James Bond jagt Dr. Strauß

"Tik-tak, tik-tak" spielen und singen die Philharmoniker. Die Zeit vergeht wie im Fluge: zweieinhalb Stunden lang gute Laune beim sehr abwechslungsreichen Neujahrskonzert des Theaters Ulm.

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Ein Neujahrskonzert mit vielen Gags: Als schrill aufgetakelte Clorinda aus Gioachino Rossinis Oper "La Cenerentola" klaut die Sopranistin Maria Rosendorfsky dem Dirigenten den Taktstock. Timo Handschuh spielt den staunenden Generalmusikdirektor. Foto: Oliver Schulz

James Bond schickt einen Salut damour aus dem Krapfenwaldl, ehe die Leichte Kavallerie zum Schwanensee galoppiert und der Typewriter die West Side Story neu schreibt. Oder so ähnlich. Das Programm des Neujahrskonzerts der Ulmer Philharmoniker bietet wieder einen internationalen Unterhaltungs-Trip. Klänge und Tänze aus aller Welt, Koloratur-Arien und Filmmusik, von der "Conga del Fuego" (Arturo Márquez) bis zur "Tik-Tak"-Polka von Johann Strauß.

Und den "Kaiserwalzer" gibts auch. "Das wäre nicht nötig gewesen", dankte Moderator Matthias Kaiser dem Orchester launig und erklärte dem Publikum gleich mal den Sinn des ganzen Treibens: Beim Neujahrskonzert des Theaters Ulm stehe die Nachimpfung gegen das Schlechte-Laune-Virus an. Beste Stimmung herrschte schon am Neujahrsabend im ausverkauften Großen Haus - also am Originaltag. Generalmusikdirektor Timo Handschuh und die Philharmoniker spielen das Programm noch weitere acht Mal bis Ende Januar.

Gag-reich wie nie zeigt sich der Unterhaltungs-Klassiker in diesem Jahr. Das geht los mit einem Heulsusen-Auftritt der Clorinda aus Gioachino Rossinis Oper "La Cenerentola": Maria Rosendorfsky, die Solistin des Abends, jauchzt nicht nur die Arie der aufgetakelten, aber verschmähten Aschenputtel-Schwester, sondern klaut auch dem Dirigenten den Taktstock und fuchtelt lustig hysterisch ins Publikum.

Für das traumhafte "Somewhere" aus der "West Side Story" von Leonard Bernstein schwebt die Sopranistin sogar aus dem Bühnenhimmel, nur das "Lied an den Mond" aus Antonin Dvoraks Oper "Rusalka" singt Maria Rosendorfsky seriös am Boden - und schlicht schön. Dass die Wienerin "bekanntlich vor keinem musikalischen Stilbruch zurückschreckt", lobpreist Operndirektor Kaiser sein Ensemblemitglied, aber man könnte auch sagen: Sie hat alles drauf. Herrlich "The Girl in 14 G" von Jeanine Tesori, eine höchst theatralische Diven-Nummer zwischen Königin-der-Nacht-Koloratur und Broadway-Swing. Riesenbeifall.

Während das TV-Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker bekanntlich auf die Strauß-Dynastie fixiert ist, setzt Handschuh in Ulm auf ein wunschkonzertmäßiges Crossover. Die Philharmoniker starten mit der Ouvertüre zur Oper "Der Barbier von Sevilla" von Rossini, schmachten Edward Elgars "Salut damour" (Liebesgruß) und spielen die Ouvertüre zu Franz von Suppés Operette "Leichte Kavallerie" mit schwerer Dröhnung. Salonweich ertönt der Walzer Nr. 2 aus der Suite für Varieté-Orchester von Dmitri Schostakowitsch, bekannt aus dem Soundtrack zu Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut" oder als André-Rieu-Hit. Und ein Walzer aus Peter Tschaikowskys Ballett "Schwanensee" gehört ebenso zur Dreivierteltakt-Auslese.

Am Neujahrsabend steckte den Philharmonikern wohl zunächst noch Silvestermüdigkeit in den Knochen. Nicht alles war sauber intoniert, ein paar Wackler gabs, aber die Leidenschaft, mit der Handschuh die Stücke befeuerte, glich das aus. Geschüttelt, nicht gerührt: Nach der Pause begeisterte Stanley Blacks James-Bond-Medley - diese großformatige Filmmusik, live dargeboten mit mächtigem Klang, ist ein Höhepunkt des Programms. 007 jagt Dr. Strauß heißt gewissermaßen die Parole. Spaß machten dann auch der erhabene "Kaiserwalzer", die "Krapfenwaldl"-Polka mit ihrem Vogelstimmen-Instrumentarium und die "Tik-Tak"-Polka von Johann Strauß junior.

Dann war bei den Zugaben kein Halten mehr: Die Philharmoniker zelebrierten furios John Philip Sousas Marsch "The Stars And Stripes Forever"; auch der Radetzky-Marsch zum Mitklatschen fehlte nicht. Und Schlagzeuger Achim Hauser hatte ein wunderbar selbstironisches Solo als Bürobeamter an der Schreibmaschine in Leroy Andersons "The Typewriter".

Philharmoniker spielen neun Mal den Radetzky-Marsch
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