Interview mit Schulpsychologe Dr. Gerhard Mahler

Immer mehr verhaltensauffällige Kinder mit ebensolchen Eltern treiben Lehrer an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Stimmt das wirklich? Schulpsychologe Dr. Gerhard Mahler relativiert dieses Bild.

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Sind Schulpsychologen eigentlich nur für Schüler da?
GERHARD MAHLER: Nein, genauso für Eltern und natürlich auch für die Lehrer. Es ist unser Anliegen, dass wir sie unterstützen. Es gibt viele Belastungssituationen, denen sie ausgesetzt sind. Mit Schülern, mit Kollegen, mit Eltern und auch außerhalb ihres Berufes.

Brauchen Schulleiter auch mal Ihre Hilfe?
MAHLER: Wir haben eine Supervisionsgruppe für Schulleiter. Da werden anonymisiert Fälle besprochen, welche die Kollegen beschäftigen und belasten. Das wird ja oft unterschätzt, was sie leisten. Ein Lehrer-Kollegium und eine ganze Schule zu führen, das ist wie ein kleines, mittelständisches Unternehmen.

Werden Sie öfter gebraucht als früher?
MAHLER: Ja, durchaus. Die Zahl der Psychologen und der Beratungslehrerstellen wurde aufgestockt. Das ist auch eine Folge von Winnenden. Jetzt sind gerade wieder 17 Lehrkräfte mit ihrer Fortbildung zum Beratungslehrer fertig geworden. Im September beginnt der nächste Kurs. Wir haben in der Beratungsstelle im vergangenen Schuljahr 338 Einzelfall-Beratungen gemacht. Dazu kommen 2170 Fälle, in welchen die Beratungslehrer vor Ort geholfen haben.

Haben sich die Themen verändert?
MAHLER: Sie sind vor allem intensiver geworden. Schwierigere Problemlagen in Familien, die Mobbing-Problematik ist heftiger als früher. Wenn wir nicht helfen können, vermitteln wir auch weiter, zum Beispiel an die Kinder- und Jugendpsychiatrie oder das Jugendamt, wenn etwa Drogen im Spiel sind. Man kennt sich im sozial-psychologischen Umfeld. Das sind kurze Drähte, und das ist wichtig.

Mit welchen Problemen haben Sie denn aktuell besonders zu tun. Das Ritzen soll gerade ,in sein. . .
MAHLER: Ja, was die Selbstverletzungen angeht, hat jede Zeit so ihre Moden, wenn man das so sagen darf. Tätowieren und Piercen ist vielleicht schon wieder zu normal. Die Bandbreite beim Ritzen ist sehr groß. Zunächst ist es meist nur oberflächlich, das kann aber bis zum suizidalen Verhalten gehen. Man muss das auf jeden Fall ernst nehmen. Und es ist kein städtisches Problem. Da kommen schon mal Beratungslehrer von der idyllischen Alb und holen sich bei uns Rat.

Ist Ritzen ein Mädchen-Phänomen?
MAHLER: Grundsätzlich ist es so, dass Ritzen oder Probleme mit dem Essverhalten eher Mädchen-Themen sind, wobei beim Essen die jungen Männer gerade nachziehen. Bei Jungs spielen Computer und Drogen trotzdem eine größere Rolle.

Sind Lehrer mit solchen Themen nicht überfordert?
MAHLER: In der Tat stößt Schule hier schnell an ihre Grenzen. Damit muss man umgehen können. Wenn Lehrer etwas in dieser Richtung bemerken, sollten sie in jedem Fall handeln. Wenn ein Lehrer zu dem Jugendlichen selbst nicht den besten Draht hat, kann er einen Kollegen ansprechen, zum Beispiel den Klassen- oder Beratungslehrer.

. . .und dann die Eltern informieren?
MAHLER: Bei jüngeren Kindern ist es naheliegend gleich auf die Eltern zuzugehen. Es sei denn, die familiären Verhältnisse sprechen dagegen. Wenn ein Schüler 14 oder älter ist, sollte man erst mit ihm selbst reden. Spätestens im zweiten Schritt muss er die Eltern informieren.

Danach kommen Sie und Ihre Kollegen ins Spiel. Ist die Schwelle zum Psychologen zu gehen sehr hoch?
MAHLER: Psychologen sind durchaus mit einem Tabu besetzt. Man muss sich eingestehen, es nicht allein geschafft zu haben, wenn man den Schritt macht. Diese Hemmschwelle, professionelle Beratung überhaupt anzunehmen, muss man überschreiten.

Haben da Lehrer nicht dasselbe Problem wie Eltern?
MAHLER: Durchaus. Sie öffnen sich aber immer mehr, lassen sich auch coachen, obwohl das von manchen immer noch als Schwäche ausgelegt wird. Ich nenne es Qualitätssicherung. Diejenigen, die sich öffnen, sind grundsätzlich gesundheitlich auf einem besseren Weg.

Die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder wächst. Machen Sie diese Erfahrung auch?
MAHLER: Man muss aufpassen, dass dieser Stempel nicht zu schnell einem Kind aufgedrückt wird. ADHS-Diagnosen haben sicher zugenommen, aber nicht in einer derartigen Dimension wie es in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Lehrer berichten auch, dass die Störungen heftiger geworden sind. . .
MAHLER: Es gibt wirklich extreme Dinge, die da passieren. Dass sich Kinder während des Unterrichts einfach unter den Tisch legen, das hätte man sich vor 20 Jahren nicht vorstellen können. Wenn ein Lehrer ein oder zwei solcher Kinder in seiner Klasse hat, wird es ganz schnell schwierig.

Aber wir können nicht alle auffälligen Kinder zur Erziehungshilfe schicken. Das widerspricht doch dem Inklusionsgedanken.
MAHLER: In der Tat. Die Idee mit der zweiten Lehrkraft fußt an manchen Stellen inzwischen schon. Das geht bislang aber nur in Klassen, in denen Kinder mit zusätzlichem Förderbedarf inklusiv beschult werden.

Sie hätten das gerne als Regelfall?
MAHLER: Zumindest wenn es den konkreten Bedarf gibt. Und ja, ich könnte mir das bei allen Schülern im Pubertätsalter vorstellen. Die als einzelner Dompteur oder Dompteuse in den Griff zu bekommen, ist schwierig.

Eine Grundschullehrerin aus Hamburg hat neulich einen Brandbrief an die Eltern geschrieben, in der sie moniert, dass jeglicher Anstand bei den Kindern verloren gegangen ist. Sehen Sie das ähnlich?
MAHLER: Ich glaube schon, dass bei den Schülern noch Respekt vorhanden ist. Doch die Hierarchien sind flacher geworden. Wenn der Respekt ganz verloren geht, wird es eng. Ich habe den Eindruck, dass manche Lehrer nicht wissen, auf was sie sich eingelassen haben. Man muss schon eine natürliche Autorität mitbringen für diesen Beruf.

Wie ist das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern? Hat sich das verändert?
MAHLER: Ich stelle keine massiven Veränderungen fest, obwohl die Eltern anspruchsvoller geworden sind und manchmal auch zu hohe Ansprüche stellen. Sagen wir es mal so: Es gibt schwierige Eltern und es gibt schwierige Lehrer.

Wann wird es brenzlig?
MAHLER: Immer dann, wenn die eigene Perspektive die einzig gültige ist. Das gilt für beide Seiten. Eltern sollten dem Lehrer nicht sagen wie er unterrichten muss. Das geht ja heute so weit, dass Anwälte eingeschaltet werden. Andererseits dürfen Lehrer den Eltern nicht sagen wie sie ihr Kind erziehen müssen. Sie müssen ihre Grenze kennen, das ist auch ein Stück Selbstschutz.

Was gilt es bei Eltern-Lehrer-Gesprächen zu beachten?
MAHLER: In erster Linie ist es wichtig, dass man überhaupt im Gespräch ist. Gerade wenn es Schwierigkeiten gibt, müssen sich beide Seiten gut vorbereiten.

Das leidige Thema Grundschulempfehlung haben Sie ja jetzt los. . .
MAHLER: Beratungslehrer an den Grundschulen vor Ort berichten uns tatsächlich von entspannteren Gesprächen als früher. Schwierigere Signale kommen von den weiterführenden Schulen, vor allem von Gymnasien. Hier stranden mehr Schüler, die eigentlich nicht an die Schule passen. Diese Problematik ist auf dem Land nicht so präsent wie in der Stadt.

Was raten Sie Lehrern, die erkennen, dass es für einen Schüler schwer wird?
MAHLER: Das Problem direkt anzusprechen. In den Klassen 5 und 6 ist es möglich etwas zu korrigieren. Die Eltern haben die Verantwortung. Sie haben die Pflicht sich zu informieren und müssen entscheiden, was für ihr Kind das Beste ist, nicht für sie selbst. Aus meiner persönlichen Sicht bietet die Gemeinschaftsschule die Möglichkeit Druck rauszunehmen.

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