Heinrich, uns grauts vor dir

Andreas von Studnitz lässt in der Podium-Bar "FAUSTreloded" spielen: keine moderne Dramen-Adaption, sondern eine psychosoziale Diagnose.

|
Immer wieder reloaded: Heinrich (Florian Stern) kann sich der Anziehungskraft der virtuellen Spielewelt nicht entziehen. Foto: Ilja Mess

Die Studierstube ist eine vermüllte Bude, der Teufel spricht aus dem Computer, Heinrich grübelt sich schon lange nicht mehr durch die Welt. Im Stück "FAUSTreloaded", das in der Podium-Bar zustimmend beklatscht Premiere feierte, hält Andreas von Studnitz einen Computer- und Spielsüchtigen im Virtuellen gefangen.

Dort dient der Deutschen größtes Drama nurmehr als Daten-Pool, als Bilder-Speicher und Zeichen-Material. "Faust" als Spiel im Spiel: als "interactive, electrifying, philosophical lovegame by Johann Wolfgang von Goethe". Ein Drama aber ist es immer noch, Verführung und Sucht lauten Studnitz Themen.

Eine versiffte Matratze auf Getränkekisten. Klamotten, Heftchen, Flaschen, Dosen, Pizzakartons. Junk-Absteige, Junk-Food und darin ein Junkie: Heinrichs Quartier (Raum und Kostüm: Britta Lammers). Auf einem Plakat lockt ein Manga-Mädchen: "Welcome to the magnificent world of FAUSTreloded". Ach ja, das Ewig-Weibliche zieht uns hinan, und sei es nur als aufreizend gepixelte Figur.

Zunächst aber liegt dieser Heinrich - bleich, stumpf, fast delirierend - vor dem Bildschirm. Eine kranke Made im Medienspeck. Weder Porno noch Peperoni machen ihn scharf. Doch dann zieht ihn das Spiel hinan: "Heinrich, rette mich!", singt eine Frau. Und: "Es war ein König in Thule", man mag da schon zu ahnen, wem oder was dieser Süchtige "gar treu bis an das Grab" ist.

Heinrich, nun energydrinkgepowert, zwängt sich in seinen interaktiven Anzug, und dann kämpft, krampft, krümmt sich dieser Cybernaut durch die Level von "FAUSTreloaded": Studierzimmer, Schülerszene, Auerbachs Keller und natürlich Gretchen. Dialoge muss er vervollständigen, gestische und mimische Choreografien absolvieren. Als Belohnung zwischen den Ebenen gibts Entspannung im Anzug.

Dieser Typ hat sich moderner Magie, also "diesem Spiel ergeben". Und nicht "was verschwand", sondern "was ich wünsche, wird mir zu Wirklichkeiten". So spielt Studnitz mit Goethes Text, und so spricht er als Computer-Mephisto zum Spieler-Faust: "Du bist der Herr, ich dein Gesell." Ein Hohn, klar, und dass Studnitz selbst als Mephisto tönt, mag man als Pointe verbuchen: Der Regisseur als Bestimmer, Manipulator, Verführer. Und über allem liegt eine suggestive, stellenweise aufdringliche Musikspur aus Ambient-Loops, Sakral-Pop, Michael Nyman und "In The Air Tonight"

Am beklemmensten wird diese Spiel-Stunde in Auerbachs Keller: Das "garstig Lied" als Techno-Alptraum fordert Heinrich in einer Fast-Endlosscheife bis zur Erschöpfung. Florian Stern zeigt eine Koordinations- und Konzentrationsleistung. Er starrt in starren Posen, bewegt sich dann wieder roboterhaft, stöhnt, ächzt, schwitzt, leidet. Ein lebendes Elend, ein elendes Leben. Es ist Sterns Verdienst, wenn Heinrich nicht nur wie ein Freak wirkt - und doch lässt die Soziopathie der Figur nicht durchgehend eine Einfühlung des Zuschauers zu.

Das Ende freilich geht einem nahe. Die Intensität der Gretchen-Szenen steht in starkem Kontrast zur Isolation des Spielers. Glühend-emotionale Sätze, die das Alleinsein nur noch schmerzhafter wirken lassen. Einst saß Gretchen wahnsinnig im Kerker - 2012 nimmt Heinrich ihren Platz ein: in seinem Wahn, in seinem Kerker. "Heinrich, rette mich!" Ach, ob der selbst noch zu retten ist? Heinrich, uns grauts vor dir und auch vor uns.

Info Wieder am 28.9. und am 10., 16., 25.10. Karten: 0731/161 44 44.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Mieter entsetzt über Kahlschlag in grüner Oase

Mieter einer Villa am Michelsberg sind entsetzt über den Kahlschlag ihrer Grünflächen, die eine Oase für Pflanzen und Tiere gewesen sein soll. Die Ulmer Wohnbaugenossenschaft UWS hat die Maßnahmen angeordnet. weiter lesen