert hat.

Doch was ist die Geschichte hinter den Fotografien? Wie sind die Bilder entstanden? Wie ist es, als Kind in einem Camp aufzuwachsen? Das erfuhren 28 Schüler der neunten Klasse des Kunstkurses des Kepler-Gymnasiums in einem zweitägigen Workshop mit dem Titel „Wir hier, ihr dort“. Er wird von der vh organisiert und von der Stadt finanziell gefördert.

Die weiße Fläche zählt

Manar Bilal steht in Jeans und mit blauem Pulli vor den Schülern. Er hält ein weißes Papier mit schwarzem Punkt in die Höhe. „Was seht ihr?“, fragt er in die Runde. „Einen schwarzen Punkt“, antwortet ein Schüler. Ein anderer wirft ein: „Eine kleine schwarze Fliege.“ Bilal nickt langsam:  „Es ist wie in unserem Leben. Wir konzentrieren uns nur auf die schrecklichen Dinge, den schwarzen Punkt. Keiner sieht die große weiße Fläche um den Punkt herum. Wir konzentrieren uns nicht auf die guten Dinge.“

Die aber will Bilal mit seiner Kamera einfangen – dabei hat er bereits viel Schreckliches gesehen. Der Syrer wuchs in Al Ghuta auf, einem Ort in der Nähe von Damaskus, der 2013 durch einen Giftgasangriff traurige Berühmtheit erlangte. In Damaskus studierte Bilal Geografie, bis er erlebte, wie sein Land im Chaos des Krieges versank. „Ich zog als Krankenpfleger Menschen vom Schlachtfeld, befreite sie aus den Trümmern ihrer Häuser, die Bomben zerstört hatten“, erzählt er mit leiser Stimme.

Vor drei Jahren floh er. In Jordanien, im Jemen und in der Türkei arbeitete Bilal in Flüchtlingscamps für verschiedene NGOs und Hilfsorganisationen. „Im Zaatari Camp in Jordanien leben 90.000 Menschen. Die Hälfte davon sind Kinder.“ Für die setzt Bilal sich ein: Er organisierte Schattentheater und Workshops, um den traumatisierten Kindern spielerisch eine psychologische Stütze zu geben. Und begann Bilder von ihnen zu machen – nicht weinend und verzweifelt, sondern lachend und ausgelassen. „Ich habe es für die Kinder gemacht, damit sie ein fröhliches Bild von sich haben.“

Aber Bilal merkte auch, dass er mit den Bildern etwas bewirken kann: Er zog nach Frankreich, lernte Französisch und Englisch und organisierte weltweit Ausstellungen und Workshops. „Wir müssen unsere Stimmen erheben. Ich will den Menschen sagen: Tut etwas. Helft. Dann könnt ihr das Leben dieser Kinder verändern. Und helft den Menschen, die in eure Länder gekommen sind – nicht als Touristen, sondern um Schutz zu finden.“

Irrelevante Dinge

Im Einsteinhaus will Bilal den Schülern zeigen, dass die Kinder auf seinen Bildern nicht anders sind als die in Deutschland. Aber dennoch kennen manche von ihnen kein anderes Leben als das in den Camps. Am Donnerstagmittag werden die Schüler gemeinsam mit Bilal auf dem Kornhausplatz eine Installation aufbauen: Sie werden ein kleines Camp nachstellen und sich dabei gegenseitig fotografieren. Die Bilder werden später in die Ausstellung integriert.

„Mir war nicht klar, dass die Menschen dauerhaft in Zelten leben. Ich dachte, es ist nur übergangsweise“, sagt die 14-jährige Malina Schwager. Auch den 14-jährigen Benedikt Vogelgsang haben die Bilder beeindruckt: „Wir meckern über Dinge, die irrelevant sind im Vergleich zu dem, was die Kinder dort erleben.“ Das sieht auch der Florian Barczok  (14) so: „Es ist schrecklich, dass Kinder aus ihrer Heimat fliehen müssen.“

Andere Perspektive

Zur Vorbereitung mussten die Schüler Zuhause Dinge in einen Sack packen, die sie auf eine Flucht mitnehmen würden – und diese zum Workshop mitbringen.  Kunstlehrerin Antje Freitag: „Den Schülern wird so eine andere Perspektive für das Flüchtlingsthema eröffnet. Es geht um Empathie.“

Termine Bilals Fotografien sind bis Donnerstag, 1. Februar, unter dem Titel „Genommene Kindheiten“ im EinsteinHaus zu sehen. Am Donnerstag, 14. Dezember, 10 bis 19 Uhr, erzählt der kurdische Schauspieler Ramo Ali im Club Orange von seiner Kindheit in Syrien und seiner Flucht nach Deutschland.

Theater Am Montag, 18. Dezember, 10 Uhr, tritt das Junge Theater Augsburg mit dem Stück „Rotkäppchen auf der Flucht“ im Unteren Saal des EinsteinHauses auf. Kerstin Schönenborn von der Unicef-Hochschulgruppe Tübingen erzählt am Mittwoch, 17. Januar, 19 Uhr, im Club Orange von ihrem Treffen mit Kindern in einem jordanischen Flüchtlingslager.

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