Ivo Gönners letzter Schwur als Oberbürgermeister

Ivo Gönner lag völlig falsch. Am Morgen hatte er noch gedacht, es würde ein ganz normaler Schwörmontag werden. Es war aber kein normaler Schwörmotag: weder für Gönner und sein ganzes Team, noch für die Ulmer.

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Ivo Gönner lag völlig falsch. Am Morgen hatte er noch gedacht, es würde ein ganz normaler Schwörmontag werden. Wie immer frühstückte er in Ruhe, band sich die Krawatte, zog sein Jacket an, verabschiedete sich von seiner Familie und ging dann die Treppen vor dem Haus zum Parkplatz hinunter. „Ich geh’ die Schwörrede im Büro nochmal durch und erledige die Post“, sagt er, bevor er in sein Auto steigt. Schließlich sei noch Zeit, bis es losgehe. Alles in allem Routine, gewürzt mit ein „bisschen Anspannung wie immer“.

Es war aber kein normaler Schwörmotag: weder für Gönner und sein ganzes Team, noch für die Ulmer. Zum letzten Mal legte Gönners langjährige Büromitarbeiterin Claudia Schenk ihm um 10.30 Uhr die Bürgermeisterkette an. Zum letzten Mal stand er da und ließ es sich etwas ungeduldig gefallen, wie die freundliche Frau die Kette vor seinem Bauch drapierte, den Anzugkragen wieder ordentlich zurückklappte und nochmal alles kontrollierte, bevor sie ihn entließ.

An diesem Tag war Referent Claus Schmid zum letzten Mal dafür verantwortlich, dass alles reibungslos lief. Er informierte die Medien, schaute auf die Uhr, damit der OB die Gäste von auswärts – dieses Mal Ministerpräsident Winfried Kretschmann samt Frau, Tochter und Schwiegersohn aus Stuttgart – unten vor dem Rathaus pünktlich empfing – „schön, dass ihr da seid“ – und dass der Marsch zum Schwörhaus geordnet vor sich ging. Dort zog ihn seine Pressesprecherin Marlies Gildehaus beiseite, empfahl ihm während der Rede viel zu trinken und legte das geschriebene Wort des OB vor sich auf den Tisch, um später sorgfältig mitzulesen und sich zum letzten Mal zu freuen, dass ihr Chef auf den Punkt genau zum Ende gekommen ist, wenn die Schwörglocke läutet.

Zuvor war der 63-Jährige zum letzten Mal im Raum des Schwörhauses gestanden, schaute auf den Balkon hinaus und knetete die Hände hinterm Rücken. Er trat hinaus an den Pult, sprach eine Stunde über seine Stadt, über die Leistungen der Bürger, des Gemeinderats, die Herausforderungen, und dass Ulm ein Teil Europas ist und von der Verpflichtung der Ulmer, Flüchtlinge willkommen zu heißen.

Als die Schwörglocke erklingt, hebt Gönner die rechte Hand zu seinem letzten Schwur als OB und lauscht dem anschließenden Applaus. Dann dreht er sich um und geht – sichtlich gerührt – allein aus dem Raum. Unten auf dem Platz empfängt ihn seine Frau, umarmt und küsst ihn und dann setzt er sich hin, senkt den Kopf und wirkt noch immer nachdenklich.

Ein normaler Schwörmontag schien es auch für die Ulmer nicht zu sein. „Es sind viel mehr als sonst und vor allem halt Ulmer Bürger“, freut sich Gönner, als er vom Schwörhaus oben sieht, wie sich trotz der heißen Sonne Tausende in den Zugangsstraßen und auf dem Platz drängen, ihm zujubeln. Beim Rückweg ins Rathaus schütteln ihm viele Ulmer die Hand, bedanken sich, loben ihn für seine Rede – und bedauern, dass er nicht mehr kandidiert.

„Ich habe ihn noch nie so gelöst erlebt“, sagt Marlies Gildehaus beim Empfang, als Gönner von seiner jüngsten Schachtelfahrt erzählt, von der er krank zurück kam. Ohne Stimme. Und zum ersten Mal seit seiner Kindheit wieder Milch mit Honig eingeflößt bekam. Seine rundum entspannte Stimmung hält auch rund zwei Stunden später an, als er auf der Schachtel „Linz“ die Donau hinunterschippert und das Bad in der Menge genießt. Immer wieder rufen die Leute laut „Ivoooooo“ und strecken den Daumen nach oben.

Strahlend winkt der 63-Jährige mit beiden Händen, kommt mit den Schlauchbootfahrern ins Gespräch, lädt den einen oder anderen ins Boot, trinkt tapfer alles, was ihm angeboten wird, und schert sich nicht darum, dass er immer wieder nass gespritzt wird: „Am Schwörmontag wird man immer zweimal nass und zweimal trocken“, erklärt er Dekan Ernst-Wilhelm Gohl.

„Das ist seine Parade, so war es noch nie“, freut sich Stadtrat Dr. Hans-Walter Roth. Seine Kollegen nicken. In der Friedrichsau legt die Schachtel an, und wie immer geht Gönner zum „Pferch“, um ein „Achtele“ zu schlürfen. Als OB an diesem Schwörmontag zum letzten Mal. 

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