Jules Vernes Roman "Der Pilot von der Donau" spielt in Ulm

Jules Verne gilt als einer der Väter der Science Fiction. Viele seiner Romane waren aber keine Utopien, sondern schlicht Abenteuergeschichten. Und eine davon spielt auch in Ulm: "Der Pilot von der Donau".

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  • Drei der Original-Illustrationen von George Roux: Ilia Brusch bricht in Richtung Ulm auf (links), Ulmer Stelzenläufer (oben), und die Szene, in der ein Ulmer Gendarm von Vernes Helden die Papiere verlangt (unten). Fotos: Jules Verne Club 1/4
    Drei der Original-Illustrationen von George Roux: Ilia Brusch bricht in Richtung Ulm auf (links), Ulmer Stelzenläufer (oben), und die Szene, in der ein Ulmer Gendarm von Vernes Helden die Papiere verlangt (unten). Fotos: Jules Verne Club
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  • Schrieb "Der Pilot von der Donau" 1901: Jules Verne. Foto: Verne-Club 4/4
    Schrieb "Der Pilot von der Donau" 1901: Jules Verne. Foto: Verne-Club
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Ilia Brusch fuhr schon vor Sonnenaufgang schnell an Mundelfingen vorbei, und es war auch noch früh, als er an dem großen Flecken Ehingen vorüberkam. Um vier Uhr passierte er die Illermündung am rechten Ufer, und es hatte kaum fünf geschlagen, als er sein Boot am Kai von Ulm, nach der Hauptstadt Stuttgart die wichtigste Stadt Württembergs, an einem Eisenringe angelegt hatte.

Der da im August 1876 in Ulm anlegt, ist eine erfundene Figur des französischen Bestsellerautors Jules Verne. Gut fünf Dutzend Romane hat Verne geschrieben: utopische Klassiker wie "20 000 Meilen unter dem Meer", "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" und "Von der Erde zum Mond". Verne nahm atomgetriebene Unterseeboote ebenso vorweg wie die bemannte Raumfahrt und Hubschrauber.

Aber zu seinen Klassikern gehören auch Abenteuergeschichten wie die "Reise um die Erde in 80 Tagen" und "Der Kurier des Zaren" und eben auch der 1908 posthum erschienene Roman "Der Pilot von der Donau". Keiner der ganz großen Erfolge des Franzosen, aber aus Ulmer Sicht höchst interessant. Denn schließlich spielen gut zwei Dutzend Seiten des Romans in Ulm: entscheidende Passagen der komplizierten Handlung, die Verne auf mehr als 200 Seiten die Donau hinab entwickelt.

1876? Das ist die Zeit, in der sich in Bulgarien der Widerstand gegen das Osmanische Reich regt. Just einer der Anführer dieses Widerstandes ist der Donaulotse (also Pilot) und Fischer Serge Ladko, der das Land verlassen muss. Um ohne Papiere wieder einreisen zu können, fasst er einen Plan. In Sigmaringen richtet der Donaubund, eine internationale Fischer-Vereinigung, sein jährliches Wettfischen aus. Ladko beschließt, dieses unter dem falschem Namen Ilia Brusch zu gewinnen. Sein Plan: Als Sieger des Wettbewerbes wird er dann mit viel Medienpräsenz die Donau in einer Art Triumphzug hinunterreisen. Ladkos Hoffnung: Keiner wird von diesem prominenten Fischerkönig an der bulgarischen Grenze Papiere verlangen.

Was Ladko alias Brusch nicht ahnt: Entlang der Donau kommt es immer wieder zu brutalen Überfällen auf wohlhabende Landsitze. Diese Verbrechen soll eine neu gegründete internationale Polizei-Einheit aufklären. Deren Chef Karl Dragosch beschließt, sich dem Meisterfischer anzuschließen, um unter dem falschen Namen Jäger inkognito die Donau zu beobachten. Anfangs sträubt sich Brusch dagegen, lehnt selbst ein verlockendes finanzielles Angebot Dragoschs ab. Der setzt den Meisterfischer unter Druck - mittels eines Ulmer Gendarms, der wie zufällig die Papiere des Meisterfischers kontrollieren will und erst zufrieden ist, als sich Jäger mit seinem Pass für Brusch verbürgt. Das ist der Beginn eines Verwirrspiels, das die Donau entlang noch wesentlich komplizierter werden soll. Denn der Anführer der kriminellen Bande agiert just unter dem echten Namen Ilia Bruschs: Serge Ladko.

Wer das Buch aufmerksam liest, hat seine Zweifel, ob Verne jemals Ulmer Boden betreten hat. Warum auch? Wer sich mit Kapitän Nemo in die Tiefe wagt, mit Professor Otto Lidenbrock die Erde durchwandert und sich vom Kanonenclub in Baltimore auf den Mond schießen lässt, der hat auch genügend Fantasie für eine Bootsfahrt auf der Donau.

Doch die Landkarte, die Verne wohl zu Rate zog, dürfte etwas unleserlich gewesen sein: Mundelfingen bei Ehingen? Da dürfte sich Verne an Munderkingen verlesen haben. Das Flüsslein Bauchart, das Verne kurz hinter Sigmaringen in die Donau münden lässt, dürfte die Lauchert sein, die sich tatsächlich bei Sigmaringendorf in die Donau ergießt. Den Kai, an dem Brusch in Ulm anlegt, um dann durch die Stadtmauer in die Innenstadt zu gelangen, gab es in Ulm nicht. Die Anlegestelle der Ulmer lag auf der anderen Seite der Donau, auf dem Schwal.

Und das Münster? Das mutiert beim Franzosen vom Neutrum zum männlichen Geschlecht, wie "le munster" in Straßburg, das Verne gerne als Vergleich bemüht und rühmt. Denn schließlich rage dessen Turm höher auf als der Ulmer. Eine Bemerkung, die in der 1984 bei Pawlak erschienenen Taschenbuch- Ausgabe eine Fußnote provozierte. "Wohl ein Irrtum des Verfassers: Der (!) Münster in Ulm ist 161 Meter hoch." Hier irrt allerdings der Anmerker: 1876 war der Turm noch nicht fertiggestellt, das geschah erst in den Jahren 1885 bis 1890. 1876 war das Münster aber dennoch eine Riesen-Baustelle, die Chortürme wurden gebaut. Davon schreibt Verne nichts.

Entdeckt haben das Büchlein zwei, die sich die Donau entlang bestens auskennen und jahrelang die Regionen kulturell beackert haben, die Vernes Held im Boot bereist: Christof Hussmann, der viele Jahre im Team des Internationalen Donaufestes mitarbeitete, und Peter Langer, der Sprecher des Rats der Donaustädte. Letzterer hatte auch den Ulmer Buchhändler Samy Wiltschek nach antiquarischen Exemplaren forschen lassen, denn die Taschenbuchausgabe des Pawlak-Verlags ist längst vergriffen. Wer allerdings noch Fraktur lesen kann: Im Paderborner Salzwasser-Verlag wurde die deutsche Originalausgabe wieder aufgelegt.

Wie der französische Schriftsteller das Ulm des Jahres 1876 beschreibt
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