Kommando in der Wilhelmsburg: Kampfeinsatz ohne klare Frontlinie

Das Kommando in der Wilhelmsburg macht sich fit für Nato-Einsätze im Ausland. Soldaten aus 22 Nationen bereiten das Führungskommando drei Tage lang auf die neue Aufgabe vor.

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Soldaten während des so genannten Inbriefings.  Foto: 

Das fiktive Szenario wird klassisch sein: Ein Aggressor, der vermutlich den Fantasienamen Bothnia tragen wird, überfällt Skandinavien. Er ist schwer zu greifen, denn er ist keine Armee eines Staates. Es gibt keine klare Front und es ist schwierig, ihn auszumachen. Aber er terrorisiert ganz Skandinavien. Eine Situation ohne klar zu erkennenden  Gegner, ähnlich wie in Afghanistan. Es geht dabei nicht um Bündnisverteidigung, sondern um Krisenreaktion. Die Nato schickt Soldaten, das in Ulm stationierte „Multinationale Kommando Operative Führung“  der Bundeswehr soll diesen Einsatz leiten.

So in etwa wird sich die Situation darstellen, wenn die Soldaten des Kommandos zu Pfingsten 2018 nach Stavanger in Norwegen umziehen. Dort findet im Joint Warfare Center, einer Übungszentrale der Nato, die Übung „Trident Jaguar 2018“ statt. Und die Ulmer Soldaten sollen zeigen, dass sie in der Lage sind, einen Nato-Einsatz mit bis zu 60.000 Soldaten zu führen. Es ist so etwas wie eine Nato-Tauglichkeitsprüfung, die letzte vor dem Ernstfall. Denn schon heute steht fest, dass das Ulmer Kommando vom Juli 2018 bis Ende Juni 2019 in Nato-Bereitschaft stehen wird. Ruft das Militärbündnis in dieser Zeit zu einem Auslandseinsatz  und stimmt die Bundesregierung zu, ist die 650-Mann-Truppe aus der Wilhelmsburg als Führungsstab im Einsatz.

Bis dahin müssen die Soldaten aus der Wilhelmsburg noch büffeln. Vorgehensweisen und Befehlsketten müssen auf die Nato-Standards, die häufig nicht mit Bundeswehrstandards identisch sind,  abgestimmt werden. Deshalb arbeiten bis heute 158 Soldaten aus 22 Nationen im Tagungszentrum der Hessenhöfe bei Blaubeuren. Es ist die Hauptplanungskonferenz für „Trident Jaguar 2018“. Griechen sind dabei, weil das Nato Rapid Deployable Corps Greece, eine Einsatzgruppe aus Thessaloniki, mit den Ulmern gemeinsam die Nato-Reifeprüfung ablegen wird. Geprobt wird nur in dem modernen Center, in dem mit hohem technischen Aufwand militärische Lagen simuliert werden können, aber ohne reale Truppen. Militärs bezeichnen das als Stabsübung. Es geht darum, auf Panzerangriffe zu reagieren, Luftlandeoperationen durchzuführen, die Menschen in einem überfüllten Flüchtlingslager zu versorgen, die militärisch-zivile Zusammenarbeit in der Organisation CIMIC einzubinden und vieles andere mehr. „Das Szenario reicht von der humanitären Hilfe bis zum harten Kampfeinsatz“, sagt Oberstleutnant Hagen Messer, der Presseoffizier des Ulmer Kommandos.

Es gibt heute 10 Kommandostellen, die solche Nato-Einsätze führen könnten und die abwechselnd ein Jahr in Bereitschaft stehen sollen. Es ist aber auch ein offenes Geheimnis, dass die Einsatzbereitschaft dieser Kommandos höchst unterschiedlich ausgeprägt ist. Die meisten können nur militärische Operationen zu Lande führen, und einige sind nicht dauerhaft personell in voller Stärke bereit. Deshalb rechnen die Ulmer damit, auf der permanenten Alarmliste der Nato häufiger aufzutauchen. Das Ulmer Kommando samt Unterstützungsbataillon steht permanent in voller Stärke zur Verfügung, also mit mehr als 650 Soldaten, und es kann nicht nur ein Landheer führen, sondern auch Luftwaffe, Marine und Sondereinheiten wie die Bundeswehr-Spezialtruppe KSK. Das hat sie auch schon gezeigt, als 2015 die Übung Trident Juncture in Spanien  und Portugal abgehalten wurde (wir berichteten).

Können unter Beweis stellen

Das Kommando wird nicht nur für die Nato bereitstehen. Das ist nur eine Zusatzaufgabe, die 2015 von der Bundesregierung so beschlossen wurde. Wie schon bisher steht es bereit, auch im Auftrag der Europäischen Union (EU) oder der Vereinten Nationen (UN) internationale Einsätze zu führen, sagt Drei-Sterne-General Richard Roßmanith, der Befehlshaber des Kommandos und ranghöchste Offizier in Süddeutschland.

Auf dem Weg zur Übung in Norwegen werden noch kleinere Tests und Übungen abgehalten. Sie brauchen die Gelegenheit nachzusteuern, falls Schwächen auftauchen sollten. Es ist eine komplexe Lage, mit der seine Leute klarkommen müssen, sagt der Generalleutnant. „Und die Nato will sehen, ob wir das können.“

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