Johannes-Passion stark in der Pauluskirche

Der große bürgerliche Oratorienchor und das Karlsruher Barockorchester - stilgemischt ausdrucksvoll: Bachs "Johannes-Passion" in der Pauluskirche.

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Ein sonnendurchfluteter Frühlingsabend, eine kräftig erblühende Natur; und die ganze Stadt ist noch aufgeheizt vom Menschenmassentreiben am verkaufsoffenen Sonntag. Da muss sich der Zuhörer der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach zunächst runterbremsen in die Besinnlichkeit. Doch die Leidensgeschichte Jesu ergreift einen bald. Und nach der Alt-Arie "Es ist vollbracht" steht die Zeit tatsächlich still. "Die Trauernacht lässt nun die letzte Stunde zählen", hat Countertenor Andreas Pehl gesungen, archaisch begleitet von Laute und Cello. "Es ist vollbracht", heißt es am Ende noch einmal, wie entrückt. Der Evangelist fügt mit Chronistenpflicht hinzu: "Und neiget das Haupt und verschied." Und dann hat die ganze irdische Welt einmal Generalpause.

Wirkliche Stille. Dirigent Friedemann Johannes Wieland wartete lange, ehe er den Einsatz gab für die Bass-Arie "Mein teurer Heiland". Das war, auch in der Aufführung des Ulmer Oratorienchors, einer der stärksten Momente der Johannes-Passion. Dieses Werk ist Drama, Gottesdienst und musikalisches Gebet, und in der Pauluskirche war der Oratorienchor mit mehr als 80-köpfiger Bürgerbeteiligung quasi stellvertretend für die Gemeinde im Einsatz. Da mag nun, im Fugen-Geschehen, kraft Masse nicht alles geschliffen erklungen sein, aber sehr ausdrucksvoll und enorm vielgestaltig bot der Oratorienchor die Choräle: jeder einzelne ein Bekenntnis für sich. Ein Beispiel wortgenauen Singens.

Bemerkenswert an dieser Aufführung war natürlich die stilprägende Besetzungspolitik, denn Wieland bewegte sich auf zwei Klang-Wegen: mit einem traditionell am romantischen Repertoire geschulten Chor, aber auch mit dem Karlsruher Barockorchester auf Originalinstrumenten. Besonders in den Arien setzte der Instrumentalklang feine Akzente. Auch ein starkes Solistenquartett agierte: allen voran Johannes Kaleschke mit weich timbriertem Tenor als Evangelist; dazu Andreas Burkhart (Bass) und Gudrun Sidonie Otto (Sopran). Christian Palm sang die Jesusworte vom Rand aus, in der Position des aus der Gesellschaft verstoßenen Gottessohnes. Aber das erzwingt Bachs Passion: dass der Heiland als Tröster in die Mitte rückt.

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