Jazziger Aufbruch

Der Wohnbau-Unternehmer Günter Steinle schreibt seine Memoiren, hat aber schon mal ein Kapitel Ulmer Jazzgeschichte veröffentlicht: bilderreich, als Kalender. Alles über die legendäre "Gaslaterne".

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  • Amerikanische Soldaten brachten den Ulmern in den 50er Jahren den Jazz - das Foto von Hans Joachim Kruse eines unbekannten Saxophonisten schmückt das Februar-Blatt des "Steinle Kalenders 2016". 1/2
    Amerikanische Soldaten brachten den Ulmern in den 50er Jahren den Jazz - das Foto von Hans Joachim Kruse eines unbekannten Saxophonisten schmückt das Februar-Blatt des "Steinle Kalenders 2016". Foto: 
  • Ulmer Jazz-Kalender. 2/2
    Ulmer Jazz-Kalender. Foto: 
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In seinem Neu-Ulmer Büro mit Blick auf den Petrusplatz stapelt sich Kunst. Frank Stella, Gerhard Richter, dann auch Reverenzen der Ulmer HfG. Mit Staatsmännern wie Bill Clinton führte er einen Briefwechsel. Desginer Giorgio Armani schenkte ihm eine Brille. Günter Steinle, der Wohnbau-Unternehmer und engagierte Mäzen, kommt aus dem Erzählen nicht mehr heraus und sagt: "In meinem Leben war das wie bei Forrest Gump, ich war immer dabei, wenn was passierte." Auf jeden Fall war er das auch im Nachkriegs-Ulm, als der Jazz die Jugend aufrüttelte.

Derzeit schreibt der 74-Jährige seine Memoiren. "Wie Phönix aus der Asche" soll das Buch heißen. Aber Auszüge daraus hat er jetzt vorab veröffentlicht. Es ist eine sehr interessante Geschichte über den "Jazz in der Gaslaterne", über "die Wiege des Jazz in Ulm". Beim Stöbern in der Vergangenheit sind nicht nur Erinnerungen aufgetaucht, sondern auch viele Fotos.

So reifte die Idee, einen "Steinle Kalender 2016" herauszugeben: Der ist mit eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotos von Hans Joachim Kruse aus den 50er und 60er Jahren bestückt, Monat für Monat. Steinle selbst hat den Kalender zusammen mit Spiesz Design aus Neu-Ulm gestaltet. Einige Blätter sind beschrieben, Co-Autor ist Heinz Koch vom Theater Neu-Ulm. Aber weil es so viel zu erzählen gab, liefert Steinle zum Kalender gleich noch ein Begleitheft mit ausführlichen Texten mit.

1955 beginnt diese Story. Der 14-jährige Günter Steinle legt in der elterlichen Wohnung in der Kramgasse 2 eine Louis-Armstrong-Platte auf, "Skokiaan" dröhnt aus den Lautsprechern - und dann eilt der Vater aus dem Geschäft hoch und verpasst dem Sohn eine Ohrfeige: "Negermusik!" Es war eine Zeit, als in der Oberen Stube die Tanzkapellen aufspielten, als in den Lokalen noch Wurlitzer- oder Seeburg-Jukeboxes standen, die auch Rock 'n' Roll parat hatten. Und es war eine Zeit, als die Hochschule für Gestaltung auf dem Hochsträß, "der Alptraum der Ulmer bürgerlichen Gesellschaft", eine für die Münsterstadt "kaum erträgliche Dynamik zu entwickeln begann".

Die knapp 20-jährigen Elmar Pross, Robert A. Schaller und Joe Müller, gekleidet im Existenzialisten-Look, ungescheitelte Haare, aber kamen auf die Idee, einen Wirt zu gewinnen, der ihnen die Möglichkeit bot, Jazz-Konzerte zu veranstalten. Und sie kamen auf die "Gaslaterne" in der Kohlgasse, das spätere "Aquarium", das ein gewisser Reitmaier betrieb. Das erste Konzert fand 1958 statt, da war dann auch der Schüler Günter Steinle dabei, der selbst Klavier und Schlagzeug spielte und bereits 1957 im Keller seines Elternhauses, die Familie war mittlerweile in die Söflinger Königstraße umgezogen, eine Jazz-Location freigeräumt hatte: "Club 79", nach der Hausnummer benannt.

Wer da in der "Gaslaterne" auftrat, das war das legendäre Ulmer Jazz-Quintett, aber auch amerikanische Soldaten, die in Neu-Ulm stationiert waren: "Man munkelte, es seien auch Bandmitglieder aus dem berühmten Count Basie Orchestra dabei gewesen." Das Februar-Blatt zeigt das imposante Foto eines unbekannten Saxophonisten. Die US-Boys setzten die Standards. Man ahnt nun wirklich: "Es muss ein Aufbruch in neue (musikalische) Welten gewesen sein."

Dann tauchen noch viele Namen auf, die einen guten Klang haben in der Ulmer Jazzgeschichte: York von Prittwitz etwa, der in der "Gaslaterne" Vorträge über Jazz hielt und Jahre später seine bedeutende Plattenfirma YVP gründete. Oder Harald Eckstein, "ein Superstar der Ulmer Szene", Pianist und "Womanizer". Oder der Schlagzeuger Peter Dick (auf dem Juni-Blatt abgebildet). Natürlich auch "Oberjazzer" und Top-Vibraphonist Werner Brendel, der zudem Motorsportler war und später den "Delta 1" der HfG-Designer rettete.

Auserzählt ist diese Geschichte übrigens noch lange nicht: 2017 gibt's den nächsten Kalender.

Günter Steinle Fondation

Engagement Wohnbau-Unternehmer Günter Steinle gründete 1973 seine "Günter Steinle Fondation", um sich sozial, aber auch für den Sport und die Kunst zu engagieren. Aktuell unterstützt die international vernetzte Fondation im Kulturbereich die Musical-Produktion "The Black Rider" am Theater Ulm und fördert die Neue Philharmonie München. Wichtige mäzenatische Projekte waren etwa die "Neue Musik im Stadthaus", Jürgen Grözingers European Music Project und die Produktion der CD "Inside The Dream".

Kalender "Jazz in der Gaslaterne" heißt der "Steinle Kalender 2016" und kostet samt Begleitheft 15 Euro. Erhältlich in Ulmer Buchläden und via Internet: www.40-jahre-steinle.de

 

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