Internationales Fest: Ausländer und Einheimische feiern gemeinsam

Mit einer bunten Parade startete am Samstag das Internationale Fest in Ulm. Menschen aus 50 Nationen präsentierten Bräuche und Spezialitäten ihres Heimatlandes.

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Internationales Fest auf dem Marktplatz – das heißt in erster Linie für viele Ulmer: Ah, wir gehen ausländisch essen und zwar Spezialitäten, die man sonst kaum in einem hiesigen Lokal angeboten bekommt – etwa indonesisches Bala Bala. Das heißt wirklich so, es sind in Fett ausgebackene Gemüsetaler. Oder afrikanisches Poff Poff, eine Art Quarkbällchen oder polnische Piroggen, gefüllte Teigtaschen. Das Internationale Fest – ein Essfest? Kein Problem damit hat Sarah Waschler von der Koordinierungsstelle Internationale Stadt, die das Fest mitorganisiert hatte: „Kulturverständnis geht durch den Magen“, sagt sie. Die stellvertretende Leiterin der Koordinierungsstelle, Christine Grunert, sieht es so: „Essen bietet ungezwungene Möglichkeiten jemanden zu treffen.“

Dabei begann das Internationale Fest mit einem Umzug durch die Stadt, mit der Parade der Kulturen. Laut, bunt und fröhlich zogen etwa 650 Teilnehmer aus 34 Gruppen von der Wengenkirche bis zum Marktplatz, gestartet wurde um 13 Uhr. Vorneweg liefen die Cheerleader der „Be famous Cheer Company“, danach folgten Vertreterinnen des Internationen Ausschusses, die das Internationale Fest ebenfalls mitorganisiert hatten. In der Gruppe des Internationalen Ausschusses lief auch Banu Öner mit, Mitglied seit 2011. Sie spüre beim Umzug die Akzeptanz der Leute. „Wo man akzeptiert wird, da ist man daheim“, sagt sie, die ein rosa Dirndl trug.

Als Vertreter des Rates der Religionen lief Imam Israfil Polat mit, als einziger Stadtrat Haydar Süslü (SPD). Er fand es schade, dass sich keiner seiner Stadtratskollegen aktiv an der Parade beteiligte. Die war übrigens dank der vielen Musikgruppen ordentlich laut, und auch politisch. Viele Teilnehmer trugen Zettel mit Aufdrucken, auf denen etwa stand: „Wir dulden keine Diskriminierung.“ Öner wertet es als Bekenntnis, dass viele Deutsche beim Umzug mitliefen, wie etwa der Spielmannszug Lehr der Feuerwehr Ulm. Öner: „Wir alle machen uns sichtbar, wir zeigen, dass wir miteinander leben.“

Kurz vor 14 Uhr erreichte die Parade den Ulmer Marktplatz – dort zeigte den Nachmittag über Gruppen auf der Bühne ihre Tänze und das bei teils schwüler Hitze. Waschler war mehr als stolz, dass Ulm das Fest nicht abgesagt hatten, im Gegensatz zu Neu-Ulm mit seinem Stadtfest. „Unser Mut wird belohnt“, sagte sie. In den aufgestellten Zelten präsentierten sich Menschen aus 50 Nationen. So kümmerte sich etwa Gisela Almasula am Essensverkaufsstand des HDB, der Organisation der türkischen Sozialdemokraten, um die Kasse. Almasula ist gebürtige Ulmerin und „türkisch verheiratet“ wie sie sagt, mit Vedut Almasula. Sie ist zum wiederholten Mal beim Fest dabei, weil sie es toll findet, weil es Spaß macht. Am schönsten daran sei, „dass die Leute einfach zusammenkommen“.

Das Zusammenkommen überließ die Koordinierungsstelle Internationale Stadt nicht dem Zufall. Sie bahnte es unter anderem so an: An deren Stand gab es ein Glücksrad mit hochwertigen Preisen wie Lederfußbällen und Ferngläsern. „Ich will drehen“, forderten dort viele Kinder. Ehrenamtliche antworteten, dass es zuvor gelte, einen Zettel auszufüllen. Zettel, auf denen man bestimmte Wörter in verschiedenen Sprachen aufschreiben musste. Keine leichte Aufgabe war es herauszufinden, wie „Topf“ auf Wolof heißt oder „Burg“ auf Igbo. Die Kinder zogen mit den Zetteln los zu den afrikanischen Ständen.

Der Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch hatte ebenfalls die Gäste auf dem Marktplatz begrüßt. Er ermutigte zu Begegnungen : „Wir sind eine schöne, eine internationale Stadt. Wir wenden uns gegen Fremdenfeindlichkeit. Das soll jeder spüren, der in unsere Stadt kommt.“

Zahlreiche Begegnungen hatte auch Horst Schwachhöfer, der zweite Vorsitzende der Landsmannschaft Siebenbürger Sachsen der Ortsgruppe Ulm. Er backte nämlich an einem Stand Langos in heißem Öl aus. Viele lobten die ursprünglich ungarische Hefeteigspezialität. Schwachhöfer ist beim Fest dabei, weil er zeigen will, wo seine Wurzeln liegen. In Ulm lebt er seit 1987. Die Frage nach seiner Heimat beantwortet er so: „Heimat ist da, wo ich mich gut fühle.“ Und das ist Ulm.

Neu-Ulmer Stadtfest abgesagt

Verwaltung
Einsam und verlassen standen Sandra Lützel und Ralf Mager am Samstagvormittag gegen 11 Uhr unter dem Regenschirm mitten auf dem Rathausplatz. Eigentlich hätte zu dieser Zeit Oberbürgermeister Gerold Noerenberg mit wenigen Schlägen das erste Fass Bier anstechen und das Neu-Ulmer Stadtfest eröffnen sollen. Doch schon Stunden zuvor hatte das Organisationsteam in Absprache mit den beteiligten Vereinen und Radio 7 das Fest abgesagt. „Wir haben uns um 7 Uhr im Rathaus getroffen und nochmals mit dem Wetterdienst telefoniert“, sagte Mager von der Abteilung zentrale Dienste. Die Meldung verhieß dabei nichts Gutes: den ganzen Tag über war Regen angesagt, teilweise auch Gewitter und Starkregen. Dass es letztlich nicht so schlimm kam wie vorhergesagt, war am Samstagfrüh nicht abzusehen. „Wir haben seit Tagen unbeständiges Wetter, da war uns das Risiko zu groß“, sagt Sandra Lützel, Pressesprecherin des Rathauses. Es gibt keinen Ausweichtermin.

Vereine
Durch die frühe Absage hatten die Vereine gar nicht erst mit dem Aufbau begonnen, was Johannes Stingl von der CSU-Fraktion positiv wertet. „Der Aufbau wäre völlig verregnet gewesen“, das hätte uns nicht geholfen. Die Roten Würste konnten er und seine Mitstreiter zurückgeben, weil diese das Kühlhaus noch nicht verlassen hatten. Semmel, Tsatsiki und Ketchup – alles andere wird jetzt verteilt, die schon gebackenen Kuchen als Spende an Kindergärten gegeben. Ähnlich ergeht es dem Vereinsring Pfuhl, bei dessen zweitem Vorsitzenden Klaus Trett 50 Kilogramm Schupfnudeln im Kühlschrank lagern, die zum Selbstkostenpreis an die Mitglieder verteilt werden. Im Nachhinein betrachtet hätte das Fest seiner Meinung nach stattfinden können: „Schade.“ hum

Ein Kommentar von Beate Rose: Begegnungen der leichten Art

Ausländer, Integration, Religion. Alles Schlagwörter, die fallen, wenn übers Thema Zusammenleben in unserer Gesellschaft geredet wird. Die Schlagwörter eint, dass sie mit etwas Schwerem behaftet sind.

Wie schön, dass das Internationale Fest etwas Leichtes ist, angefangen beim fröhlichen Umzug durch die Stadt. Beim Internationalen Fest feiert jeder gerne mit, man kommt schon wegen der Enge auf dem Marktplatz ins Gespräch und wenn es darüber ist, wie das Fleischgericht aus dem Senegal zubereitet wird, nach was das Nasi Kuning aus Indonesien schmeckt oder was die Gruppe junger Syrer beabsichtigt, die immer wieder unvermittelt lostanzt.

Menschen aus 140 Nationen leben in Ulm. Das Internationale Fest trägt ein Stück dazu bei, sich in Ulm wohlzufühlen. Denn der Ansatz des Festes ist klasse. Da läuft nicht der Ausländer in einer exotischen Tracht seines Herkunftslandes durch Ulm und lässt sich von Einheimischen anstaunen, sondern Ulmer Vereine und Vertreter von Technischem Hilfswerk, Feuerwehr, Gemeinderat und Rat der Religionen sind ebenfalls mittendrin.

Das signalisiert: Wir leben miteinander, feiern miteinander und versuchen miteinander klarzukommen, was manchmal schon eine ganze Menge ist. Dabei helfen vor allem der Dialog und Begegnungen der leichten Art wie beim Internationalen Fest. Das sind Mittel, um sprachlicher und geistiger Brandstifterei nicht anheimzufallen.

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