Interview mit dem scheidenden Vorsitzenden des DRK-Kreisverbands Ulm

Der DRK-Kreisverband Ulm ist ein mittelständisches Unternehmen, und Götz Hartung seit 33 Jahren an der Spitze. Im Interview spricht er über neue Herausforderungen.

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Ob Rettungsdienst oder Bekämpfung der Armutsfolgen: Die Aufgaben des Roten Kreuzes nehmen zu, sagt der scheidende Vorsitzende Götz Hartung.  Foto: 

Herr Hartung, nach 33 Jahren geben Sie den Vorsitz des DRK-Kreisverbands Ulm ab. Was soll das Rote Kreuz nach so langer Zeit bloß ohne Sie tun?
DR. GÖTZ HARTUNG: Weitermachen, einfach weitermachen. Beim DRK steht nicht die Person im Vordergrund, sondern der Mensch.

Trotzdem eine Frage zur Person: Wer wird denn Ihr Nachfolger?
HARTUNG: Es ist gute Tradition, dass sich Vertreter von Stadt Ulm und Alb-Donau-Kreis abwechseln im Vorsitz. Ich fände es schön, wenn diese Tradition fortgesetzt würde. Die Gespräche laufen noch.

In der Kreisversammlung wird heute also kein Nachfolger gewählt?
HARTUNG: Keine Sorge, das DRK bricht nicht zusammen. Wir haben eine gute Führungsmannschaft. Ohne ein verlässliches Team hätte ich das nicht machen können.

Warum ist es sinnvoll, einen Bürgermeister oder Landrat an der Spitze zu haben?
HARTUNG: Stadt und Landkreis sind unsere Gewährsträger für den Rettungsdienst und haben die Rechtsaufsicht. Wenn wir irgend etwas umsetzen wollen, brauchen wir die kommunale Ebene. Wir sind ganz dicht verzahnt.

In Ihrer Amtszeit hat das DRK einiges umgesetzt.
HARTUNG: Wir haben etwa vier neue Rettungswachen gebaut: in Blaubeuren, Laichingen, Ulm und Ehingen. Wir haben ein neues Vorhaben, wir brauchen an der neuen Chirurgie auf dem Eselsberg eine Rettungswache. Wir sind in der Planung, aber es ist etwas kompliziert.

Inwiefern?
HARTUNG: Das fängt beim Standort an. Für das Gebiet gibt es einen Masterplan. Unser Vorhaben muss übereinstimmen mit weiteren Planungen der Universität. Man kann nicht einfach irgendwo reinbauen.

Es geht also immer weiter...
HARTUNG: Die Entwicklung ist so rasant, das glauben Sie gar nicht. Die Anforderungen nehmen zu, wir brauchen immer mehr Fahrzeuge und Personal, die Zahl der Rettungseinsätze steigt...

Wieso eigentlich?
HARTUNG: Es liegt nicht an zunehmenden Unfällen, wie man meinen könnte, sondern vor allem am demographischen Wandel. Mit dem Älterwerden der Menschen gibt es mehr Risiken, Herzinfarkte zum Beispiel. Diese Risiken abzudecken bedeutet: mehr Vorhalten von Mensch und Material.

Wenn man an die Unwetter denkt: Spielen sie auch eine Rolle, wenn das DRK stärker gefragt ist?
HARTUNG: Natürlich. Unsere Leute sind zum Beispiel ausgerückt, um die Helfer zu versorgen, die rund um die Uhr im Einsatz sind.

Der Rettungsdienst ist aber nur eine der Aufgaben des DRK.
HARTUNG: Ich sage immer: Das DRK hat zwei Hauptbeine. Das eine sind der Rettungsdienst, Krankentransport, Katastrophenschutz. Das zweite sind die sozialen Dienste, die Sozialarbeit im weitesten Sinn.

Sie sagten vorhin: Der Mensch steht im Vordergrund. Gilt das gerade auch für die sozialen Dienste?
HARTUNG: Ja. Das Armutsrisiko in Deutschland ist immer noch sehr hoch. Jedes siebte Kind hat Eltern, die Hartz IV beziehen. Auch die Altersarmut nimmt ständig zu. Das sind eklatante Entwicklungen.

Die das DRK aber nicht beeinflussen kann.
HARTUNG: Wir können die Grundsatzprobleme nicht lösen, ja. Wir können aber darauf reagieren und helfen, zum Beispiel schon vor Jahren mit der Einrichtung von Tafelläden und Kleiderkammern. Sie sind aber nicht nur zum Einkaufen wichtig. Mindestens so wichtig ist die persönliche Begegnung. Man braucht entsprechende Räumlichkeiten, wo man sich gern aufhält.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Pflege?
HARTUNG: Der Bund hat entscheidende Weichen gestellt mit dem Pflegestärkungsgesetz. Nun wird kein Unterschied mehr gemacht zwischen körperlichen und geistigen Gebrechen. Das ist wichtig für Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Aber an Pflegefachkräften herrscht ein Mangel. Wir kriegen einfach nicht mehr genügend. Genügend Personal gibt es nur im Bereich Betreuung und Entlastung von Angehörigen.

Das klingt vor allem nach dem Einsatz von Ehrenamtlichen...
HARTUNG: Nicht nur. Wir stellen auch Hauptamtliche ein. Sie brauchen für diesen Bereich nicht die Vollausbildung einer Pflegefachkraft. Auch da gibt es eine Entwicklung, auf die wir uns einstellen müssen.

Das DRK ist in vielem abhängig von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland.
HARTUNG: Nicht nur das. Das Weltgeschehen hat Einfluss auf unsere Arbeit und Ausrichtung. Wir werden immer mehr einbezogen in die globale und digitale Welt.

Wie das?
HARTUNG: Wir sind immer Teil der gesamten Entwicklung. Nehmen Sie den Rettungsdienst. Es ist sehr wichtig, dass die EU gesagt hat: Ein Rettungsdienst ist Teil der Daseinsvorsorge und unterliegt nicht dem Markt. Das spielt zum Beispiel auch bei den Verhandlungen mit den USA über das Freihandelsabkommen TTIP eine Rolle. Auch da muss man aufpassen: Welche Punkte gilt es zu schützen?

Ein ziemlich weites Feld zwischen solchen internationalen Fragen und den Anforderungen vor Ort.
HARTUNG: Für Ersteres gibt es ja unsere übergeordneten Verbände, das Internationale Komittee des Roten Kreuzes zum Beispiel, das auch weltweit Strategien vorgibt.

Und regional?
HARTUNG: Ich wünsche mir eine stärkere regionale Zusammenarbeit. Das ist mir ein besonderes Anliegen. Ein Beispiel: Die Modernisierung der Integrierten Leitstelle für den Rettungsdienst im Hinblick auf das digitale Zeitalter kostet circa 4 Millionen Euro. Daher sollte sie auch von mehreren Rettungsdienstbereichen genutzt werden.

Was sind die Herausforderungen für den DRK-Kreisverband Ulm?
HARTUNG: Außer denen, über die wir gesprochen haben? Wir müssen versuchen, Familien mehr einzubeziehen und sie als Kunden, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter zu gewinnen. Und wir müssen uns noch stärker interkulturell öffnen.

Das heißt: Das Deutsche Rote Kreuz ist noch sehr deutsch?
HARTUNG: Ja, da gibt es noch was zu tun. Ganz wichtig ist auch, junge Leute für das DRK zu begeistern.

Wenn Sie zurückblicken auf 33 Jahre: Was hat sich verändert?
HARTUNG: Wir sind enorm gewachsen. Die Mitarbeiterzahl hat sich in der Zeit verdreifacht. Der DRK-Kreisverband Ulm ist kein Vereinle mehr, sondern ein mittelständisches Unternehmen mit 280 Mitarbeitern und 15,5 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Die Entwicklung ging deutlich hin zu stärkerer Professionalisierung. Und wir sind immer stärker eingebunden in überörtliche Entwicklungen.

Sie sind in vielen Bereichen ehrenamtlich tätig. Geben Sie nun nach und nach Ihre Ämter ab?
HARTUNG: Einige habe ich schon abgegeben, manche werde ich noch behalten. Ich bleibe zum Beispiel beim Hospiz dabei und im Förderkreis des Zawiw (Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung, d. Red.) der Universität.

Also kein Ende des Ehrenamts?
HARTUNG: Das Ehrenamt begeistert mich. Es bietet die Möglichkeit, Dinge zu entwickeln. Aber ich möchte jetzt mehr Zeit haben für mich selber. Da bietet das Zawiw mit seinen Arbeitskreisen hervorragende Möglichkeiten. Man muss sich Neugier und Interesse erhalten, wenn man älter wird.

Zur Person: Dr. Götz Hartung

Beruflich Götz Hartung war 31 Jahre lang, von 1973 bis 2004, Bürgermeister für Soziales und Kultur in Ulm.

Ehrenamt Schon zu Berufszeiten war Hartung vielfältig ehrenamtlich engagiert. Einige Ehrenämter hat Hartung, der am Montag 77 wurde, mittlerweile abgegeben, zum Beispiel 2007 den Vorsitz des Musikvereins Söflingen/Stadtkapelle Ulm an den heutigen OB Gunter Czisch und 2013 den Vorsitz des Vereins Ulmer Volkshochschule. Heute hört er in der Kreisversammlung nach 33 Jahren als Vorsitzender  des Kreisverbands Ulm des Deutschen Roten Kreuzes auf. Hartung ist außerdem Vorsitzender des Fördervereins des Hospizes Ulm, Vorstandsmitglied der Universitätsgesellschaft und arbeitet mit in der Kässbohrer-Stiftung und dem Zawiw-Förderkreis.

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