Jungingen will Schutzwall, aber niemand will dafür zahlen

Wenige, aber teils gravierende Einwände gibt’s zum geplanten Doppelanschluss A 8 im Ulmer Norden. Knackpunkte: Lärmschutz, den alle wollen, aber keiner zahlen will, und die Ausgleichsflächen in Rammingen. Mit einem Kommentar von Christine Liebhardt

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Es bleibt dabei: Die Junginger wollen einen Lärmschutz. Die Stadt Ulm will ihn auch. Und das Regierungspräsidium Tübingen hat zumindest nichts dagegen. Nur bezahlen will ihn niemand.

Das wurde beim Erörterungstermin zum Doppelanschluss A 8, der ab dem kommenden Jahr im Ulmer Norden gebaut werden soll, klar. Der Plan: Die wachsenden Gewerbegebiete um den Eiselauer Weg südlich der Autobahn sowie nördlich hin zu Himmelweiler, Containerbahnhof und Mergelgrube sollen, in Nachbarschaft zum bestehenden Anschluss Ulm-West, ebenfalls an die A 8 angeschlossen werden. So hatte es der Ulmer Gemeinderat vor einem Jahr beschlossen. 12,7 Millionen Euro soll das kosten, städtischer Anteil: 5,7 Millionen.

Vor mehr Verwaltungsmitarbeitern als Bürgern ging es in der Alb-Halle um die Stellungnahmen und Einwendungen zum geplanten Ausbau. Zahlenmäßig gab es davon wenige, nachdem die Pläne im Frühjahr öffentlich ausgelegt waren; die strittigen Punkte wurden dafür umso heftiger diskutiert.

Der Lärm also. Den abzubekommen – auch durch den zeitgleichen Ausbau der A 8 auf sechs Spuren – befürchten zumindest die 931 Junginger, die sich auf einer entsprechenden Unterschriftenliste eingetragen haben. Der Ortschaftsrat hat zusätzliche Bedenken wegen hoher Hallen wie des Müller-Lagers, die künftig in den Gewerbegebieten entstehen und den Lärm der Autobahn reflektieren könnten. Allein: Laut Modellrechnungen werden die zulässigen Grenzwerte nicht überschritten. Vorgesehen ist immerhin Asphalt mit lärmreduzierender Wirkung (minus zwei Dezibel). Auch eine 1,20 bis 1,50 Meter hohe Spritzschutzwand aus Beton zum Grundwasserschutz hat den Nebeneffekt, dass der Fahrbahnlärm etwas weniger wird.

Eine Lärmschutzwand südlich der Autobahn, wie sie der Junginger Ortschaftsrat fordert, könnte allenfalls freiwillig gebaut werden. Mittel vom Bund gibt es dafür nicht, sie müsste die Stadt Ulm bezahlen. Die hat zwar ein Lärmschutzprogramm, aber andere Prioritäten. Chefverkehrsplaner Thomas Feig hat durchaus Verständnis für die Junginger, sieht aber Stellen, an denen die Lärmbelastung deutlich höher ist, zu Beispiel an der B 10. „Das ist eine Dimension, die uns an den Rand der Belastung bringt,“ erklärt er. So oder so müsste die Maßnahme vom Gemeinderat diskutiert und entschieden werden.

Zweiter sensibler Punkt: die ökologischen Ausgleichsflächen, für die das Regierungspräsidium sich zwei Grundstücke im relativ weit entfernten Ramminger Donauried ausgesucht hat (wir berichteten). Sie sind nötig, weil durch die neuen Straßen viel Boden versiegelt wird. Schon 2010 war Rammingen über die Pläne informiert worden, hatte sich auch kooperativ gezeigt und auf ein Kaufangebot aus Tübingen gewartet. Das kam allerdings erst Anfang 2015 – und auch nachdem die Gemeinde durch die Planauslegung erfahren hatte, dass ihre Flächen beansprucht werden. Und dann mussten die Ramminger auch noch in der Zeitung lesen, dass sie im letzten Schritt sogar enteignet werden könnten. Was nicht besonders gut ankam. Reaktion des Ramminger Vertreters Hans Eckle, seines Zeichens Bauamtsleiter: „Die Gemeinde lässt es im Zweifel auf ein Klageverfahren ankommen.“ Er erwartet „vertrauensbildende Maßnahmen“ vom Regierungspräsidium. Rainer Prußeit, dort zuständig für die Planfeststellung, gab zwar zu, dass im Laufe des Verfahrens die Dinge „nicht ganz optimal“ gelaufen seien, war aber sichtlich bemüht, Irritationen zwischen den Parteien auszuräumen.

Ansonsten kaum Einwände, die sich nicht ausräumen ließen: Der Verlauf einer Hochdruckgasleitung muss neu geplant werden, worum sich die Stadt kümmern wird. Und die Dornstadter befürchten einen Rückstau vom Containerbahnhof, der aber durch die Bauplanung verhindert werden soll – zuallererst werden parallel zur A 8 die Querspange Mergelgrube und eine provisorische Brücke über die Autobahn gebaut, die dann als Umleitungen dienen.

Verkehrsplaner Feig freut sich. Er glaubt, dass die Region hinter dem Doppelanschluss steht: „So wenige kritische Stimmen bei so einem gigantischen Projekt – so was habe ich noch gar nie erlebt.“

 

Ein Kommentar von Christine Liebhardt: Doppelanschluss: Modell und Realität

Da baut man also für mehrere Millionen Euro einen Doppelanschluss, um das wachsende Gewerbegebiet im Ulmer Norden an die Autobahn zu koppeln, aber für ein paar hundert Meter Lärmschutzwall soll nichts übrig sein. Trotz vergleichsweise geringer Kosten bei hohem Nutzen – der Wall in Dornstadt hat den Lärm dort deutlich gemindert – schieben Stadt und Regierungspräsidium die Verantwortung hin und her. Tübingen argumentiert mit Modellberechnungen. Wie die Realität und die Lebensqualität der betroffenen Menschen im weiter wachsenden Norden nach der Fertigstellung von Doppelanschluss und Autobahn-Ausbau tatsächlich aussieht, kann niemand vorhersagen.

Natürlich können die Ulmer gern den auch von der Stadt geforderten Lärmschutz haben – solange der Bund nicht zahlen muss. Dass die Stadt sich an dieser Stelle so ziert, in die Tasche zu greifen für etwas, das sie höchstselbst fordert, ist nicht nur den Jungingern schwer begreiflich zu machen. Was die Kabbelei um die Ausgleichsflächen angeht: Es muss nicht, wie von Ramminger Seite gedroht, zur Klage kommen. Vor lauter Eile hat sich das Regierungspräsidium bei der Planfeststellung gleich mehrmals unglücklich angestellt. Dass es bereit ist, auf die Ramminger zuzugehen, hat sein Vertreter durch kleine Gesten deutlich gemacht. Mehr davon schaden sicher nicht. Die muss Rammingen dann aber auch annehmen.

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