Kepler-Lehrer beobachten gegenseitig ihren Unterrichtsstil

Mache ich guten Unterricht oder wie kann er besser gelingen? Mit solchen Fragen beschäftigen sich Lehrer des Kepler-Gymnasiums – freiwillig und mit gegenseitigen Besuchen in den Klassen.

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Ein Lehrer geht in seine Klasse, macht die Tür zu – und dann ist das, was im Unterricht geschieht seine Sache. Lange Zeit war das so, und für manche Lehrer gilt die Ansicht heute noch. Aber es gibt auch andere: Am Kepler-Gymnasium gibt es die Arbeitsgruppe IndividualFeedback. Rund ein Viertel der rund 100 Lehrer machen mit – auf freiwilliger Basis.

„Wir machen kollegiale Hospitationen“, erklärt Sabine Martinez, die der Gruppe angehört. Das heißt, jeweils zwei Lehrer haben sich zu einem Tandem zusammengeschlossen und besuchen sich gegenseitig im Unterricht. Konkret: Der eine hält seine Stunde, der andere sitzt still hintendrin und beobachtet das Geschehen mit Hilfe eines standardisierten Bewertungsbogens (siehe Einblocker). Hinterher sprechen die beiden darüber und üben konstruktive Kritik.

Alle paar Wochen trifft sich die gesamte Feedback-Gruppe. Zwölf Kollegen – die jüngste 29, der älteste 61 – sitzen dann zusammen. Alle berichten, dass sie ihre Anfangsschwierigkeiten bei den Hospitationen hatten. „Es fällt schwer – bis man merkt, dass es gar nicht weh tut“, erinnert sich eine Lehrerin. Ihr Kollege pflichtet bei: „Man muss sich überwinden, wenn jemand in der Klasse hinten drin sitzt. Weil es ja darum geht, dass ich mich persönlich zeigen muss.“

Das A und O ist, dass sich die Teams gegenseitig vertrauen. Sabine Martinez: „Die müssen sich selbst finden, das lässt sich nicht von oben verordnen.“ Und es dauere, bis die Pädagogen verinnerlicht hätten, dass das Individual-Feedback keine Lehrprobe ist, in der es um das Vermitteln von Fachwissen geht, sondern um persönliche Dinge. Also darum, wie ein Lehrer wirkt oder wie er sich im Kontakt mit den Schülern verhält.

Eine Lehrerin sagt, dass die gegenseitigen Besuche „keine hierarchische Bewertung oder eine Konkurrenzsituation ist“, sondern dass es um Tipps und Beratung auf Augenhöhe geht. „Ziel ist es, die eigenen Fähigkeiten zu optimieren.“ Sie hat diesen Umgang bereits während der Ausbildung im Lehrer-Seminar kennen und schätzen gelernt. „Jeder bekommt eine andere Wahrnehmung von sich selbst.“

Ein älterer Pädagoge findet die Gruppe positiv, auch in Bezug auf die Schüler: „Da tritt man als Lehrer mal nicht immer nur als Einzelkämpfer auf, sondern zu zweit – das gibt einen ganz anderen Stand.“

Eine Lehrerin hat ihre Tandem-Partnerin zum Beispiel gebeten, zu schauen, „ob ich ruppig oder unfreundlich bin, weil das kann ich selbst schlecht bewerten“. Aus dem Feedback konnte sie für sich wertvolle Schlüsse ziehen.

In den großen Arbeitskreis-Runden nehmen sich die Lehrer immer ein bestimmtes Thema vor, zum Beispiel den Umgang mit Störungen. Dazu gehört schon, wenn sich Schüler vor dem Unterricht streiten, wenn sie Material vergessen haben, wenn sie reden oder sich bei einer Fragerunde melden und nur auf die Toilette wollen.

„Was sagt Ihr? Wie reagiert Ihr“, fragt die Kollegin, die das Treffen diesmal vorbereitet hat. Die Antworten sind durchaus auch selbstkritisch: Zum Beispiel gibt eine Lehrerin zu, zwiegespalten zu sein in der Frage, ob sie Dauerschwätzer auseinandersetzen soll – aus der Angst heraus, sich in einen Machtkampf zu begeben, der zu nichts führt. Die Gruppe versucht, die unterschiedlichen Reaktionsmöglichkeiten zu strukturieren und auch nach Altersstufen zu differenzieren. Die Gesprächsatmosphäre ist offen und kollegial, von den Ergebnissen profitieren alle.

Sabine Martinez sagt: „Wir haben der Gesamtlehrerkonferenz einen Bericht versprochen, damit das, was gut funktioniert, für alle gute Praxis für alle werden kann.“

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