Iveco-Krise für Bäckerei Staib eine Katastrophe

Iveco Magirus stellt in Ulm bald keine Lastwagen mehr her. Das hat Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft. Viele Dienstleister sind betroffen und Zulieferer. Dies allerdings in ganz unterschiedlicher Art und Weise.

|
Die Großbäckerei Staib beliefert das Werk täglich zwei Mal und bringt tausende Semmeln, Brezeln und Körnerbrötchen hin - noch.  Foto: 

"Es ist eine Katastrophe. Es ist in dieser Konsequenz unfassbar." Für Marcus Staib fällt der größte Kunde weg, wenn die Lkw-Produktion von Iveco Magirus im Donautal schließt und hunderte Arbeitsplätze abgebaut werden - im Raum stand bislang die Zahl 670, möglicherweise werden es nicht ganz so viele sein.

Zwei Lieferfahrzeuge von Staib fahren täglich das Werk im Donautal an, bringen mehrere Tausend Semmeln, Brezeln und Körnerbrötchen hin. Seit 25 Jahren. Auch wenn die Ulmer Bäckerei insgesamt 50 000 Menschen am Tag mit Backwaren versorgt, bedeuten einige hundert weniger einen Verlust. Staib hält es für ausgeschlossen, diese Lücke in absehbarer Zeit schließen zu können. "So einen Großkunden kriegt man nur alle paar Jahre." Die Bäckerei wird wohl bald mit Überkapazitäten zu kämpfen haben, "irgendwo etwas einsparen müssen". Der Chef sagt aber auch: "Ich werde deswegen keine Mitarbeiter entlassen - ich bin ja froh über jeden, der da ist." Zurzeit fallen Überstunden an, Staib plant, zuallererst die Stundenzahl herunterzufahren. Sprich: Die betroffenen Mitarbeiter verdienen weniger.

Staib ist exemplarisch für jene Dienstleister aus der Region, die zwar nicht direkt an der Produktion von Iveco hängen, aber dennoch spürbare Einschnitte erleben. Für sie fällt zwar nicht alles weg, erklärt Michael Braun von der IG Metall, der Brandschutz von Iveco bleibe schließlich bestehen, er wird sogar ausgebaut. Aber die Dienstleister haben an dem Standort im Donautal bald weniger Arbeit. In den Worten von Iveco-Pressesprecher Manfred Kuchlmayr: "Wenn weniger Leute essen, wird weniger gekocht." Im wörtlichen Sinne in der Kantine, im übertragenen auch in der Logistik oder im Werkschutz.

Welche Auswirkungen die Schließung des Lkw-Werks auf das Dienstleistungsunternehmen Fiat GmbH hat, das für Iveco Magirus und andere Teile des Fiat-Konzerns Buchhaltung, Entgeltberechnungen und Steuer abwickelt, ist bislang nicht bekannt. "Wir wissen immer noch nichts Genaues", sagt die Betriebsratsvorsitzende Elke Schwarzmann. Es herrsche Unsicherheit. "Wir werden immer wieder vertröstet." Am Hauptsitz in der Nicolaus-Otto-Straße sind mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigt. Personalreferent Holger Sattler wartet ebenfalls auf Informationen aus Turin. Er geht davon aus, dass Personal abgebaut wird. "Iveco Magirus ist schließlich unser größter Kunde."

Die Auswirkungen für die Region seien, was die Dienstleister angeht, vergleichsweise massiv, meint Michael Braun von der IG Metall Ulm. Große Einschläge im Zulieferbereich gebe es hingegen nicht. Die industrielle Wertschöpfungskette bestehe im Wesentlichen fort: "In Spanien wird ja weiter produziert." Das heißt: Zulieferer, die mit Iveco generelle Verträge haben, schicken ihre Teile eben nach Madrid statt Ulm. "Auch wenn sich der Montageort verändert: Der Stralis bleib schraubengleich ein Stralis", betont denn auch Pressesprecher Kuchlmayr. Die Getriebe von ZF Friedrichshafen hätten künftig zwar weitere Transportwege, die Teile der italienischen Zulieferer dafür kürzere. Ändern könnten sich allerdings die Mengen. Insgesamt hat Iveco offiziellen Angaben nach in Europa 270 Zulieferer, 60 in Deutschland.

Die mit der Schließung der Ulmer Lkw-Produktion einhergehenden Folgen für die Geschäftspartner relativieren sich auch aus einem anderen Grund - der mit der Ausgangslage zu tun hat. "Wir kommen aus einer Unterauslastung", sagt Braun, und die lag in Krisenzeiten bei sage und schreibe 70 Prozent. Der Bedarf an Dienstleistungen und Zulieferteilen bewegte sich also schon länger auf niedrigem Niveau. Gravierend sind aus Sicht des Gewerkschaftssekretärs die Folgen für den Einzelhandel: "Wo sich industrielle Strukturen verändern, fragen sich die Menschen: Wie sicher ist mein Job eigentlich?" Das Geld für nicht wirklich nötige Konsumartikel sitzt folglich nicht mehr so locker.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

27.07.2012 21:18 Uhr

Medienheld Albert Ulmer

Wenn ich solch ein parteiideologisch borniertes Geschreibsel lese, bewirkt dies genau das Gegenteil.
Vorbei des Sommers Freuden - der Kreislauf kolabiert, der Puls geht rasant nach unten, das Taschenmesser im Hosensack auf.

Dennoch Herr Ulmer:

Gehen Sie aus suchen Freud
In dieser schönen Sommerzeit
An Ihres Gottes Gaben
Schauen an der schönen falschen Zier
Und siehe wie Sie mir und dir
Sich reichlich ausgeschmücket haben

Antworten Kommentar melden

27.07.2012 18:59 Uhr

Richtig,

mein Gedanke!

Antworten Kommentar melden

27.07.2012 18:50 Uhr

Verluste ohne allen Ausgleich

Weltweit gibt es im Wesentlichen nach Aoki nicht mehr als zwei grundverschiedene Beziehungen zwischen Hersteller und Zulieferern. In der nordamerikanischen Fassung finanzieren Zulieferer über den Preis ihrer Produkte die Aufwände des Herstellers für Forschung und Entwicklung und investieren dadurch in dessen Unternehmen. Die asiatische hingegen charakterisiert, dass Hersteller an die Zulieferer Kredite ausreichen und in die Funktion gleichsam einer Bank eintreten, mit deren Geldern Zulieferer ihrerseits Forschung und Entwicklung der eigenen Produkte und Prozesse finanzieren. Wegen der tieferen Integration und der deshalb strukturell bei weitem geschützteren Autonomie letzterer Beziehung zwischen Hersteller und Zulieferern fällt regional der Verlust insofern sehr viel höher aus und kann gesellschaftlich selbst noch unter größten Anstrengungen nie wieder ausgeglichen werden, wenn industriell eine Fertigung wie beispielsweise die der Iveco Magirus AG in Ulm endet.

Antworten Kommentar melden

27.07.2012 18:23 Uhr

Scheinheiliges Gejammer

Wer täglich ausgerechnet bei seinen größten Kunden mit Mitbewerberprodukten seines Kunden vorfährt, verdient kein Mitleid. Staib, denkt wohl immer nur an seine Vorteile und wenig vernetzt. Analog der gefühlten Qualität seiner Produkte kann das schnell zu seinem Abstieg führen.

Antworten Kommentar melden

27.07.2012 11:58 Uhr

Wenn das für Staib schon eine

Katastrophe sein soll, dann muss die Bäckerei wohl schon am Rande einer Katastrophe stehen. So flexibel muss ein mittelständischer Betrieb sein um das verkraften zu können ohne gleich von einem Katastrophenszenario zu reden.

Antworten Kommentar melden

27.07.2012 11:27 Uhr

Deswegen

fährt der Staib auch MB Transporter! (siehe Bild)
Wenn Staib so von Iveco abhängig ist, dann sollte er auch etwas dafür tun!

Antworten Kommentar melden

27.07.2012 10:35 Uhr

Iveco

Tja das ist mal eben so ne Sache....
Sollen sie einfach weiter LKW produzieren ohne das die verkauft werden???

Antworten Kommentar melden

27.07.2012 09:08 Uhr

Grüne Phantasien werden Wirklichkeit - Der Ministerpräsident

(..) Staib ist exemplarisch für jene Dienstleister aus der Region, die zwar nicht direkt an der Produktion von Iveco hängen, aber dennoch spürbare Einschnitte erleben. (..)

Schon vergessen, was der grüne Ministerpräsident noch vor Amtsantritt als Ziel vorgegeben hat?

Winfried Kretschmann: Autobauer sollen weniger Autos herstellen
http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/winfried-kretschmann-autobauer-sollen-weniger-autos-herstellen_aid_621254.html

Die Produktionseinstellung von Iveco Magirus sollte somit das Herz der grünen höher schlagen lassen - Wünsche erfüllt.
Ob die Grünen in Ulm diesen 'Teil-Erfolg' medienwirksam feiern werden?

.

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Jamaika-Krach – Stimmen aus der Region: „Alle noch auf Endorphin“

Die Abgeordneten der Region zeigen sich angesichts des Scheiterns überrascht. Wie es weitergeht, ist für viele unklar. weiter lesen