Jedem Tropf sein Deckel

"Um irgendwas muss man sich eben ernsthaft kümmern, wenn man Spaß am Leben haben will", heißt es in "Bunbury". Am Theater Ulm spielt man so nun auch diese Komödie - was nicht nur spaßig ist.

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Zwei Paar Probleme (v.l.): Johanna Paschinger und Fabian Gröver, Raphael Westermeier und Tini Prüfert in "Bunbury". Foto: Jochen Klenk

"Gut, machen wir gar nichts", schlägt Dandy Algernon vor, "Nichtstun ist die allerschwierigste Beschäftigung, zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt."

Und so machen alle: nichts. Rühren sich nicht mal mehr. Zehn Sekunden lang, 20 Sekunden, 30 Sekunden. Eigentlich eine nette Idee, diese Passage in "Bunbury" so wörtlich, so ernst zu nehmen - und in ihrer Wirkung doch lähmend. So geht es Tom Gerber mit seiner Inszenierung von Oscar Wildes Komödie am Theater Ulm häufiger.

Was passiert denn da, ganz ernsthaft gefragt, in der feinen britischen Gesellschaft anno dunnemals? Lebemann Algernon erfindet einen kränkelnden Freund namens Bunbury, um zuweilen aufs Land zu flüchten, sein Freund Jack erfindet einen Bruder namens Ernst, um zuweilen in die Stadt zu flüchten. Jack ist hinter Algernons Cousine Gwendolen her, Algernon hinter Jacks Mündel Cecily. Die beiden Damen wollen vor allem einen Mann, der Ernst heißt. Es folgen Verwechslungs-, Verlobungs- und Verdummungs-Sperenzchen. Lügen werden zur Wahrheit, die Wahrheit wird zur Pointe - schließlich haben alle Töpfe und Tröpfe einen Deckel.

Die Handlungen in Wildes Stücken "sind mit dem Verschwinden ihrer Angriffsziele vollends uninteressant geworden und nur noch Transportmittel für seinen Witz", konstatierte "Spielplan"-Kritiker Georg Hensel schon vor 45 Jahren. Das mag stimmen, wenn man nur aufs soziale Gefüge blickt - aber was, wenn man die Psychologie der Figuren ernstzunehmen versucht?

Regisseur Gerber tut genau das und kommt zu keinem netten Befund: Algernon und Jack haben finanziell und moralisch abgewirtschaftet, ihre Freundschaft scheint eher ein Konkurrieren - ihr Zwist ist kein Kabbeln unter Kumpeln, sondern hat eine klar aggressive Note.

Raphael Westermeier verleiht Jack verbissene, zuweilen verzerrte Gesichtszüge; ein Heiratsantrag lässt seine Miene geradezu entgleisen. Ein Mann unter Druck. Auch Algernon kann kein lockerer Zeitgenosse sein: Fabian Gröver zeigt ihn als unaufrichtigen Lavierer, als egozentrischen Gecken.

Und die Damen? Die machen es einem analytisch schwerer. Was sie antreibt, ist eher den von Wilde krude überzogenen Genre-Konventionen geschuldet. Doch haben auch sie Kanten und Ecken: Tini Prüfert spielt Gwendolens schlagfertige, kokette, selbstgerechte Seiten aus, Johanna Paschinger gibt Cecily als altkluge, kapriziöse 18-Jährige.

Klingt alles nachvollziehbar, aber leider stößt sich dieser psychologische Zugang an der farcenhaft überzogenen Handlungskonstruktion, am eigentlich leichten Plauderton und an der Doppeldeutigkeit des Wortwitzes, die oft verloren geht. Aus einem Guss wirkt dieser "Bunbury" nicht, vielmehr macht der angestrengte Blickwinkel auch das Zusehen zuweilen anstrengend.

Hinzu kommt, dass Gerber auf der Suche nach Substanz den Text mit Wildes Essay "Der Sozialismus und die Seele des Menschen" anreichert. Jörg-Heinrich Benthien - der hier sonst als Butler Essen, Trinken und Repliken trocken serviert - spricht diese Passagen. Die "Internationale" singt er ebenso. Dieses Spiel mit Sozialkritik, Ironie oder nicht, bleibt aber bemüht.

Erst wenn sich nach der Pause das Geschehen zuspitzt, nimmt der Abend amüsant Fahrt auf. Im Wortsinn ansehnlich ist diese Inszenierung aber schon von Beginn an. Mona Hapke hat drei sinnfällige Bilder mit schiefen Flächen, Versatzstücken gutbürgerlichen Lebens sowie Aquariums-, Licht- und Spiegelideen gestaltet: Algernons Junggesellen-Spielwiese in London verwandelt sich in den Garten von Jacks Landhaus und schließlich in eine Möbel-Sumpf-Landschaft.

Die farbensatten Kostüme sind mit pointierten Schnitten und feinen Stoffen geradezu Charakter-Kleidung: vom blauschillernden Anzug bis zum Traum eines floralen Sommerkleids in Gelb. Die stets Ton in Ton dazu passende Schminke verleiht den Figuren etwa adäquat Masken-, fast Cartoonhaftes.

Das hilft auch dabei, die Nebenrollen zu greifbaren Typen werden zu lassen. Wilhelm Schlotterer (als Reverend Chasuble) und Sibylle Schleicher (als Haushälterin Prism) sind quasi das dritte Pärchen: Mr. und Mrs. Sublimierung. Und Ulla Willick ist als Hausdrache Lady Bracknell richtig komisch, zelebriert ihre Sprüche und Sottisen mit schrapnellhaftem Singsang. Das, immerhin, klingt nach Oscar Wilde.

Info Nächste Termine: 11., 12., 14., 17. und 20.10., Tel. 0731-161 44 44.

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