Karl Rueff: Ein Mensch mit einer Geschichte

Karl Rueff war ein Schatten - ein Mann ohne Geschichte. Selbst die Nichte wusste fast nichts über ihren Onkel, der in Grafeneck vergast wurde.

|

"Wir wussten als Kinder nicht, dass wir einen Onkel hatten." Dieser Onkel - er hieß Karl Rueff - war nie ein Thema, sagt Doris Dietschy. Die heute 82-Jährige, die in Basel aufgewachsen ist, erinnert sich gern an Ulm. Hier in der Frauenstraße lebten die Großeltern und die Tante. Der Opa hatte im Haus Nr. 28, dem ehemaligen Elchinger Hof, seine Handelsfirma für Trockenobst. "Wenn wir mit dem Gespann durch das Hoftor fuhren, das war toll", erzählt die agile Frau, die vor dem Zweiten Weltkrieg öfter zu Besuch in Ulm war.

Von dem Onkel aber keine Spur. Jahre, nein, Jahrzehnte später erfährt Doris Dietschy von Karl Rueff, "er blieb aber ein Phantom". Erst als Mark Tritsch vor ungefähr einem Jahr bei ihr anruft, wird dieses Phantom zu einem Menschen. Einem Menschen, der gelebt hat. Einem Menschen, der eine Biografie hat. Einem Menschen, den die nationalsozialistische Tötungsmaschinerie in Grafeneck ermordete, weil sein Leben, so der NS-Jargon, als "lebensunwert" galt.

Das Todesurteil für Karl Rueff hatte ein Arzt am 17. Juni 1940 geschrieben: "Leer, dement . . . zeigt kein Interesse. Endzustand." Am Tag darauf wurde er auf die Schwäbische Alb transportiert - in die Heilanstalt, die die Nationalsozialisten zur Tötungsanstalt umfunktioniert hatten. Dort wurde Rueff im Alter von 48 Jahren vergast. 22 Jahre seines Lebens hatte er in Lazaretten, Nervenkliniken und Heilanstalten verbracht.

Was war mit ihm geschehen? Mark Tritsch von der Ulmer Stolpersteininitiative hat die Geschichte Karl Rueffs recherchiert, eine tragische Geschichte. 1892 geboren, hätte Karl Rueff, der 1910 sein Abitur am Realgymnasium in der Olgastraße machte, eigentlich mal den väterlichen Betrieb übernehmen sollen. Der Vater hatte ihn nach dem Gymnasium ins Ausland geschickt, der Fremdsprachen wegen. Doch der Krieg kam dazwischen: Am 2. August 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, drei Wochen später stand er im Feld bei Longwy, später bei Varennes und im Argonnerwald, er kämpfte vor Ypern und bei Verdun. Und dort wurde der "tapfere Leutnant d. R. Rueff", wie es in der Regimentsgeschichte heißt, schwer verwundet.

Der Krieg war am 1. Juni 1918 für ihn beendet, von dem Lungen-Bauchsteckschuss erholte er sich zusehends, "aber in der Seele von Karl Rueff war etwas Schwerwiegendes passiert, eine durch die Verwundung ausgelöste psychische Reaktion auf seine drei Jahre dauernden Kampferlebnisse", schreibt Tritsch. Heute würde man wohl von einer posttraumatischen Belastungsstörung sprechen, damals fiel dem Pflegepersonal zunächst nur auf, dass Rueff alle verachtete, die nicht an der Front gekämpft hatten. Weil er als "arbeitsfähig" eingestuft wurde und nicht den erwarteten Heimaturlaub erhielt, wurde er beim Generaloberarzt vorstellig und schlug diesem ins Gesicht. Dank seines Vaters, des hochgeachteten Konsuls Karl Julius Rueff, der sich für seinen Sohn einsetzte, landete Karl in der Nervenklinik Tübingen und entging somit einer Militärgerichtsverhandlung. Ein professorales Gutachten tat ein Übriges: ". . . es handelt sich um eine sogenannte reaktive Psychose, wie sie sich bei Soldaten, die sehr lange an der Front war, insbesondere aber im Anschluss an schwere Verwundung ziemlich häufig beobachten lässt."

Der Patient war depressiv, hochgradig suizidgefährdet, gewalttätig. Sein Zustand verschlechterte sich weiter, nachdem er in die Heilanstalt Rottenmünster gebracht worden war. Die Eltern holten ihren Sohn schließlich zurück nach Ulm, bauten für die Pflege Karls eine Etage um. "In guten Zeiten arbeitete er in einer Werkstatt, um seine zwei Motorräder in Ordnung zu bringen", so Tritsch, der vielerlei Akten durcharbeitete. Die schlechten Zeiten überwogen allerdings. Als er seinen Vater bedrohte, wurde er wieder nach Tübingen verlegt. Immer wieder keimte Hoffnung auf - auch weil die jüngste Schwester Marie Medizin studierte, später wirklich auch Nervenärztin werden sollte und in einem Gebäudetrakt des väterlichen Hauses eine Klinik eröffnete. Doch die Realität holte die Familie schnell wieder ein, weil Karl Rueff das Mobiliar aus dem Fenster warf oder seine Eltern schlug. Er landete in der Heilanstalt Schussenried, wo er die nächsten 16 Jahre verbringen sollte: bis zu jener verhängnisvollen Diagnose vom 17. Juni 1940, die seinen Tod bedeutete.

Doris Dietschy war überrascht, so viel über ihren Onkel zu erfahren. Den Onkel, über den die Familie lange Zeit den Mantel des Schweigens gebreitet hatte - "wahrscheinlich aus einer Mischung aus Scham und Entsetzen heraus", vermutet sie. Ihr Onkel Karl sei endlich sichtbar geworden, aufgetaucht aus dem Untergrund, ein Mensch mit einer Geschichte, mit einer Familiengeschichte. "Dass er jetzt auf einem Stolperstein verewigt wird, ist ein Riesengeschenk für mich. Ich bin unglaublich dankbar."

Doris Dietschy, die Nichte Karl Rueffs

Doris Dietschy (82) ist in Basel geboren als Tochter von Lili Rueff, einer der drei Schwestern Karl Rueffs. Lili hatte ihren späteren Mann in einem privaten Strandbad auf Ufer des Bodensees kennengelernt, das sie von 1924 bis 1934 betrieb. Doris Dietschy arbeitete zunächst als selbstständige Innenarchitektin, seit 1985 betreibt sie eine Praxis für Alexander-Technik, eine pädagogische Methode, die sich mit dem Erkennen und Ändern von Gewohnheiten, besonders von körperlichen Fehlhaltungen beschäftigt. Seit den 90er Jahren engagiert sich Doris Dietschy auch im Berufsverband.

Der Zeitplan

Der Künstler Gunter Demnig kommt nunmehr schon zum dritten Mal nach Ulm, um Stolpersteine zu verlegen. Zeiten und Orte der Verlegung am kommenden Mittwoch im Einzelnen, teils werden Busse eingesetzt:

10 Uhr, Säntisstraße 36 Dort wohnte Ernst Dauner mit seiner Familie. Dauner erfuhr die Wahrheit über Auschwitz, weil er dort als Bauingenieur im Auftrag der "Süddeutschen Abwasser-Reinigungsgesellschaft" tätig war. Tief verstört über das, was er dort erlebt hatte , erzählte er Kollegen und Bekannten davon. Weil Dauner das Schweigegebot gebrochen hatte, wurde er ins KZ Dachau gebracht und im Januar 1944 ermordet.

10.30 Uhr, Zinglerstraße 44 Hier wohnte und praktizierte der jüdische Arzt Dr. Sigmar Ury und seine Ehefrau Hedwig. Er starb im Mai 1941, weil ihm die medizinische Behandlung verweigert wurde. Berufsverbot hatte er bereits 1938 erhalten. Seine Frau wurde nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet.

11 Uhr, Keplerstraße 21 Rosa Kaufmann und ihre beiden Töchter Gerdi und Selma erhalten je einen Stolperstein. Rosa Kaufmann wurde im Dezember 1940 in Grafeneck ermordet. Sie war nach zwei Schicksalsschlägen psychisch erkrankt und 1931 in die Heilanstalt Schussenried gebracht worden. Gerdi wurde 1942 ins Ghetto Izbica in Polen deportiert, wo sie ermordet wurde. Selma gelang 1938 die Flucht in die USA.

11.30 Uhr, Frauenstraße 28 Dort wird für Karl Rueff, der in Grafeneck vergast wurde, ein Stolperstein verlegt.

12 Uhr, Neue Straße 95/97 Dort wohnte der Bezirksrabbiner Dr. Julius Cohn, der in der Pogromnacht 1938 im Christophorusbrunnen auf dem Weinhof stark misshandelt und schwer verletzt wurde. Ihm gelang zwar im Jahr 1939 noch die Flucht nach England. Er starb allerdings wenig später an den Folgen seiner in Ulm erlittenen Misshandlungen. Seine Frau Dorothea Meth-Cohn wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1944 im KZ Auschwitz ermordet. Ihr Sohn Otto Meth-Cohn wurde mit einem Kindertransport nach England gebracht.

12.30 Uhr, Rathaus Ulm Abschlussveranstaltung mit Liedern des Komponisten Peter Ury, aufgeführt durch das Scherer Ensemble. Peter Ury war der Sohn von Sigmar und Hedwig Ury. Er bekam seine musikalische Ausbildung in Ulm, emigrierte 1939 nach England und kam als Soldat zurück nach Ulm.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ulmerin berichtet aus Barcelona: „Es ist so schrecklich“

Die Ulmer Künstlerin Cecilia Espejo hält sich derzeit in der Nähe von Barcelona auf. Nach dem schrecklichen Terroranschlag berichtet sie von ihren Eindrücken. weiter lesen