Jugendhaus Büchsenstadel feiert 40-jähriges Bestehen

Ein Schutzraum für junge Menschen: Die Büchse in der Ulmer Innenstadt feiert ihr 40-jähriges Bestehen. Doch bereits in den ersten Jahren kämpfte sie ums Überleben.

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  • Zur Eröffnung des Jugendhauses zogen Jugendliche mit Fackeln durch die Stadt. Motorräder verursachten Ärger mit den Nachbarn.  1/2
    Zur Eröffnung des Jugendhauses zogen Jugendliche mit Fackeln durch die Stadt. Motorräder verursachten Ärger mit den Nachbarn. Foto: 
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    LOKA_Buechsenstadel2 Foto: 
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Es ist der 17. Dezember 1973: Im Sitzungssaal des Rathauses wird es unruhig. 40 Jugendliche ziehen mit Plakaten und einem 20 Meter langem Papierband ein. Die Kommunalpolitiker schauen sich verwirrt und belustigt um. Doch die Jugendlichen haben ein ernstes Anliegen: Sie wollen ein zentrales Jugendhaus im historischen Büchsenstadel. Dafür haben sie 1500 Unterschriften von Ulmern auf dem Band gesammelt.

Und die Aktion war erfolgreich: Vier Jahre später, am 21. Januar 1977, öffnete die Büchse ihre Türen – und feiert heute ihr 40-jähriges Bestehen. Sie ist noch immer Treffpunkt für Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren, viele von ihnen sind inzwischen Geflüchtete, sagt Siegfried Sauter, Sachgebietsleiter Familie, Kinder und Jugendliche. Es gibt zwei hauptamtlichen Mitarbeiter, ein FSJler und einen Praktikantin die das Freizeitprogramm organisieren. Die Büchse ist ein fester Bestandteil der Stadt, aber ihre Anfangsjahre waren durchaus turbulent.

Siegfried Sauter hat ihre Entwicklung  verfolgt. „Bevor es die Büchse gab, trafen sich Jugendliche samstags in der vh“, erinnert er sich. Zeitweise waren es bis zu 500 Menschen, „das war chaotisch“. Also musste ein anderer Ort her, denn die bereits bestehenden Jugendhäuser entsprachen nicht der Vorstellung der Jugendlichen: Ganz im Geist der 68er-Bewgung wollten sie alles selbst verwalten – ein Jugendhaus in Eigenregie also. 1973 debattierten einige Jugendliche mit dem damaligen Oberbürgermeister Hans Lorenser in einer bundesweiten Fernsehsendung über ihre Vorstellung – und das Anliegen fand seinen Weg in den Gemeinderat.

Aber: Der Wunsch nach Selbstverwaltung wurde in den vier Jahren des Umbaus des Büchstenstadels verworfen: „Die Jugendlichen, die sich das Jugendhaus erkämpft hatten, waren mittlerweile nicht mehr da“, sagt Sauter. Das Engagement ließ nach, und die damals 29-jährige Christel Möller wurde als Leiterin eingestellt.

Und bereits von Beginn an gab es Probleme. Die SÜDWEST PRESSE schrieb am 11. Februar 1977: „Unter den 200 bis 300 Besuchern pro Tag bleibt immer wieder einer alleine. (...) Wer ohne Kameraden kommt und sich dort unterhalten will, findet zwar Musik, Platz und an der Theke gibt’s was zu trinken. Anschluss für den einzelnen gibt es jedoch kaum, denn die Cliquen sitzen zusammen, die große Halle ist ziemlich anonym.“ Rockerähnliche Gruppierungen hätten sich in der Büchse schnell breit gemacht, erzählt Sauter. Bereits zwei Monate nach der Eröffnung beschwerten sich Nachbarn über den „unerträglichen Lärm bis spät in die Nacht hinein“, wie es in der SÜDWEST PRESSE zu lesen war: „Unermüdlich, so wird geklagt, steuern die jungen Leute ihre leichten bis schweren Zweiräder, meist mir Vollgas und unter fröhlichen Hupen, durch Küfer- und Büchsengasse, oft auch durch die Fußgängerzone.“ Und der Bierausschank in der Büchse führte zu Reibereien und Aggressionen. Und so wurde das Jugendhaus nach einem halben Jahr für zwei Monate geschlossen und ein neues Konzept entwickelt: Ein weiterer ehrenamtlicher Mitarbeiter, ein Praktikant, ein Zivildienstleistender, mehr Freizeitgestaltung,  kein Alkohol.

Doch die Probleme hielten an. „Ende der 70er, Anfang der 80er war die Zeit der großen Jugendarbeitslosigkeit und viele türkische Jugendliche kamen zu dieser Zeit in die Büchse“, sagt Sauter. Es kam zu Auseinandersetzungen über die Frage, wer nun das Sagen habe, und politisch rechte und linke Gruppierungen trafen aufeinander.

Am Nullpunkt

Christel Möller forderte mehr Fachpersonal, die Stadtverwaltung weigerte sich. Es folgten zwei Kündigungswellen, die Büchse stand vor dem Aus. 1983 übernahm der Sozialpädagoge Knut Suckfüll mit einer Vision die Leitung: „Ich habe versucht ein besseres Bild der Büchse zu vermitteln und nicht das Bild einer Einrichtung, in der sich ausländische Jugendliche verkloppen.“ Zeitweise kamen täglich bis zu 100 Jugendliche mit türkischen, iranischen, jugoslawischen und deutschen Wurzeln. Mit mehr Mitarbeitern, Gesprächen und gemeinsamen Aktionen wurde es friedlicher. „Die Büchse sollte wieder ein Schutzraum für die Jugendlichen sein“, sagt Sauter.

Und das ist auch heute noch die Idee hinter dem Jugendhaus. Dennoch hat es mittlerweile einen geringeren Stellenwert bei den Jugendlichen. Einerseits gibt es mehr Angebote für sie, wie beispielsweise Jugendcafés oder Ganztagsschulen. „Andererseits haben die sozialen Medien das Treff-Verhalten der Jugendlichen komplett verändert“, beobachtet Sauter. Damals kamen junge Leute zusammen, um gesehen zu werden und sich darzustellen. Heute sind es oft nur kurze Ausflüge in der Büchse, dann ziehen sie weiter. So kämen weitaus weniger Jugendliche: Unter der Woche täglich rund 40, freitags manchmal zwischen 70 und 80. Aber Sauter betont: „Die integrative Wirkung der Büchse hat noch immer eine große Bedeutung.“

Programm Am Freitagabend gibt es in der Büchse einen Empfang mit Bürgermeisterin Iris Mann. Um 17.30 Uhr wird eine Fotoausstellung über 40 Jahre Büchsenstadel präsentiert, um 18 Uhr begrüßt die Bürgermeisterin, um 18.30 Uhr wird das Buffet eröffnet, um 19.15 Uhr eine Dia-Show aus den bewegten Zeiten gezeigt, um 19.30 Uhr das Filmprojekt Integration vorgestellt. Ab 20 Uhr wird mit Nachbarn, Ehemaligen, Mitarbeitern und den Jugendlichen selbst gefeiert.

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