Im Angesicht des Todes

Ein Musical über den Schrecken im Ghetto. Das funktioniert am Theater Ulm auch 28 Jahre nach der Uraufführung: weil es vom Elend des Menschseins erzählt - und etwas von der Kraft des Theaters vermittelt.

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Schmerzvoller Abschied: Tini Prüfert als Chaja und Gunther Nickles als Srulik (mit der Puppe Lina) in "Ghetto". Foto: Hermann Posch

Darf man da klatschen? Ein berührendes Lied der Sängerin Chaja ist verklungen. Soll man nun - nicht 1942 im Ghetto von Vilnius, wo die Szene spielt, sondern 2012 im Theater Ulm, wo Joshua Sobols "Ghetto" gegeben wird - applaudieren? Wo doch vor der Bühne SS-Mann Kittel, "Bravo" rufend, mit mörderisch guter Laune dazu aufruft?

Mehrfach reiben sich in Andreas von Studnitz Inszenierung dramatisches Geschehen und das Theater-auf-dem-Theater aneinander. Es ist eine Geschichte, in der sich nicht alles auflösen lässt. Gewiss nicht der zentrale Konflikt. Da ist Gens, Leiter der jüdischen "Selbstverwaltung", der mit den Deutschen zusammenarbeitet, um Leben feilscht, sogar Theater spielen lässt: "Damit wir uns wie Menschen vorkommen." Und da ist der Bibliothekar Kruk, der dies boykottiert: "Auf einem Friedhof spielt man kein Theater." Und SS-Mann Kittel? Spielt mit allen - und dazu auf dem Saxophon.

Schuld, Moral, Gerechtigkeit im Angesicht des Todes: "Ghetto" verhandelt schwere Themen. Hinzu kommt die Frage nach dem deutschen Täter, die Studnitz immer wieder in den Mittelpunkt rückt. Er hat "Ghetto" ohne Pathos, aber mit Gravitas in Szene gesetzt. Ohne Pause, im ersten Teil etwas gerafft, wäre der Abend noch wirkungsvoller.

Karg ist die Bühne (Britta Lammers, auch Kostüme). Auf ihr kommt das alte Theaterportal, das in den vergangenen Spielzeiten die Inszenierungen einklammerte, nochmal zu Ehren - windschief, demoliert, eine Ruine. In dieser Kulisse muss doch jedes Spiel im Spiel scheitern. Oder doch nicht? Verlaufen die Grenzen zwischen Drama und Spiel überhaupt eindeutig?

Problematisch an der Inszenierung ist nur, wie isoliert das Geschehen gezeigt wird: Das antisemitische Inferno, das Grauen der Außenwelt sind zu wenig spürbar; dabei begründet es die existenziell verzweifelte Lage der Juden im Ghetto.

Aber das macht das glänzende Ensemble wett. Volkram Zschiesche spielt SS-Kommandant Kittel nicht als Abziehbild eines Nazi-Ungetüms, auch nicht als Dämon. Nein, dieses ultimative Böse, es erwuchs aus Menschen. Immer wieder dominiert Kittel die Szene mit lustvoller Gemeinheit, einen durch Kunstsinnigkeit verkleisterten Sadismus, der sich bis zum nonchalanten Zynismus steigert. Erschreckend.

Erschreckend auch, auf andere Art, Gunther Nickles. Als Theatermann Srulik zeigt er dank virtuosen Handpuppenspiels die Spaltung des Ichs: ein gebrochener und ein schonungsloser Teil. Kraftlos-entmutigte Trauer und doch auch radikaler Todesmut einer Künstlerseele. Seine finale, verzweifelte Hitlerpersiflage ist schlichtweg grandios.

Tini Prüfert hat als Chaja die meisten Songs und unterschiedlichste Stimmungen zu meistern, von entgeistert bis couragiert - und, ja, wie schön kann, darf, muss man am Abgrund singen? Wenn sie "Ich bin die fesche Lola" vorträgt, dabei zwischen ihr und Zschiesche die Luft elektrisiert, sind das die mutigsten Sekunden des Abends. Denn das darf nicht sein. Aber es ist so.

Jörg Heinrich Benthien zeigt den Bibliothekar Kruk als um Integrität ringenden, zugleich verlorenen Mann. Ihm gegenüber steht Wilhelm Schlotterer als Ghetto-Leiter Gens, der trotz des Grauens um Pragmatismus bemüht ist - er weiß, wie hoch der Preis ist, und doch setzt sich seine Geschäftsmäßigkeit durch. Das wird noch gesteigert in der Figur des Unternehmers Weiskopf, den Fabian Gröver beeindruckend, fast schon clownesk als elenden Opportunisten porträtiert. Dabei scheint ein Gefühl des tiefen Entsetzens bei all den Charakteren immer wieder durch. Selbst bei Polizist Dessler (Raphael Westermeier), der als Handlanger Befehle bis zum Selbstekel desillusioniert ausführt.

Aber "Ghetto" ist ein Musical. Wolfgang Lackerschmid hat Lieder in filigrane, ja fragile Arrangements mit schillernden Jazzharmonien gekleidet, dann dominiert wieder ein traurig-tänzerischer Ton; die Szenenmusik verharrt eher im vertraut Folkloristischen. Fein spielt das Ensemble der Philharmoniker, der Opernchor hat flankierende Auftritte, und der musikalische Leiter Hendrik Haas gestaltet die Klangwelten als emotionale Grundierung des Spiels. Ein berührender Höhepunkt ist, wenn die Ulmer Spatzen "Leise Kindchen, lass uns schweigen" singen, darüber sphärische Harmonien. Schwarze Silhouetten vor blutrotem Vorhang - alsbald werden die Kinder selektiert.

Am Schluss weht der Tod herein, er wirkt bis ins Hier und Heute. Es ist auch ein Theater-Tod. Doch endet mit diesem Schrecken tatsächlich alles, was Theater sein kann? Nein, das will uns Sobol nicht sagen. Er lässt den strengen Kruk sogar einräumen: Dem Faschismus kann man nur widerstehen, "wenn man die eigene Kultur bewahrt. Und menschlich bleibt." Deshalb spielt man Stücke wie "Ghetto".

Und daher darf man, zumal am Schluss, klatschen. Was das Ulmer Publikum reichlich, ja jubelnd tat.

Info Nächste Termine: heute, 2., 3., 7., 13. Oktober. Tel.. 0731-1614444.

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