Integratives Projekt am Theater Ulm

Passen körperlich oder geistig Behinderte in unser Wirtschaftssystem? Was ist, wenn ihre Talente der Schlüssel zum Glück sind? Mit dem Stück "Rent a Fool" wagt das Theater Ulm ein Experiment.

|
"Achtung! Keine Tortenplatte aus Glas verwenden, damit niemand verletzt wird", gibt Gregor Metzeltat (links) einen Tipp für den perfekten Wurf.  Foto: 

Ein Mann steht in der Mitte des Podiums im Theater Ulm. Er trägt einen etwas zu großen rot-braun-gestreiften Anzug, hat einen dichten grauen Bart. Er heißt Gregor Metzeltat und ist Mitarbeiter der Consulting Firma "Rent a Fool". Er hält eine Rede auf einer Firmenfeier: "Was uns unmittelbar bewegt, sehen wir. Was uns nicht unmittelbar bewegt, sehen wir nicht."

Verstanden wird Metzeltat nicht. Ein Unternehmer im Anzug unterbricht die Rede, will stattdessen Bilanzen vorstellen. Die Strafe folgt sogleich, denn in dessen Gesicht landet eine kleine Torte. Dazu gibt Metzeltat nützliche Tipps, wie Kuchen richtig geworfen werden.

Metzeltat wird gespielt von Georg Metzenrat. Der 62-jährige Schauspieler stand schon lange nicht mehr auf der Bühne. In den 1990er Jahren erkrankte er schwer, musste in die Psychiatrie eingewiesen werden.

Metzenrat ist einer von 35 Laien, die zusammen mit zwei ausgebildeten Schauspielern das Stück "Rent a Fool" im Podium uraufführen. Es ist das erste integrative Projekt des Theaters Ulm in Kooperation mit dem Verein Lebenshilfe Donau-Iller, das explizit Geistig- und Körperbehinderte einbezieht.

Den Monolog, den Metzenrat zu Beginn des Stückes hält, hat er selbst geschrieben. Das war ihm wichtig und ist Teil des Konzepts. "Wir lassen die Darsteller nichts sagen, was sie so nicht formulieren würden oder nicht sagen wollen", erklärt Regisseurin Eva Ellerkamp. Dadurch bestehe auch nicht die Gefahr, Behinderte zur Schau zu stellen. "Wir nehmen jeden ernst und arbeiten auf ganz professioneller Ebene miteinander."

Worum geht es in "Rent a Fool"? Eine Firma beschäftigt ausschließlich Menschen mit Behinderung, verkleidet sie mit bunten Narrenkappen und schrillen Kostümen. Sie beraten Unternehmen, Ehepaare, Politiker. Die Narren bringen ihre Kunden dazu, sich aus einer anderen Perspektive zu sehen und dadurch ihre Probleme zu lösen.

"Wir wollten den Begriff des Normalen in Frage stellen und zeigen, dass man von allen Menschen lernen kann - egal ob behindert oder nicht", erklärt Theaterpädagogin Barbara Frazier. Sie hat zusammen mit dem Dramaturgen Michael Sommer das Projekt initiiert und das Thema des Stückes festgelegt. "Die zentrale Frage ist, wie Behinderte in unserem Wirtschaftssystem leben", sagt Sommer. Wirtschaftlichkeit ist das Stichwort. Denn für eine eifrige schwäbische Finanzbeamtin, gespielt von Schauspielerin Tine Kiefl, ist unklar, wie sich die Firma finanziert. Eine schwarze Mappe in der Hand, mit weißer Bluse und grauem Pullunder bekleidet, verbringt die Steuerfahnderin einen Vormittag in der Firma. "Es war wichtig, dass wir über die Figur der Finanzbeamtin einen Blick von außen auf das Geschehen bekommen. Sie musste deshalb auch von jemanden ohne Behinderung gespielt werden", erklärt Sommer.

Wie für die Steuerfahnderin ist es auch für den Zuschauer nicht immer einfach, das Gesagte inhaltlich zu verstehen. Aber das ist auch nicht wichtig. Die Botschaft kommt trotzdem an: Sich so zu akzeptieren, wie man eben ist.

Übermittelt wird das vor allem durch die Natürlichkeit der Darsteller. Sie spielen nicht, sie leben. Und das macht Spaß - ihnen selbst und beim Zusehen. Lisa Winter spielt die Geschäftsführerin. "Ich freu mich darauf, dass mich dann alle bewundern", sagt die 27-Jährige mit Down-Syndrom mit strahlenden Augen. Gesehen werden, das ist den Darstellern wichtig.

Weitere Fotos unter swp.de/bilder

Vier Vorstellungen
Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Bundestagswahl: CDU siegt trotz deutlichen Verlusten

Mit Ronja Kemmer (CDU), die das Direktmandat holte, und Hilde Mattheis (SPD), sind zwei Kandidaten sicher im nächsten Bundestag. Politneuling Alexander Kulitz (FDP) muss noch zittern. weiter lesen