Kein Pferdefleisch unter dieser Nummer

Der Handel nimmt Produkte mit beigemischtem Pferdefleisch aus den Regalen. Doch manch Verbraucher scheint auf den Geschmack gekommen.

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Ein Bild aus den letzten Tagen: Bis 1990 gab's in der Radgasse 21 eine Pferdemetzgerei.  Foto: 
Pferdefleisch ist dieser Tage in aller Munde. Bei vielen war das in der Vergangenheit nicht unbedingt freiwillig der Fall. Und so schütteln sich viele bei dem Gedanken, dass sie unwissentlich mit Fertig-Lasagne oder Dosen-Ravioli aus dem Supermarktregal auch Pferd verkostet haben. Der Fleisch-Skandal zieht seine Kreise. Wenn auch in Teilen anders als gedacht. Denn manch einer scheint nun auf den Geschmack gekommen zu sein.

So klingelt dieser Tage das Telefon der Wielands in Ulm ungewohnt häufig. „Bekommen wir bei Ihnen Steaks vom Pferd? Rosswurst?“ „Nein, seid mehr als 20 Jahren nicht mehr“, sagt dann die 76-jährige Christel Wieland zunehmend entnervt. Aus ihr unerfindlichen Gründen wird ihr Mann Hansjörg Wieland im Internet unter Angabe der Privatnummer noch immer unter dem Schlagwort „Pferdeschlachterei“ geführt – aktualisiert angeblich zuletzt im Jahr 2011.

Doch schon da waren die Pforten der einzigen Ulmer Pferdemetzgerei längst geschlossen. 30 Jahre hatte Christel Wieland in der Radgasse 21 hinter der Ladentheke gestanden. Bis Juli 1990 verarbeitete Hansjörg Wieland das magere, eiweißreiche und cholesterinarme Pferdefleisch aus ihrer Auslage in der eigenen Wurstküche. Dann war Schluss.

Nicht, weil die Kundschaft ausblieb. Nein, die reiste seinerzeit gar aus einem Umkreis von rund 100 Kilometern an, um die Ross-Delikatessen zu erstehen. Vielmehr lag der Betrieb im Sanierungsgebiet Auf dem Kreuz, und die Bausubstanz des Haus war derart schlecht, dass Abriss und Neubau ungleich billiger waren. Zwar hatte die städtische Sanierungstreuhand den Wielands seinerzeit angeboten, das Geschäft über die Straße zu verlagern. Doch die neue Fläche wäre zu klein gewesen, die Investitionskosten zu hoch und kein Nachfolger für die Spezialmetzgerei war in Sicht. Hinzu kam noch, dass die Nachbarschaft in der Bockgasse bereits eine Unterschriftenaktion gegen eine solche Wurstküche gestartet hatte. Die Wielands verkauften das Haus an die städtische Sanierungstreuhand. Später wurde es teilweise abgebrochen und schließlich das Areal an einen privaten Nutzer verkauft.

Christel Wieland möchte jetzt versuchen, den Telefonvermerk im Internet löschen zu lassen. Vom Pferdefleisch ist sie noch immer überzeugt. „Natürlich hätte man die Menschen nicht so hinters Licht führen dürfen“, sagt die 76-jährige Ulmerin. „Aber passieren kann da gar nichts.“ Und dann sagt sie noch: „Die Franzosen lachen bestimmt über uns. Was bei ihnen eine Delikatesse ist, ist in Deutschland ein Skandal.“ Und wo kriegen die Ulmer denn nun auch als solches deklariertes Pferdefleisch her? „Da müssen sie schon bis Stuttgart oder München fahren. . .“

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Der Pferdefleisch-Skandal

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