Interview mit dem Quatuor Hermès: „Wir wollen viele Sounds haben“

Mit delikat und elegant wird die Musik des Quatuor Hermès umschrieben. Am Freitag ist das französische Ensemble zu Gast bei „klassisch!“ im Stadthaus.

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Sie sind das Quatuor Hermès (v.l.): Yung-Hsin Lou Chang, Omer Bouchez, Elise Liu und Anthony Kondo (Cello)  Foto: 

Omer Bouchez und Elise Liu (Violine), Yung-Hsin Lou Chang (Viola) und Anthony Kondo (Cello) sind das Quatuor Hermès. Den Franzosen eilt der Ruf voraus, einen delikaten und sehr eleganten Klang zu pflegen. Am Freitag spielt das Ensemble im Rahmen der „klassisch!“-Reihe im Stadthaus – unter anderem  das Streichquartett „Der Tod und Mädchen“ von Franz Schubert.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Omer Bouchez: Wir sind zwar alle in Paris beheimatet, aber trotzdem ein sehr internationales Ensemble. Als wir uns zu unseren ersten Proben trafen, kannten wir uns kaum. Wir sind vier völlig unterschiedliche Naturen und außerhalb der Proben hatten wir zunächst wenig Gelegenheit zum Kennenzulernen. Doch im ersten Jahr unserer Zusammenarbeit mussten wir zur Vorbereitung eines Wettbewerbs viele Stücke, also eine Menge Repertoire, einstudieren. Das hat uns zusammengeschweißt. Und anschließend haben wir auch noch andere Wettbewerbe vorbereitet. Ich weiß, dass Musik kein Sport ist, und so möchte ich es auch nicht verstanden wissen, aber dieser Wettbewerbs-Marathon war unser Weg, als Quartett zusammenzuwachsen.

Wie ging es dann weiter?

Anschließend sind wir für zwei Jahre nach Berlin gezogen, um dort als Ensemble gemeinsam weiter zu studieren. Wir wollten die deutsche Art und Weise kennenlernen, auf Musik zuzugehen und uns dort auch Streichquartette der großen deutschen Komponisten aneignen. Wir hatten das außerordentliche Glück, mit dem fantastischen Mentor Eberhard Feltz und dem Artemis Quartett zusammenarbeiten zu können. Die Zeit in Deutschland war für uns also ganz wichtig.

Was haben Ihnen die Mentoren beigebracht?

Eberhard Feltz stellte uns sehr wichtige Fragen für unser Musikverständnis: Woher kommt eure Intention? Wie könnt Ihr sicher sein, dass diese musikalische Phrase so gespielt wird und nicht anders? Von ihm und dem Artemis Quartett haben wir gelernt: Nur wenn du die Regeln kennst, nach denen die Musik von Haydn oder Schubert geschrieben ist, kannst du deiner Intuition folgen und eine eigene Lesart entwickeln.

Was wollen Sie mit Ihrem Ensemble-Namen zum Ausdruck bringen?

Hermes ist der Götterbote, der Vermittler zwischen Göttern und Menschen. Auch wir sind nun Boten: zwischen Komponist und Publikum. In der griechischen Mythologie ist Hermes eng mit der Musik verknüpft, er schuf das erste Instrument, die Lyra, und ist als Schutzgott der Reisenden viel herumgekommen. Auch wir sind dauernd unterwegs (lacht), der Name passt also auf uns.

Fühlen Sie sich in französischer Musik zuhause?

Ja, das tun wir. Wir haben mit diesem Repertoire auch angefangen: mit Ravel, Debussy, Dutilleux, Fauré, deshalb haben wir eine besondere Beziehung dazu. Und da in der französischen Musik viel Spontaneität zu finden ist, können wir uns darin ganz natürlich und sozusagen wie in unserer Muttersprache ausdrücken.

Sie sind berühmt für Ihre hohe Klangkultur. Wie haben Sie sie geschaffen?

Wenn wir ein Stück von Ravel spielen und eines von Mozart, dann möchten wir als erstes einen unterschiedlichen Klang erzeugen. Das Ziel für uns ist, viele Sounds zu haben, nicht nur einen. Gleichwohl wissen wir, dass wir wohl eine eigene Klangsprache haben, die unsere Zuhörer zumeist mit „délicatesse et élégance“ umschreiben. Nur aus diesem Grund haben wir das Wortpaar auf unsere Website gestellt, es scheint ein Markenzeichen von uns zu sein (lacht). Was wir sagen können, ist: Wir spielen aktiv, wir wollen ein natürliches und klares Klangbild haben. Unser größtes Ziel ist, nicht zu verkopft an die Noten heranzugehen und, vor allem, emotional und leidenschaftlich zu spielen. Ohne Gefühlsintensität ist auch die beste Musik nichts wert.

Alfred Brendel haben Sie auch kennengelernt . . .

Ja, und dass wir ihn treffen durften, ist eine der unglaublichsten Geschichten in unserem Quartettleben. Alfred Brendel hat seit einigen Jahren ein Gehörproblem mit dem Klavierklang, was für ihn natürlich bitter ist. Seitdem widmet er sich der Gattung Streichquartett, die er liebt und auch unterrichtet. Ich werde nie vergessen, wie wir einmal Schuberts Streichquintett in seinem Londoner Wohnzimmer gespielt haben, was ihn enthusiasmiert und zutiefst gerührt hat. Wir haben immer noch Kontakt zu ihm und betrachten das als ein großes Privileg.

Ihre CD mit den drei Streichquartetten von Robert Schumann hat ja für Furore gesorgt. Wie kam es zu dieser Einspielung?

Wir hatten die Möglichkeit, das mit einem neuen Label zu machen und haben uns gedacht, dass es doch toll wäre, auf der CD das gesamte Quartettschaffen nur eines Komponisten abzubilden. Das ist schwierig und geht fast nur mit Schumann; Brahms’ drei Quartette sind dafür einen Tick zu lang (lacht). Das zweite Schumann-Quartett wird merkwürdigerweise kaum gespielt – und so haben wir es für uns entdeckt. Auf unserer nächsten CD, die Anfang nächsten Jahres erscheinen soll, erfüllen wir uns mit den Quartetten von Ravel und Dutilleux einen Traum, denn mit dieser Musik fing alles an bei uns. Unserer Spielweise hat sich aber mittlerweile verändert.

Lassen Sie uns unbedingt über die Werke sprechen, die Sie im Stadthaus spielen werden . . .

Los geht es mit Haydn und seinem Quartett „Der Sonnenaufgang“. Der Name stammt natürlich nicht von Haydn selbst, man hat das Werk wegen seiner langsamen Einleitung so genannt, die von der Dunkelheit ins Licht führt. Das Cello und die Bratsche haben in diesem Meisterwerk eine gewichtige Stimme. Dieses B-Dur-Quartett ist so wundervoll frisch und originell, voller Witz und Überraschungen, dabei so spontan und unglaublich modern. Mozart ist viel skrupulöser, vielleicht sogar intellektueller an seine Streichquartette herangegangen, das macht sie, bei aller Raffinesse, weniger frisch als die von Haydn.

Nach der Ersten Wiener Schule machen Sie dann einen Zeitsprung zur Zweiten. Was können Sie uns über Anton Weberns „Fünf Sätze für Streichquartett“ sagen?

Die Sätze sind 1909 entstanden, zu einer der spannendsten Zeiten überhaupt in der gesamten Musikgeschichte. Ravel hat sein Werk zur ungefähr gleichen Zeit geschrieben – und bei aller Modernität kling es völlig anders. Interessant ist, dass Webern erst wenige Jahre zuvor seinen „Langsamen Satz für Streichquartett“ komponiert hatte – ein sehr harmonisches Stück! –, um dann kurze Zeit später mit den fünf atonalen Sätzen die Musik quasi ganz neu zu erfinden. Alles in diesem Werk ist kurz, präzise und konzentriert. Auch spielt Webern hier mit der Stille. Immer, wenn wir es aufführen, sagen uns die Zuhörer anschließend, dass sie dabei einen Film vor ihren inneren Augen ablaufen sehen, geradezu Horrorfilmbilder

Zum Schluss gibt es dann „Der Tod und das Mädchen“ von Schubert. Halten Sie es für sein bestes Streichquartett? Das bekannteste ist es ja auf jeden Fall . . .

Es ist unmöglich, ein bestes Quartett von Schubert zu benennen, da einfach alle genial sind. Aber es stimmt schon, das d-Moll-Quartett enthält so viel Intimität und Ausdruck, dass es weh tut. Das ist eine ganz magische Kammermusik. Wenn es auf dieser Welt einen Grund dafür gibt, mit dem Quartettspiel anzufangen, dann ist es „Der Tod und das Mädchen“. In dieses Werk, das wir auch vor Alfred Brendel aufführen durften, spielt eine Traurigkeit hinein, die man so nur bei Schubert findet. Es markiert einen absoluten Höhepunkt der Kammermusik.

Programm Das Quatuor Hermès tritt am Freitag, 20 Uhr, in der Reihe „klassisch!“ im Stadthaus auf. Auf dem Programm stehen Joseph Haydns 1979 komponiertes  Streichquartett B-Dur „Der Sonnenaufgang“ op. 76,4, die „Fünf Sätze für Streichquartett“ op. 5 von Anton Webern (1909 geschrieben) sowie Franz Schuberts Streichquartett d-Moll „Der Tod und das Mädchen“ D 810  aus dem Jahr 1824.

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