Interview: "Palliativmedizin ist sprechende Medizin"

Die Palliativstation am Uni-Klinikum Ulm besteht seit fünf Jahren. Wir sprachen mit der Leiterin Dr. Regine Mayer-Steinacker, dem Leiter des Pflegeteams Michael Kendel und Seelsorger Albert Rau.

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    Sie stellen den Patienten in den Mittelpunkt: Dr. Regine Mayer-Steinacker als Leiterin der Palliativstation, ... Foto: 
  • und Albert Rau, der sich als einer von drei Seelsorgern um die seelischen Belange kümmert - auch um die der Mitarbeiter auf der Station. 2/3
    und Albert Rau, der sich als einer von drei Seelsorgern um die seelischen Belange kümmert - auch um die der Mitarbeiter auf der Station. Foto: 
  • ...Michael Kendel als Leiter des Pflegeteams...... 3/3
    ...Michael Kendel als Leiter des Pflegeteams...... Foto: 
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Wie kommen Sie als Palliativmedizinerin und Ihr Team damit zurecht, dass Ihre Patienten alle schwerstkrank und dem Tode geweiht sind?
DR. REGINE MAYER-STEINACKER: Bei uns auf der Station werden ja nicht nur Patienten betreut, die heute oder morgen sterben. Wenn die hochspezialisierte Medizin dem Patienten nicht mehr helfen kann, er nicht mehr geheilt werden kann, sind wir für ihn und - ganz wichtig auch - für seine Familie da. Wir sorgen für Lebensqualität in diesen Wochen und Monaten, bisweilen sind es sogar Jahre. Für mich ist es ein Erfolg zu sehen, wenn Patienten mit dieser Situation zurechtkommen und wir später die Rückmeldung von der Familie erhalten, dass sie diese Zeit des Sterbens, des Abschiednehmens in guter Erinnerung hat.
MICHAEL KENDEL: Wenn die Patienten eine individuelle, angepasste Pflege erhalten, ist unser Ziel erreicht. Das gelingt freilich nicht immer, auch wir geraten an die Grenzen. Wir fangen uns dann selber auf, es gibt Supervisionen, wir können mit den Teammitgliedern reden . . .
ALBERT RAU: Es gibt eben auch Patienten, die sehr negativ sind. An sie ranzukommen, gestaltet sich als äußerst schwierig. Das nimmt das Pflegepersonal mit . . .
KENDEL: Wir dürfen dann auch mal sagen: Nein, ich kann heute nicht in dieses Patientenzimmer . . .

Was heißt denn eigentlich Palliativmedizin?
MAYER-STEINACKER: Das lateinische Verb "palliare" bedeutet: mit dem Mantel umhüllen, den Patienten in die Mitte nehmen. Wir tun alles, um den Patienten zu schützen. Da kümmert sich nicht nur ein Strahlentherapeut oder ein Chirurg um den Patienten, der Patient wird ganzheitlich gesehen, ein ganzes Team sorgt für ihn . . .

Aus wie vielen Personen setzt sich das Team zusammen?
MAYER-STEINACKER: Insgesamt sind wir 14 auf der Palliativstation, darunter sieben Pflegekräfte, die speziell ausgebildet sind, ein Stationsarzt, eine Physiotherapeutin, eine Psychoonkologin, der Soziale Dienst, eine Maltherapeutin, ein Seelsorger und ich als Oberärztin. Der eine Patient braucht den Seelsorger, mit dem er reden kann, die Eheleute, die nicht mehr miteinander sprechen, benötigen die Psychoonkologin . . .
KENDEL: . . . und dazwischen sind die Palliativpflegekräfte, die sich intensiv um die Patienten kümmern, die ein Ohr für deren Nöte haben. Wir sehen, wo es hapert. Es geht um körperliche, seelische und soziale Probleme und darum, wie wir sie gemeinsam lösen können.
MAYER-STEINACKER: Krebspatienten fühlen sich oft allein gelassen, mit ihnen will keiner etwas zu tun haben.
RAU: Auf der Station herrscht ein besonderes Klima. Es geht nicht nur ums Waschen, Palliativmedizin ist sprechende Medizin. Die Pflegekräfte treten in intimen Kontakt mit den Patienten, es ergeben sich heikle Fragen. Der Patient kann sich seiner Endlichkeit öffnen. Das hilft ihm zu leben, aber auch zu begreifen, dass das Ende unausweichlich dazugehört . . .
MAYER-STEINACKER: Wir sprechen mit dem Menschen, das heißt aber nicht, dass wir jeden Tag übers Sterben sprechen. Wir lachen auch viel. Wir machen Pläne mit ihnen und helfen dabei, diese Pläne zu verwirklichen. Das kann beispielsweise eine letzte Fahrt in den Schwarzwald sein, wo die Patientin aufgewachsen ist.

Welche Ziele werden mit der Palliativmedizin verfolgt?
MAYER-STEINACKER: Unser oberstes Ziel ist es, eine gewisse Lebensqualität aufrechtzuerhalten. Es geht bei uns nicht um gezielte Diagnostik, um Fragen also, ob Metastasen 3,5 oder 3,8 Zentimeter groß sind. Wir sind eine Interventionsstation, wir helfen den Patienten in ihrer Problemsituation. Auch, was medizinische Aspekte angeht; beispielsweise werden die Patienten operiert, wenn dies medizinisch indiziert ist. Die Zusammenarbeit mit den anderen Abteilungen funktioniert, ein Anruf genügt. Im Schnitt bleiben die Patienten 14 Tage auf der Station. Wir ermöglichen ihnen, wieder dahinzugehen, wo sie herkommen: in die eigene Wohnung, zur Familie, zum Partner. Bei rund zwei Drittel der Patienten gelingt das auch . . .

Und wenn nicht?
MAYER-STEINACKER: Rund 10 Prozent der Patienten verlegen wir ins Hospiz, 20 bis 25 Prozent sterben auf unserer Station . . .
RAU: . . . am Ende ist das eine hospizähnliche Situation. Wir sind aber keine Sterbestation, auch wenn das vielfach in den Köpfen so verankert ist. Selbst am Klinikum herrscht noch eine falsche Vorstellung.
KENDEL: Der Unterschied ist der: Im Hospiz sind sterbende Patienten, auf der Palliativstation schwerstkranke Menschen, die nicht mehr geheilt werden können.
MAYER-STEINACKER: Die Patienten sollten nicht erst auf die Palliativstation kommen, wenn sie kurz vor dem Tod sind. Wir sind eigentlich keine Sterbegleiter.

Können die Angehörigen bei den Patienten übernachten?
MAYER-STEINACKER: Derzeit haben wir acht Betten in vier Doppelzimmern - das zeigt das Problem der Palliativstation. Schwerstkranke und sterbende Patienten versuchen wir, alleine zu legen. Angehörige sollen die Möglichkeit haben, in diesen Stunden und Tagen bei dem Patienten zu sein. Die Situation soll sich aber noch in diesem Jahr deutlich entspannen, der Klinikumsvorstand will die Station ausbauen und die Bettenzahl auf zehn oder elf aufstocken. Einzelzimmer sind geplant. Dem Ärztlichen Direktor Prof. Klaus-Michael Debatin ist dieses Fachgebiet wichtig.
RAU: Wir waren übrigens das erste Uni-Klinikum in Baden-Württemberg, das das ein ambulantes Netzwerk für die Region mit einer Palliativstation hatte - vor Freiburg und Heidelberg. Frau Mayer-Steinacker musste damals aber viel Überzeugungsarbeit leisten.

Gibt es denn eine Warteliste für Patienten?
MAYER-STEINACKER: Ja, eine Warteliste gibt es beständig über das ganze Jahr, momentan stehen acht Personen drauf.

Dann könnte die Station noch weitere Betten vertragen?
MAYER-STEINACKER: Zehn bis zwölf Betten sind genug. Wir sind zwar eine gut strukturierte Einheit, aber das wird sonst zu heftig. Vergessen darf man ja nicht, dass wir uns hier nur um Krebspatienten kümmern. Palliativ wird auch an der Frauen- und Kinderklinik gearbeitet. Oder beispielsweise auf der Neurologie bei ALS-Patienten.
RAU: Gut ist, dass das Thema mittlerweile in der Medizin angekommen ist.
MAYER-STEINACKER: Das stimmt, die Palliativmedizin ist Teil der Mediziner-Ausbildung geworden.
RAU: Das Thema Sterben hat eine gute Entwicklung genommen, die Gesellschaft ist aufgewacht, wie die Zahl von 80.000 ehrenamtlichen Hospizhelfern zeigt. Der Tod wird nicht mehr weggeschoben, er ist kein Tabu mehr.

Mediziner betrachten den Tod oft als Niederlage. Was ist er für Sie?
KENDEL: Der Tod ist schmerzhaft, aber keine Niederlage, . . .
MAYER-STEINACKER: . . . der Tod gehört zum Leben.

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Kommentare

08.04.2014 08:54 Uhr

Unabweisbare Ganzheitlichkeit

Dadurch, dass der Einzelne empirisch erwiesenermaßen nicht anders als stets vollständig existiert, könnte es in der Tat nicht aberwitziger sein, dessen Dasein bereits zu Lebzeiten nicht ganzheitlich zu begreifen. Insofern kommt es vor allem auf einer Palliativstation lediglich darauf an, das sich auf diese Weise im Handeln äußernde Soziale zu identifizieren und im Blick zu behalten. Beziehungsblind im Angesicht besagter Notwendigkeit zu sein, lässt somit zuvor selbst völlig Gesunden körperlich den Eintritt ihres Todes rasch näher rücken, um sie solchen zutiefst fehlgehenden Zugriffen seitens Dritter unwiderruflich von vornherein zu entziehen.

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