Hölzel-Christus: Das Kreuz mit dem Dreieck

Das Museum Ulm und die Pauluskirche erinnern an Adolf Hölzel und beleuchten sein 1910 geschaffenes Wandgemälde „Der Gekreuzigte“.

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  • Akribisch, mit vielen Vorstudien, bereitete sich der Künstler Adolf Hölzel auf seine Wandmalerei vor, die er 1910 für die von Theodor Fischer gebaute Ulmer Garnisonskirche (Pauluskirche) schuf. Auch dieses Ölgemälde zeigt ein Schattendreieck hinter dem Kreuz. 1/2
    Akribisch, mit vielen Vorstudien, bereitete sich der Künstler Adolf Hölzel auf seine Wandmalerei vor, die er 1910 für die von Theodor Fischer gebaute Ulmer Garnisonskirche (Pauluskirche) schuf. Auch dieses Ölgemälde zeigt ein Schattendreieck hinter dem Kreuz. Foto: 
  • Zweiter Ausstellungsort der Hölzel-Schau ist die Pauluskirche. 2/2
    Zweiter Ausstellungsort der Hölzel-Schau ist die Pauluskirche. Foto: 
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Der verkannte Revolutionär“, überschrieb die Kunsthistorikerin Karin von Maur im Jahre 2003 ihre Monografie über Adolf Hölzel, dessen 150. Geburtstag damals zu feiern war. Denn dass neben der Dresdner „Brücke“ und dem „Blauen Reiter“ in München auch ein Kreis um den Direktor der Stuttgarter Akademie zu Beginn des 20. Jahrhunderts maßgeblich die moderne Kunst beeinflusst habe, sei vielen nicht bekannt. Diese Einschätzung hat sich nicht wesentlich verändert. Oder wie Adelbert Schloz-Dürr, Pfarrer der Pauluskirche, zuspitzt: „Es ist eine Schande, wie mit Hölzel umgegangen wird.“

Das Museum Ulm und die Pauluskirche rücken den im mährischen Olmütz geborenen und 1934 in Stuttgart gestorbenen Künstler, der nicht zuletzt der einflussreiche Lehrer von Willi Baumeister, Johannes Itten und Oskar Schlemmer war, jetzt in einer Doppelausstellung ins Licht: „Mit Religion kann man nicht malen.“

Der Titel ist ein irritierendes Zitat Hölzels. War ihm die Kunst selbst Religion, empfand er die reine Malerei als religiöse Anbetung? In  Ulm wurde er konkret, expressiv glaubensstark. 1910 schuf Hölzel eine bedeutende Wandmalerei: den Gekreuzigten in der Altarnische der Garnisonskirche (Pauluskirche).

Das Museum Ulm zeigt in der von Eva Leistenschneider kuratierten Studio-Ausstellung die Vorstudien dazu, und zwar im Kontext von Hölzels künstlerischem Werk. Und in der Pauluskirche, dem Originalschauplatz, informieren zahlreiche Tafeln über die wechselhafte Geschichte dieses Kirchenraums, die denkmalpflegerischen Ansätze und neue Erkenntnisse über Hölzels Maltechnik.

Als der Österreicher 1906 als geachteter Landschaftsmaler  und Repräsentant der Münchner Schule aus der Künstlerkolonie Dachau nach Stuttgart kam, hatte er „ein Gemälde von revolutionärer Bedeutung im Gepäck“ (Karin von Maur) – ein Zusammenspiel aus Formen und Farben:  die „Komposition in Rot 1“. Hölzel gehört neben Kandinsky zu den Mitbegründern der Abstraktion. In seinen ersten Stuttgarter Jahren hielt er sich allerdings mit Experimenten zurück.

Einen Großauftrag verschaffte ihm sein Architektenfreund Theodor Fischer (Professor an der Technischen Hochschule in Stuttgart von 1901-1908) in Pfullingen: Wandbilder für den Konzertsaal des Gemeinschaftshauses des Papierfabrikanten Laiblin. Da ließ der Meister allerdings seine begabtesten Schüler ran und führte nur Regie. In Ulm aber – wieder ein Bauwerk Fischers – ging Hölzel selbst ans Werk und schuf monumental den gekreuzigten Christus auf den Putzgrund: mit kalt vermaltem, verseiftem Wachs.

Den Naturalismus, den Impressionismus hatte Hölzel hinter sich gelassen: Seine Christusfigur hat eine strenge symmetrische Struktur, geometrische Grundformen bestimmen den Körper, der Kopf trägt ikonenhafte Züge. In diversen Vorstudien, Zeichnungen und Ölbildern hatte sich Hölzel perfektionistisch vorbereitet. Das lässt sich alles spannend nachvollziehen. Aber wo ist das Schattendreieck hinter dem Kreuz geblieben?

Das ist die Wunde Hölzel, möchte man in Ulm fast sagen: Ende der 60er Jahren wurde die Garnisonskirche nämlich zur Pauluskirche entmilitarisiert. Auch sichtbar in der Innenausstattung.  Die Leinwandbilder des Pferdemalers Christian Speyer an den Chorseiten kamen weg, der über dem Alter einschüchternde Luther-Vers „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“ wurde durch Malerei Klaus Arnolds ersetzt. Auch Hölzels Christus sollte klarer, heller wirken, und so kamen die Maler und deckten das Dreieck zu. Dieses sollte aber wohl nicht nur die christliche Dreieinigkeit symbolisieren, sondern in seiner pyramidalen Form auch die Auferstehung. Jedenfalls hatte sich Hölzel gewiss etwas dabei gedacht.

Gibt es einen Weg zurück? „Ich hätte einen Farbtopf bereitstehen“, sagt Pfarrer Schloz-Dürr, der „sehr darunter leidet“, dass der Hölzel-Christus damals so misshandelt wurde. „Wäre man mit einem Kandinsky so umgesprungen?“ Für die Denkmalpfleger freilich ist dieser Prozess im Sinne auch einer „Restaurierungsethik“ abgeschlossen. Diese Doppelausstellung und vor allem auch der vom Landesamt für Denkmalpflege herausgegebene, höchst informative Katalog bieten aber eine fundierte Diskussionsgrundlage.

Ausstellung: Im Museum Ulm läuft die Hölzel-Schau bis 7. Januar; Di-So 11-17, Do 11-20 Uhr. Die Pauluskirche ist täglich außer Montag von 9-16 Uhr geöffnet. In der Kulturnacht gibt es ein Extra-Programm von 19-24 Uhr. In der Pauluskirche findet am Sonntag, 10 Uhr, ein Festgottesdienst zur Vernissage statt.

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