Jürgen Lange: Nach 20 Jahren Abschied als Direktor der Stadtbibliothek

Jürgen Lange ist seit 1993 Direktor der Ulmer Stadtbibliothek. Im Frühjahr geht er in den Ruhestand. Er übergibt ein attraktives, gut aufgestelltes Haus. Ein Gespräch über Beständigkeit und vor allem Wandel.

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Oh, wie schön ist die Stadtbibliothek: Jürgen Lange hat sie als Direktor geprägt.  Foto: 

Seit 1993 sind Sie Direktor der Ulmer Stadtbibliothek. Wie sehr haben sich Ihre Aufgaben und die praktische Arbeit seitdem verändert?
JÜRGEN LANGE: Als ich hier anfing, standen ein oder zwei PCs herum. Durch die Einführung der elektronischen Bibliothek und der Neuen Medien hat sich die Arbeit total verändert. Kurz gesagt: Unsere Aufgabe war früher die Buch- und Literaturvermittlung, heute ist es Medienvermittlung.

OB Gönner hat die Stadtbibliothek in seiner Schwörrede als die kulturelle Institution mit der größten Breitenwirkung in Ulm gelobt. 579.000 Besucher im Jahr sprechen für sich. In Rankings glänzen Sie. Wie kann man diesen Standard halten?
LANGE: Ganz einfach: Die schickste Hülle nützt nichts ohne Inhalt. Wir müssen den Leuten das bieten, was sie suchen, ohne sie zu bevormunden. Wer Fantasy will, kriegt Fantasy, wer sich über Elektronik schlau machen möchte, bekommt Sachbücher zur Elektronik, und wer Literatur der Nobelpreisträgerin Alice Munro sucht. . .

2004 ist die Stadtbibliothek vom Schwörhaus in die Glaspyramide umgezogen. Wie bedeutend war dieser Schritt für die Entwicklung?
LANGE: Es war ein Quantensprung. Gottfried Böhms Neubau ist ja nicht einfach eine Bibliothek, sondern ein Besuchermagnet. Gerade in den ersten Jahren waren Architekten und Bibliothekare aus aller Welt zu Gast. Ich habe hier Führungen für Chinesen gemacht, die nur das Haus sehen wollten. Wenn man auf die internationalen Internet-Seiten des Goethe-Instituts geht, dann werben die in der Sparte "Bibliotheken" immer noch mit uns. Der Neubau hat uns also wirklich etwas gebracht, aber die Wirkung wäre verpufft, wenn wir nicht den nötigen Inhalt hätten - unsere Medienzahl hat sich seit dem Umzug mehr als verdoppelt. In allen Konsolidierungen, die ich mitgemacht habe, galt immer: Wir können an allem Möglichen sparen, aber nicht am Medienetat. Was der Neubau zudem bietet, ist mehr Aufenthaltsqualität. Wir sind ein Stück weit Erlebnisbibliothek geworben. Derzeit geht die Diskussion in unserer Branche sogar um die "Bibliothek als Wohnzimmer". Ich bin gespannt, wie wir uns in Sachen Aufenthaltsqualität noch steigern werden. Daher ist es übrigens auch falsch, immer nur auf die Ausleihzahlen schauen.

Die Onleihe, das digitale Ausleihportal, gedeiht prächtig. Wird es eines Tages mehr virtuelle als reale Bibliotheksbesucher geben?
LANGE: Vorstellbar ist alles, eine Prognose kann ich aber nicht abgeben. Fest steht: Die Onleihe wächst enorm, die Kurve steigt fast exponenziell. In diesem Jahr sind es schon mehr als 4000 neue Nutzer. Wir investieren 40.000 Euro jährlich in die Onleihe, eine Menge. Den alten betriebswirtschaftlichen Satz "Die Nachfrage bestimmt das Angebot" kann man umdrehen: "Das Angebot bestimmt die Nachfrage." Wenn ich da viel reinstecke, kommt auch viel raus - vor allem die Jugendlichen, unsere schwierigste Zielgruppe, kann ich da erreichen.

Das Buch hat aber Zukunft? Sie müssen jetzt Ja sagen.
LANGE: Da sage ich auch ohne Zwang Ja (lacht). Allein, wenn ich mir die Frankfurter Buchmesse anschaue! Und jedes Jahr kommen immer mehr Bücher auf den Markt. Wir müssen einfach den Medien-Mix mitgehen, dann sehen wir schon, was passiert - wir sind schließlich für alle Medien zuständig, ob physisch oder virtuell. Allerdings habe ich früher gern gesagt: Der Leser will nicht das Buch, er will den Inhalt. Das sehe ich jetzt differenzierter: Es gibt schon viele, die auch das Buch wollen.

Der tägliche Umgang hat Ihre Liebe zu Büchern nie kleiner werden lassen?
LANGE: Ach, die Liebe zum Buch. . . Liebe ist das falsche Wort. Aber gelitten hat da nichts. Ich lese viel. Wir haben zuhause keinen Fernseher.

Sie betonen, dass die Zukunft der Bibliothek am Medienetat hängt. Der Deutsche Bibliotheksverband empfiehlt für ein Haus dieser Größe 471.000 Euro. Sie konnten 2012 hingegen 410.000 Euro ausgeben, und das auch nur dank Spenden. Wie schnell hat ein zu geringer Medienetat Auswirkungen?
LANGE: Keine ganz unmittelbaren, dann aber umso gravierendere. Ein schlechter Bestand wird erstmal nicht wahrgenommen: Es dauert ein, zwei Jahre, bis die Benutzer das richtig merken. Und dann kommen sie nicht mehr. Sie dann mit einem aktualisierten Bestand zurückzugewinnen, das dauert viel länger.

Sie haben 1993 mit 44 Planstellen in der Bibliothek angefangen. Nun sind es nur noch 33,5. Zweieinhalb Stellen finanzieren Sie mit selbst erwirtschafteten Mitteln. Die mit Ulm gut vergleichbare Bibliothek in Reutlingen hat 15 Stellen mehr. Wie ist denn die personelle Situation in Ihrem Haus?
LANGE: Wir haben natürlich über die Jahre nicht nur Personal abgebaut, sondern auch sehr viel automatisiert. Aber die personelle Situation ist sehr eng. Wir bräuchten jemand für Öffentlichkeitsarbeit, für Veranstaltungsarbeit. Für Bibliothekspädagogik und zusätzlich für die EDV um zum Beispiel jetzt unsere Onleihe-Angebote für mobile Endgeräte zu adaptieren.

In der Stadtbibliothek - inklusive Zweigstellen und Bücherbus - finden stattliche 570 Veranstaltungen pro Jahr statt. Weshalb wirkt es trotzdem oft so ruhig?
LANGE: Tut es das? In Umfragen sagen 15 Prozent der Besucher, bei uns ist es zu laut, und 40 Prozent sagen, es ist leise. Aber wenn man das vergleicht mit richtig ruhigen Bibliotheken, in denen nämlich gar nichts los ist, da sagen auch 10 Prozent, es sei zu laut. . . Ich selbst empfinde es als nicht so leise. Also, wenn da eine Kindergartengruppe die Treppe runtergeht. . .

Sie wollen ja, dass die Bibliothek ein sozialer Ort ist.
LANGE: Sie muss ein Ort der Kommunikation und des Lernens sein. Wir müssten auch wieder mehr Veranstaltungen, Lesungen oder Bibliothekkonzerte für Erwachsenen anbieten. Aber finanziell ginge das nur über Kooperationen.

2016 wird die Ulmer Stadtbibliothek 500 Jahre alt. Ohne Ihrem Nachfolger Martin Szlatki vorzugreifen: Was sind die Hauptaufgaben der kommenden Jahre?
LANGE: Mit der Digitalisierung Schritt halten. Die Zweigstellen stärken und den Bestand auf die dortigen Zielgruppen abstimmen. Die Öffnungszeiten ausweiten: vor allem am Samstag länger öffnen, da ist jetzt manchmal der Teufel los, auch den Montag dazu und noch einen richtig langen Abend.

Und Sie haben dann im Ruhestand wieder Zeit, um selbst zu lesen?
LANGE: Klar! Ich freue mich, mich wieder mehr mit Stadtplanung, was ich studiert habe, zu beschäftigen. Und mit Italien, das ist mein zweites großes Thema - also nicht der Donauraum (lacht). In erster Linie werde ich aber Hausmann und nebenbei Schöffe.

Sie bleiben in Ulm wohnen, liebäugeln freilich mit einem späteren Umzug in den Norden. Sie bleiben unserer Stadt aber zumindest als User der Onleihe erhalten?
LANGE: Wo auch immer ich bin!

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Kommentare

11.12.2013 10:56 Uhr

Personalabbau in der Ulmer Stadtbibliothek

So ganz nebenbei erfährt man, dass die Zahl der Planstellen von 44 im Jahr 1993 auf 33,5 zurückgegangen ist und dass die Reutlinger Stadtbibliothek 15 Stellen mehr hat. Es wäre interessant zu erfahren, wer für diesen Personalabbau verantwortlich ist, d.h. was die im Gemeinderat vertretenen Gruppierungen CDU, FWG, SPD, FDP, Grüne und Linke eventuell gegen den Personalabbau unternommen haben - oder ob sie ihn befürwortet haben. Interessant zu sehen wäre auch eine längerfristige Entwicklung der Mitarbeiterzahl (also z.B. ab 1970), damit man erkennen könnte, ob der Personalabbau speziell unter Ivo Gönner stattgefunden hat - es sieht ja fast so aus. Eigentlich würde ich Antworten auf solche Fragen von einer Lokalzeitung erwarten, und nicht nur irgendwelche diffusen Andeutungen.
Interessant auch, wofür in Ulm Geld da ist: z.B. für eine Tiefgarage am Bahnhof mit 800 Plätzen, wobei diese Tiefgarage gebaut werden soll, ohne dass irgendjemand über Kosten redet.
Übrigens: Ulm hatte vor nicht allzu langer Zeit überlegt, sich als Kulturhauptstadt Europas zu bewerben (http://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Mit-Ulmer-Trumpfkarten-zur-Kulturhauptstadt-id3660986.html)...

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09.12.2013 09:14 Uhr

DER hat Stadtplanung studiert? Und dann die Glaspyramide???

Oje, er hat Stadtplanung studiert - und dann DIESE Glaspyramide? Mit all den Problemen und Nachteilen?

Das kann ich nun wirklich nicht verstehen.

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