Kinderbuchmesse: Alles übers All

Um "Unendliche Weiten: Sterne, Raumfahrt und Planeten" dreht sich die Kinderbuchmesse. Der ideale Gast? Ein leibhaftiger Kosmonaut, dem Kinder schwarze Löcher in den Bauch fragen können.

|

Diese Frage musste ja kommen: Wie geht man als Raumfahrer aufs Klo? Doch wie würde dieser ehrenwerte 78-jährige Herr, dieser hochdekorierte General a. D., dieser gleichermaßen als "Held der DDR" und "Held der Sowjetunion" geehrte Gast, darauf eingehen?

An guten Fragen herrschte kein Mangel, als Sigmund Jähn gestern zweimal insgesamt mehr als 200 Kindern Rede und Antwort stand. "Unendliche Weiten: Sterne, Raumfahrt und Planeten", lautet das Thema der diesjährigen Kinderbuchmesse, Kosmonaut Jähn war ein geradezu idealer Gast: Er kennt die Angelegenheit sozusagen aus nächster Nähe und eigener Anschauung, war er doch 1978 als erster Deutscher ins All geflogen.

Bunte Aliens und schillernde Satelliten zieren die Wände und hängen von der Decke: Der Stadthaussaal, wo dieser Tage 2000 Bücher zum Stöbern und Schmökern einladen, führt das Motto der Kibum kleinen und großen Besuchern sofort vor Augen. In Lesungen geht es da dieses Jahr um "Planetenschöpfer" und "Space Kids", Bilderbuchkino gibt es ebenso: "Juri fliegt zu den Sternen."

Zu den Sternen ist Sigmund Jähn nicht geflogen, aber zur Raumstation Saljut 6, wo er eine Woche lang die Erde umkreiste. Um davon zu erzählen, war er mit der Jugendsachbuchautorin Maja Nielsen nach Ulm gekommen. In all ihren Büchern geht es um Träume, sagte Nielsen - und diesen ganz großen Traum hegen die Menschen schon lange. Bereits vor 800 Jahren versuchte ein Chinese ziemlich erfolglos, mit Bambusstuhl und Feuerwerksraketen abzuheben. Erst im 20. Jahrhundert hatten Raketen genügend Schubkraft, "Kosmonauten: Mit 20.000 Millionen PS ins All", heißt Nielsens Buch.

Sie schilderte den Fünf- und Sechstklässlern anschaulich den ersten Raumflug: Juri Gagarins Abenteuer anno 1961. Dann wandte sie sich Sigmund Jähn zu: "Das müssen Sie jetzt aushalten, was ich über Sie geschrieben habe." Sie las aus ihrem Buch vor, wie Jähn im Sommer 1978 erfahren hatte, dass er tatsächlich Kosmonaut werden würde. Der Vogtländer hatte sich mit anderen Kandidaten im Sternenstädtchen bei Moskau fast zwei Jahre lang vorbereitet, hatte hart trainiert und gebüffelt, um erst drei Tage vor dem Start zu erfahren: Hauptgewinn oder Niete. Jähn flog am 26. August 1978 von Baikonur in der Sojus 31 mit Waleri Bykowski zur Raumstation. Freilich: "Wenn Sie mitgemacht hätten, wären Sie genommen worden", sagte der 78-Jährige scherzend zur Schriftstellerin. Und übernahm dann das Kommando.

Jähn zeigte Bilder und erzählte den Zuhörern von Planeten und Raketentechnik. Er beschrieb die Belastungstests in der Zentrifuge, wo man "dagegen ankämpfen musste, dass einem das Blut aus den Augen entweicht". Und er erklärte, was es sonst noch braucht, um Kosmonaut zu werden: "Man muss kein Superman sein. Aber gesund und speziell geeignet."

Dann hieß es: Feuer frei für Fragen. Ob er in der Schwerelosigkeit Saltos geschlagen habe: "Ja, das geht ganz einfach." Ob der Start ruckelig gewesen sei: Nein, aber die Landung in der "brummenden, schleudernden Feuerkapsel" sei kein Spaß gewesen. Ob es ihm nie übel geworden wäre: "Nein, ich bin dafür nicht anfällig. Sonst wäre man gleich aussortiert worden." Ob es im Weltall regnen könne: "Nein!" Wie man sich dort oben wasche: "Duschen haben sich nicht bewährt. Also Katzenwäsche mit Tüchern." Jähn hatte am Dienstag sogar "Verpflegungsreserven von damals" dabei, krümelfreies Brot, Wasserbeutel, Pflaumensaft.

Und nun zu den "Tätigkeiten, die ein Mensch auch ab und zu machen muss". Das Problem der "Flüssigkeitsabfuhr" wurde mittels Saugmechanismus und Eimer gelöst. Und die "andere Geschichte war noch etwas komplizierter": Da gab es einen Behälter mit Saugkraft, luftdichte Verpackungen und noch einen Eimer. "So ist das", sagt Jähn.

Ob er sich noch trauen würde, auf den Mond zu fliegen. "Ich könnte ganz kühn sagen: Ja!", meinte der 78-Jährige, "aber mich würde keiner mehr fragen."

Dafür kam die Frage, was er beim Blick von oben auf die Erde empfunden habe. "Wenn man sieht, wie schön unser Planet ist und alle 90 Minuten einmal um ihn herum fliegt, dann begreift man: Technisch können wir Menschen so viel - und wir schlagen uns auf der Erde noch immer tot. Das ist schwer zu verstehen." Es gibt eben doch nicht auf alles eine Antwort.

Noch Mittwoch und Donnerstag

Kibum Die Kinder- und Jugendbuchmesse im Stadthaus ist noch am Mittwoch von 8.30 bis 18 Uhr und Donnerstag von 8.30 bis 16 Uhr geöffnet. Auf dem Programm stehen Lesungen und Geschichten-Spaziergänge. Zum Abschluss gibt es am Donnerstag um 18 Uhr noch einen besonderen Programmpunkt: die "Carmina Burana" für Kinder. Der Autor Rudolf Herfurtner und die Illustratorin Anette Bley haben dazu ein Musikbilderbuch für Kinder gemacht, das Herfurtner vorstellt. Der Vorchor und der Kinderchor der Ulmer Spatzen singen dazu Auszüge aus den Orffschen Gesängen.

 

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Terror in Spanien: Die aktuelle Lage in unserem Newsblog

Nach dem Anschlag in Barcelona hat die Polizei fünf mutmaßliche Terroristen in dem Badeort Cambrils erschossen und damit wohl Schlimmeres verhindert. Die aktuelle Entwicklung in unserem Live-Blog. weiter lesen