Kinder, Trinker, Fixer: Wem gehört der Karlsplatz?

Eltern mit Kindern und Hundebesitzer treffen am Karlsplatz auf Alkoholiker und Drogensüchtige. Lange schien hier eine Art Gleichgewicht zu bestehen – doch allmählich droht es zu kippen.

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Es ist ein Morgen im April, an dem sich Sigrid Berger denkt: „Es reicht.“ Die Mediengestalterin (42) will ihren Sohn (2) auf die Schaukel am Karlsplatz setzen, als sie etwas Durchsichtiges im Sand entdeckt. Eine Spritze. Sofort ist ihr klar: Damit hat sich niemand Insulin ins Blut gedrückt. Sondern Heroin.

Schon vorher hat sie Spritzen am Karlsplatz gefunden – aber noch nie auf dem Spielplatz. Sie macht sich Sorgen um ihren Sohn. Was, wenn er sich an einer Nadel sticht?

Einige Monate später, bei einem Treffen am Spielplatz, sagt sie: „Mit der Idylle ist es hier vorbei.“ Ihr Nachbar Rolf Seifert sagt: „Ein Spielplatz und Drogen – das geht nicht.“ Beide wohnen gleich um die Ecke und heißen in Wirklichkeit anders. Ihren wahren Namen wollen sie aber nicht in der Zeitung lesen – aus Angst, dass Fixer und Trinker handgreiflich werden könnten.

Für die beiden ist der Karlsplatz so etwas wie der Garten, den ihre Wohnungen nicht haben. Seifert führt den Hund aus, Berger kommt mit ihrem Sohn zum Spielen. Nun sehen sie den Park in Gefahr. Durch die frei laufenden Hunde der Trinker, durch das Gegröle, durch herumliegende Spritzen. Seifert und Berger haben deshalb einen Brief an die Ulmer Stadträte geschrieben. Sie fordern: Weg mit der öffentlichen Toilette, weg mit dem Pavillon direkt daneben. Denn auf dem Klo setzen sich die Leute ihren Schuss und unter dem Pavillon besaufen sie sich. Einige Stadträte haben reagiert und Briefe an die Verwaltung geschrieben. „Die Zustände müssen abgestellt werden“, fordern die einen, „eine Verbesserung der Situation“ die anderen.

Also ist Roland Häußler, Chef der Bürgerdienste, zum Karlsplatz gekommen. Er will sich vor Ort ein Bild machen. Häußler (55), Anzug, Brille, sagt: „In einem gewissen Rahmen müssen wir das als Stadt aushalten.“ Sorge bereiten ihm weniger die Trinker, sondern die Drogenabhängigen.

Weil die Stadt gegenüber dem Bahnhof mehrere Gebäude für die Sedelhöfe abgerissen hat, weichen die Drogenabhängigen nun zum Karlsplatz aus.

Das zeigt sich auch an der Zahl der Spritzen, die die Stadtreiniger finden. „So schlimm wie jetzt war es noch nie“, sagt einer von ihnen ein paar Tage bevor Häußler den Karlsplatz besucht. Der Mann in dem orangefarbenen Overall hält seit 19 Jahren die Stadt sauber. Auch er möchte anonym bleiben. Um zu zeigen, was er mit „so schlimm wie nie“ meint, greift er in seinen Handkarren und fischt eine 0,5-Liter-Colaflasche heraus. In ihr sammelt er die Spritzen. Heute stecken fünf Stück darin. „Das ist von den letzten beiden Tagen.“

Doch was kann die Stadt gegen Fixer und Trinker am Karlsplatz tun? „Wenn man will, dass sich hier etwas ändert, müsste das Dach weg“, sagt Häußler. Gelöst werde das Problem dadurch nicht, lediglich verlagert. „Wir verdrängen die Leute woanders hin“, sagt er.

Einer derjenigen, die das treffen würde, ist Rudolf Pitters (58). An einem warmen Morgen Anfang August sitzt er unter dem Pavillon und nippt an einer Flasche „Burgkrone Helles“. Pitters nickt nach oben und sagt: „Die sollen bloß unser Dächle in Ruhe lassen.“ Sollte die Stadt die Toilette schließen und den Pavillon abreißen, er verlöre seine Heimat. Wenn der Karlsplatz für Berger und ihren Nachbarn ein Garten ist, ist er für Pitters das Wohnzimmer.

Jeden Tag gegen 10 Uhr kommt er mit seinem Fahrrad und sechs oder sieben Flaschen Bier hierher. Er sitzt unterm Dach, trinkt, raucht Selbstgedrehte, unterhält sich und fährt abends wieder in seine 1-Zimmer-Wohnung östlich der Frauenstraße. Pitters sagt, dass er einen kaputten Rücken hat und nicht mehr arbeiten kann. Darum komme er seit 20 Jahren her.

Doch nun sieht er sein Dächle in Gefahr – wegen der Spritzen. Pitters bestreitet nicht, dass sich am Karlsplatz Leute ihren Schuss setzen und gedealt wird. Aber nicht unter dem Pavillon. „Wer hier etwas nehmen will, den verscheuchen wir.“ Weil die Trinker das Dach in Beschlag genommen haben, weichen die Drogenabhängigen auf die Sitzbänke ringsum und das Toilettenhäuschen aus.

Dort liegen die leeren Verpackungen des Diazepams – Tabletten, die Heroinabhängige nehmen, um die Panik zu unterdrücken, wenn die Wirkung des Schusses nachlässt. Dort finden die Straßenreiniger auch die Spritzen.

Gut möglich, dass sich am Karlsplatz gar nichts ändert und der momentane Wirbel nur ein Sturm im Wasserglas ist. Häußler jedenfalls sagt, dass er es kritisch sieht, die Toilette zu schließen und die Stadt erstmal einen Bericht erstellen werde.

Und Beschwerden über den Park gab es schon oft – passiert ist meist wenig. Zum Beispiel im Mai 2001. Damals erschien in der „Schwäbischen Zeitung“ ein Artikel, in dem die CDU forderte, dem „Treiben am Karlsplatz“ ein Ende zu setzen. Es war von einer Drogenszene, Schlägereien und „sexuellen Handlungen in aller Öffentlichkeit“ die Rede.

Unter dem Artikel erschien ein Interview mit dem Chef der Ulmer Kriminalpolizei. Er äußerte sich damals genauso wie die Polizei heute: „Aus Polizeisicht ist der Karlsplatz kein Brennpunkt.“

Danach findet sich im Archiv für lange Zeit kein Artikel mehr über den Karlsplatz.

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Kommentare

04.09.2014 20:25 Uhr

Alternative Lebensstiele

Hallo,

Depressionen, Drogen, Alkohol... nimmt doch alles zu.

Das Experiment Euro ist gescheitert. Der Kapitalismus nur noch eine Fassade seiner selbst.

Alternative: Anders Leben.

Es wäre wichtig mit neuen Lebensstielen zu experimentieren die vor allem mit Nähe zur Natur und Selbstversorgung und damit auch mit Würde zu tun haben.

Dazu wäre es notwendig Menschen Land zu geben - uns Sie sogar zu zwingen sich dort ein Haus zu bauen und Kartoffeln anzubauen - selbständig zu werden - um ihre Würde wieder zu erlangen - welche einem der Kapitalismus geraubt hat - damit man konsumiert - um die Leere zu füllen.

Natürlich muss man (leider auch) die Soziale Verwahrlosung vieler junger und alter Menschen ÄNDERN, in dem man mit ihnen soziale Kompetenz übt.

All das ist ein rießen Haufen Arbeit.

Aber Kopf oder Spritze in den Sand zu stecken... ist einfach keine Lösung.

vg
D

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30.08.2014 16:22 Uhr

Schon mal jemand auf die Idee gekommen...

Ist schon mal jemand auf die Idee gekommen, mit den Menschen zu reden, die hier angeblich Spritzen im Sand verstecken?

Ich könnte mir vorstellen, dass auch in ihnen ein gewisser Grad an Vernunft vorhanden ist, der sie dazu veranlassen könnte, auf Kinder etwas Rücksicht zu nehmen.

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30.08.2014 14:34 Uhr

Gibt es in Ulm einen geschützten Raum für diese Menschen?

"(...) werden auch medizinisch versorgt und können dort duschen.
... Im Fixpunkt bekommen die Abhängigen saubere Spritzen und Zubehör.

... Die Zahl der Abhängigen in der offenen Szene sank in den vergangenen Jahren, auch durch das Zusammenwirken der verschiedenen Beratungs- und Hilfseinrichtungen. Fixpunktbesucher begannen einen Entzug, eine Substitution oder gingen in Einrichtungen für chronisch Mehrfachabhängige. (...)"

http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Hannovers-Drogenabhaengige-konsumieren-mehr-Kokain

Kommentar auf der Seite:
gut für Alle!
Solche Einrichtungen sind gut für Alle:
Für die Drogenkonsumenten sowieso, denn ohne solche Einrichtungen gäbe es viel mehr Tote. Die ganzen im Fixpunkt Kollabierten wären einsam in ihrer Wohnung oder im dunklen Park gestorben, anstatt gerettet zu werden.
Für die Normalbevölkerung ist es ein Gewinn, weil niemand mehr auf Spielplätzen und in Parks fixen muss.

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