Interview zur Situation behinderter Menschen in Ulm

15 000 Ulmer haben einen Schwerbehindertenausweis. Wie ist ihr Leben: Gut oder schlecht? Schwierig oder einfach? Ein Gespräch mit Walter Lang von der Stadt und Ingrid Seybold von der Lebenshilfe.

|

Wie viele behinderte Menschen gibt es in Ulm?
INGRID SEYBOLD: Rund 15. 000 Personen haben einen Schwerbehindertenausweis - das sind 13 Prozent. Da haben wir in Ulm den selben Schnitt wie in Deutschland. Von ihnen bekommen aber nur etwa 800 Unterstützung durch die Eingliederungshilfe. Nur vier Prozent haben ihre Behinderung von Geburt an oder bis zum Alter von fünf Jahren bekommen, 40 Prozent bis zum 65. Lebensjahr. Das heißt: Mehr als die Hälfte ist erst seit dem Seniorenalter gehandicapt. Hier sitzt uns der demographische Wandel im Nacken.

Was heißt eigentlich behindert?
SEYBOLD: Das ist eindeutig im Gesetz definiert: Behindert ist, wer länger als sechs Monate eine Einschränkung hat, die ihn an der Teilhabe am gesellschaftlichen und Arbeitsleben hindert. Es gilt also beispielsweise auch für chronische Erkrankungen oder Krebs.

Wo und von wem bekommen Betroffene Unterstützung?
WALTER LANG: Für Menschen mit wesentlichen Behinderungen greift die Eingliederungshilfe. Wesentlich bedeutet, dass jemand in seinen Fähigkeiten zur Teilhabe in hohem Maße eingeschränkt ist. Das heißt zum Beispiel, dass ein selbstständiges Wohnen nur durch Betreuung oder in einem Wohnheim möglich ist. Unter die Eingliederungshilfe fallen auch alle Personen, die nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterkommen und in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten. Rund 18 Millionen Euro gibt die Stadt Ulm jedes Jahr in diesem Bereich aus. Behinderte Senioren erhalten Sozialleistungen über die Hilfe zur Pflege. Zuständig sind zudem Agentur für Arbeit, Integrationsamt, Pflege-, Kranken- und Rentenkassen. Man muss aber deutlich sagen: Reich wird durch diese Zuwendungen niemand, es geht eher um eine Art Nachteils-Ausgleich.

Wie ist die Situation von Behinderten in Ulm?
SEYBOLD: Ich würde sagen: Gemischt, sowohl was die finanzielle Seite angeht als auch die äußeren Bedingungen. Es gibt einige Bereiche, wo es gut läuft, und andere, wo Verbesserungen nötig sind.

LANG: Beim öffentlichen Personennahverkehr haben wir ein gutes Niveau erreicht mit Niederflurbussen, Straßenbahn und geschulten Fahrern. Viele öffentliche Gebäude sind barrierefrei, da läuft das Nachrüsten gut. Aber in privaten Gebäuden wie Praxen, Banken und Läden sieht es mitunter noch mau aus. Im Bereich Arbeitsmarkt sehen wir Handlungsbedarf: Da sollten sich mehr Firmen und Handwerksbetriebe öffnen und behinderte Mitarbeiter einstellen, die Kommune zahlt dafür Lohnkostenzuschüsse. Bei Freizeit- und Vereinsangeboten gibt es einige zarte Pflänzchen, behinderte Menschen mit aufzunehmen. Aber der Bedarf ist größer als das momentane Angebot.

Wie hat sich der Umgang mit behinderten Menschen in den vergangenen 50 Jahren verändert?
SEYBOLD: Da gab es mehrere Paradigmenwechsel: Erst ging es um verstecken und verwahren, dann kam satt und sauber, später fördern und befähigen, inzwischen geht es um Selbstbestimmung und Teilhabe - also um die Wahrnehmung von Rechten, wie sie das Grundgesetz und die UN-Behindertenrechtskonvention festschreiben. Überdies sind heute neben körperlichen und geistigen auch seelische und chronische Erkrankungen im Fokus.

LANG: Als ich in den 70er Jahren meinen Zivildienst am Tannenhof gemacht habe, gab es um das Behindertenheim noch einen hohen Zaun und einen Pförtner, der den Ein- und Ausgang überwachte. Heute ist der Tannenhof eine offene Einrichtung, und die Bewohner sind ganz selbstverständlich auch mitten in Wiblingen am Tannenplatz anzutreffen.

SEYBOLD: Heute gilt außerdem der Grundsatz: ambulante vor stationärer Hilfe.

Wie weit hat sich in der Ulmer Gesellschaft der Inklusions-Gedanke schon durchgesetzt?
LANG: Da haben wir noch einiges an Arbeit vor uns, bis wir eine wirklich inklusive Gesellschaft sind. Aber die Stadt hat sich auf den Weg gemacht und bei vielen Menschen, insbesondere solchen mit Planungsverantwortung, ist das Bewusstsein schon vorhanden.

Wie definieren Sie den Begriff Inklusion?
SEYBOLD: Für mich bedeutet er die Möglichkeit, uneingeschränkte Teilhabe wahrnehmen und das Gleiche in Anspruch nehmen zu können wie jemand, der kein Handicap hat.

LANG: Mittendrin statt außen vor, das ist der Kern der Inklusion: Alle gehören dazu. Wie das Beispiel der Öffnung des Tannenhofs zeigt.

Bei Inklusion geht es meist darum, dass behinderte Kinder in Regelkitas und -schulen gehen können. Ist das alles?
LANG: Das ist viel zu kurz gesprungen. Inklusion betrifft nicht nur die Schulen, sondern die ganze Gesellschaft.

SEYBOLD: Wir müssen alle unsere Ansprüche überprüfen, was wir als ,normal ansehen. Und wir müssen alle lernen, Vielfalt als Normalität anzunehmen, statt behinderte Menschen auf ein fehlendes Auge oder einen geringen Intelligenzquotienten zu reduzieren.

Wer oder was ist die IG Mittendrin?
SEYBOLD: Das ist ein Arbeitskreis, dem Vertreter von Behindertenverbänden, Selbsthilfeorganisationen, Stadt sowie Einzelpersonen angehören. Aktiv sind rund 20 Leute. Ihr Hauptanliegen ist es, die Belange von Menschen mit Behinderungen ins Bewusstsein der Ulmer Öffentlichkeit zu bringen.

Wenn Sie drei Wünsche hätten, wie sich die Situation für Menschen mit Behinderungen in Ulm rasch verbessern lässt, welche wären das?
LANG: Erstens mehr Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Zweitens, dass sich die Ulmer mit und ohne Behinderung ohne Berührungsängste und Vorurteile begegnen. Drittens sollten alle nach ihren Kompetenzen, nicht nach ihren Defiziten beurteilt werden.

SEYBOLD: Ich wünsche mir die Öffnung der allgemeinen Schulen für behinderte Kinder und Jugendliche. Zweitens mehr Akzeptanz der Bürger, die nicht behindert sind, Behinderung als etwas Übliches anzusehen. Und drittens, dass Behördenbescheide in einer leichter verständlichen Sprache formuliert werden - davon würden alle profitieren.

Veranstaltungen in Ulm Zu den Personen
Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

16.04.2014 09:17 Uhr

Äußerste Bedrängnis wegen naturalistischer Auffassungen

Unabhängig von der medizinisch gestellten Diagnose bleibt der Einzelne wegen seiner ihm von Geburt an unveräußerlich gegebenen Eigenschaft, ein soziales Wesen zu sein, im Mindesten stets im Besitz aller Soziologie. Die besagte Interpunktion zwischen Sozialwirten und Ärzten zu vertauschen und eigenmächtig den Letzteren den Vorrang vor den Ersteren zu einzuräumen, weist sich somit selbst als Dilettant in der Beantwortung wesentlicher Fragen aus. Insofern geraten gesundheitlich eingeschränkte Menschen sämtlichen Normen nicht nur des Zivilrechts frontal zuwider erst dann in schwerste Bedrängnis, sobald Dritte dieses Frevels an der herrschenden Arbeitsteilung zwischen den akademischen Disziplinen schuldig werden, indem sie verbotswidrig naturalistische Auffassungen massiv befördern.

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Zwölf Namen für die neuen Ulmer Straßenbahnwagen

Die neuen Straßenbahnwagen der Linie 2 werden nach Männern und Frauen benannt, die mit Ulm in Verbindung stehen. So war es auch schon beim Combino. weiter lesen