Interview mit der Ulmer Sozial- und Kulturbürgermeisterin Iris Mann

Seit einem Jahr ist Iris Mann jetzt Bürgermeisterin in Ulm. Zuständig für Soziales, Bildung, Kultur und Sport. Zeit für einen Blick über ihr breites Aufgabengebiet, über Schwierigkeiten und Positives.

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Iris Mann mag den weiten Blickwinkel, um Dinge zu beurteilen, und den Freiraum, "etwas daraus zu machen". Selbst wenn sie um solche Freiräume "im Alltag immer wieder kämpfen" muss. Foto: Lars Schwerdtfeger

Frau Mann, gestern jährte es sich, dass Sie Bürgermeisterin in Ulm sind. Ist dies nach einem Jahr schon zur Normalität geworden?
IRIS MANN: Das ist schon lange so. Es ging relativ schnell. Auch weil es keine Möglichkeit gibt, sich von dieser Rolle zu distanzieren.

Wie ist das erste Jahr gelaufen?
MANN: Es war sehr spannend und interessant. Ich habe unglaublich viel gelernt, viele Begegnungen gehabt. Die Zeit ist schnell verflogen und war mit viel Inhalt gefüllt.

Was lief gut, was war schwierig?
MANN: Gut ist die Breite der Themen: Sie bietet die Möglichkeit, einen weiten Blickwinkel einzunehmen und Dinge zu verknüpfen. Die Kehrseite ist, dass man bei der Vielfalt gefordert ist, um up to date zu sein. Und sich den Freiraum zu nehmen, um etwas daraus zu machen. Darum muss man im Alltag immer wieder kämpfen. Zum Glück habe ich ein gutes Team um mich, das die Dinge entsprechend aufbereitet.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den drei Bürgermeister-Kollegen?
MANN: Es ist ein sehr angenehmes Arbeiten und kollegiales Zusammendenken. Das passt. Wir pflegen einen offenen Austausch. Durch die Breite meiner beiden Fachbereiche gibt es viele Berührungspunkte.

Schätzen Sie doch mal: Wie viel Prozent Ihrer Arbeitszeit verbringen Sie am Schreibtisch und wie viel auf Terminen, in Gremien oder ähnlichem?
MANN: Oh je. Ich denke, dass es 30 Prozent am Schreibtisch sind und 70 Prozent anderswo. Aber ich arbeite auch von unterwegs. Zu Auswärts-Terminen fahre ich nach Möglichkeit mit dem Zug und nutze die Fahrzeit zum Arbeiten am iPad.

Früher waren Sie Hauptabteilungsleiterin, heute sind Sie Bürgermeisterin. Hat sich Ihre Arbeit verändert in der Art, dass es jetzt mehr in die Breite geht und weniger in die Tiefe?
MANN: Weniger Tiefe nur im operativen Bereich, da muss ich das Meiste delegieren. Das geht gar nicht anders. Aber inhaltlich ist es keineswegs oberflächlicher.

Werfen wir ein paar Schlaglichter auf Ihr breites Aufgabengebiet. Bei der Kinderbetreuung steht Ulm gut da, dank der Bemühungen in den vergangenen Jahren. Fährt die Stadt diesen intensiven Kurs weiter?
MANN: Wir werden bedarfsorientiert weitermachen. Also genau beobachten, wie sich der Bedarf entwickelt und dann nachsteuern und das Angebot weiterentwickeln. Denn der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz gilt ja nicht nur in diesem Jahr.

Läuft in der U3-Ausbau-Offensive alles nach Plan?
MANN: In zwei oder drei Einrichtungen gibt es bauliche Verzögerungen, weil wir die Handwerker nicht herkriegen oder Zusagen nicht eingehalten werden. Es ist mir selbst arg, weil ich weiß, dass manche Eltern fest mit den Betreuungsplätzen rechnen. Als berufstätige Mutter kann ich mir vorstellen wie das ist, wenn man dem Arbeitgeber mitteilen muss, dass man erst einen oder zwei Monate später anfangen kann.

Bekommt Ulm genügend Personal für seine neuen Krippen? Der Markt ist ja ziemlich leergefegt.
MANN: Ja - toi toi toi. Sowohl in den städtischen Kitas als auch bei den freien Trägern konnten alle Stellen besetzt werden. Hier können wir jetzt die Früchte der Personal-Offensive ernten, die seit einigen Jahren läuft. Es bewährt sich auch das trägerübergreifende Personal-Entwicklungskonzept. Überdies sorgen wir selbst für Nachwuchs, indem wir verstärkt Erzieherinnen und Erzieher in dualer Ausbildung anstellen.

Immer mehr Eltern wollen Ganztagsbetreuung, nicht nur im Kindergarten, sondern auch anschließend in der Schule. Wie reagiert die Stadt darauf?
MANN: In der Schule wird Ganztagsbetreuung in wenigen Jahren eine Standardanforderung sein, davon bin ich überzeugt. Es ist die logische Konsequenz, wenn man Familie und Beruf unter einen Hut bekommen will. Einerseits warten wir als Kommune auf das neue Schulgesetz vom Land, in dem so etwas geregelt wird - und da muss das Land jetzt zügig in die Bütt. Andererseits behelfen wir uns als Schulträger mit einem guten und im Umfang enorm gewachsenen Betreuungsprogramm, das wir an den Schulen organisieren und bei dem wir auch Wert auf Qualität legen. Aber das kann keine langfristige Lösung sein.

Die sechs Ulmer Gymnasien platzen aus allen Nähten. Was bedeutet das für die Stadt als Schulträger?
MANN: Wir sind gottfroh, dass wir für dieses Schuljahr alle Kinder unterkriegen. Aber jetzt ist wirklich das Ende dessen erreicht, was mit dem Bestand an Gebäuden zu leisten ist. Wir müssen im Prozess der regionalen Schulentwicklung sehen, welche Gebäude-Strukturen anderer Schul-Standorte, die nicht mehr so gefragt sind, wir künftig besser oder anders nutzen.

Drei Gemeinschaftsschulen gehen im September in Ulm an den Start. Wie sehen Sie das: Braucht es diese neue Kultur des Lernens?
MANN: Eine neue Kultur des Lernens braucht es. Um die zu realisieren, ist die Gemeinschaftsschule eine Möglichkeit - aber vermutlich nicht die einzige. Aber die Praxis hat gezeigt, dass man nicht am dreigliedrigen Schulsystem festhalten kann. Jetzt gilt es, das Ziel einzulösen, dass möglichst viele Kinder einen möglichst hochwertigen Abschluss kriegen.

Richten wir den Fokus auf die Senioren. Viele sehen in der demographischen Entwicklung ein Schreckgespenst. Was bedeutet es, dass es immer mehr ältere Bürger geben wird?
MANN: Es gibt hier zwei Aspekte: den finanziellen und den inhaltlichen. Über den Kosten wird häufig der zweite Aspekt sträflich vernachlässigt, das muss man entkoppeln und nicht nur die monetären Belastungen sehen. Mir ist die Haltung wichtig: Es gibt tolle Entwicklungen, die Erfahrungen älterer Menschen zu nutzen. Das kann eine Stadtgesellschaft sehr bereichern.

Ein weiterer Sprung zum Thema Kultur. Wie stehen Sie zum Umbau des Ulmer Museums?
MANN: Das Museum braucht notwendig eine Weiterentwicklung. Wir müssen darüber diskutieren, in welchem Umfang und mit welchen Zielen. Den jetzigen Standort finde ich gut. Es ist die Frage, wie sich das Gebäude-Ensemble erweitern oder verändern lässt, damit es die Anforderungen erfüllt.

Wie finden Sie, dass die Abteilung Kultur jetzt aufgestellt ist?
MANN: Meine Nachfolgerin ist da, das ist super und entlastet mich. Jetzt kann sich die Abteilung auf ihre Aufgaben konzentrieren. Die neue Struktur ist klarer, ohnehin war sie hierarchisch nie eine Hauptabteilung. Gut ist, dass der Etat für Kulturförderung größer geworden ist, das eröffnet themengebunden größere Spielräume. Für eigene Projekte muss die Kulturabteilung um zusätzliches Geld werben, wie andere städtische Abteilungen auch.

Welches sind für Sie die größten Kultur-Baustellen in Ulm?
MANN: Baulich und inhaltlich gesehen die Sanierung des Theaters, die Wilhelmsburg und das Museum sowie der Umgang mit den Kulturschätzen und -gütern in den Depots, die man derzeit alle nicht sieht - im Museum, im Haus der Stadtgeschichte und in der Stadtbibliothek. Das HfG-Archiv ist diesbezüglich schon auf einem guten Weg. Eine strukturelle Weichenstellung ist die Neubesetzung der Leitung der Stadtbibliothek, damit setzt man ja immer neue Impulse.

In der freien Kulturszene tut sich einiges, beispielsweise mit der Kulturfahrschule. Was kann und soll die Stadt tun, um das zu unterstützen?
MANN: Wir müssen überlegen, welche Räume wir beispielsweise für Zwischennutzungen zur Verfügung stellen, damit sich die Szene entwickeln kann. Wir lassen im Verbund mit der Wirtschaftsförderung derzeit eine Studie zum Status quo der Kreativwirtschaft erstellen. Darauf aufbauend wird dann ein Konzept entwickelt, das Notwendigkeiten wie Ansätze für eine Weiterentwicklung aufzeigt.

Arbeiten Sie heute mehr als vor Ihrer Zeit als Bürgermeisterin?
MANN: Die Frequenz hat zugenommen. Anders ausgedrückt: Ich arbeite mehr und schneller. (Wobei sie herzlich lacht.)

Als Bürgermeisterin haben Sie einen höheren Bekanntheitsgrad als früher. Hat das mehr Nachteile oder Vorteile für Sie?
MANN: Weder noch, es ist einfach anders.

Und für Ihre Familie?
MANN: Da ist das kein Thema. Auf öffentlichen Terminen bin ich ja meist allein, und die Organisation des Familienalltags (unsere Kinder sind neun und zwölf Jahre alt) managt schon immer überwiegend mein Mann. Ich selbst versuche, im Familienalltag mit der Zeit bewusster umzugehen.

Gibt es für Sie so etwas wie "heilige Zeiten", die für die Familie reserviert sind?
MANN: Es gibt ein ganz normales Leben für den Rest der Familie, und das ist auch gut so. Mir ist es wichtig, dass wir einmal in der Woche einen festen gemeinsamen Mittagessens-Termin haben, das ist für den Austausch wichtig. Denn ich bin abends oft auf Terminen weg. Und in den Ferien halte ich mir Zeitfenster für die Familie frei, wo wir auch miteinander wegfahren.


Kommentar Bürgermeisterin Mann: Eine Art, die gut tut

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