Schneidermeisterin Lissy Willer-Gabsi: Haute Couture aus Ulm

Schneidermeisterin Lissy Willer-Gabsi näht Kleider nach den Vorstellungen ihrer Kunden: Detailliert, zeitlos und von hoher Qualität – auch für Philipp Poisel.

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  • Nichts zwickt: Anprobe mit Schneiderin Lissy Willer-Gabsi (links). Sie näht ganz nach den Vorstellungen ihrer Kunden. Nur wenn sie ganz daneben liegen, „rate ich davon ab“. 1/4
    Nichts zwickt: Anprobe mit Schneiderin Lissy Willer-Gabsi (links). Sie näht ganz nach den Vorstellungen ihrer Kunden. Nur wenn sie ganz daneben liegen, „rate ich davon ab“. Foto: 
  • Schick und Schön Schneiderin Lissy Willer-Gabsy    2/4
    Schick und Schön Schneiderin Lissy Willer-Gabsy Foto: 
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Das Wort „Kartoffelsack“ im Zusammenhang mit einer Maßschneiderei zu nennen, hört sich nach einer schlechten Marketingstrategie an. Im Fall von Lissy Willer-Gabsi gilt jedoch das Gegenteil. Da nämlich haben die rund 120 Kartoffelsäcke von Bauern aus der Region und aus dem Internet einen künstlerisch-kreativen Hintergrund: Die Ulmer Schneidermeisterin hat sie in einer irren Aktion in ihrer Badewanne gewaschen, im Hinterhof ihrer Werkstatt imprägniert, getrocknet und in 8-Meter-Rollen anschließend mit der Hilfe einer Freundin zusammengenäht: „Sie gehörten zum Bühnenbild von Philipp Poisels Konzert auf dem Münsterplatz“, sagt sie.

Der Sänger aus Ludwigsburg („Erkläre mir die Liebe“, „Herz aus Glas“) ist seit geraumer Zeit gewissermaßen Stammkunde der Schneiderin. Weniger in Sachen Mode, aber bezüglich seiner Kostüme und Kulissen. Dem 34-Jährigen liegt das Zusammenspiel seiner Texte, der Musik und dem, was auf der Bühne zu sehen ist, am Herzen: „Kulissen können die Sinne anregen auf der visuellen Ebene. Zusammen mit der Musik entfalten beide ihre Kräfte exponentiell“, erklärt er auf Nachfrage.

In Lissy Willer-Gabsi habe er eine Meisterin gefunden, sagt Poisel. Für seine aktuelle Tour „Mein Amerika“ nähte sie beispielsweise 25 Kostüme. Unter anderem Dirndl, Sakkos und Beinkleider im Stil der Schwarzwälder Trachten. Aber: „Die Bandmitglieder mussten sie innerhalb von Sekunden wechseln können“, erzählt Lissy Willer-Gabsi. Der Trick: Attrappen, Druckknöpfe, Klettverschlüsse – „und sie haben mehrere Kleider übereinander getragen“.

Eine andere Welt

Weil ihr die überaus kreative und phantasievolle Aufgabe Spaß macht, nimmt die Mutter zweier erwachsener Kinder mitunter einen großen Aufwand in Kauf: „Maß nehmen in Stuttgart, Anproben in Laupheim und nochmal in Bottrop bei Duisburg.“ Es sei eine völlig andere Welt, in die sie da eintauche: „Ich zittere mit, ob alles so klappt und so rüberkommt, wie Philipp Poisel sich das ausgedacht hat.“ Wie bei den Kartoffelsäcken, mit denen die Bühnenwand bespannt wurde. Welche Idee dahinter steckte, habe sich in der Nacht gezeigt. „Da schien das Licht durch den brüchigen Stoff, das gab eine ganz besondere Atmosphäre.“

Einfühlungsvermögen und Vorstellungskraftkraft braucht die Schneidermeisterin jedoch auch bei ihren Kunden. Überwiegend Frauen. „Ein paar Männer habe ich auch, einer lässt sich seine Boxershorts von mir nähen“. Auch mal ein Hemd sei unter den Aufträgen. Anzüge nicht. „Ich mag die nicht nähen“, räumt sie ein. Der Aufwand sei riesig, allein der Schnitt schon und dann das komplizierte Innenleben eines Sakkos – „da muss man eine Rosshaareinlage einnähen, denn es braucht eine gewisse Steifigkeit.“

Also keine Anzüge. Dafür aber lockere Jackets und Mäntel für ihre Kundinnen. Viele kommen schon seit Jahren. „Ich kenne ihren Geschmack, ihre Figur, ihre Vorlieben.“ Die Zeugnisse ihrer Garderobe hängen in unzähligen Schnittmustern aus Papier an Haken in den Werkstatträumen in der Karlstraße. Oder natürlich Kleider. Wie die einer 45-jährigen Steuerberaterin, die gerade zur Anprobe da ist.

„Ich finde in den Geschäften nicht das, was ich will“, begründet sie ihre Aufträge bei der Schneiderin. Und: Kleider von der Stange passten selten perfekt. Keine Naht sitze da, wo sie sein sollte, über dem Po spanne es, die Ärmel seien zu kurz oder zu lang. Bei Lissy Willer-Gabsi bekomme sie, was sie wolle.

„Ich bringe die Stoffe mit und wir entwickeln zusammen, was daraus werden kann.“ So wie das schwarz-bordeauxrot-karierte, das die 45-Jährige gerade anprobiert. Es hat einen spitzen Ausschnitt mit einem kleinen Kragen. „Den Gürtel machen wir im gleichen Stoff“, schlägt die Schneiderin vor und drapiert schnell ein breites Stück Stoff um die Taille ihrer Kundin – „sieht gut aus“. Auch die Knöpfe sollen mit dem Stoff bezogen werden.

Dass die Garderobe nicht gekauft ist, würden die meisten sehen, erzählt die Kundin, die Mode liebt und in Stoffen schwelgen kann. „Viele fragen, woher ich meine Kleider habe.“ Die Schneiderin nimmt eine Stecknadel aus dem Mund und beginnt, den Saum abzustecken: „Ich denke, das wäre die perfekte Länge“, sagt sie und beide verweilen zur Begutachtung vor dem Spiegelbild.

Wer schneidert, braucht Geduld: „Es gibt Stoffe, die verziehen sich. Es gibt Muster, die schwer zu nähen sind, es gibt Falten, die treiben einen zur Weiß­glut“, zählt die 58-Jährige auf. Meist bleibe sie gelassen, nur manchmal fluche sie leise vor sich hin. Oft wird auch die Zeit knapp. „Bei Hochzeiten, Festen.“ Dann näht sie auch nachts in ihrer Schneiderwerkstatt, wie sie die schönen Räume in dem Gründerzeithaus nennt. „Ich führe kein Atelier. Hier wird gearbeitet.“

Die Schneiderin nimmt den lia-gemusterten Tweed und fährt sich damit über die Wange: „Er kratzt nicht“, sagt sie zu der 45-jährigen Steuerberaterin, die den Stoff für ihr nächstes Lieblingsstück ausgesucht hat: „Ein Chanel-Kostüm.“ Ein Klacks für Lissy Willer-Gabsi, die schließlich schon Kartoffelsäcke verarbeitet hat. Sagt auch Sänger Poisel: „Bei allem, was ich ihr bisher vorgesponnen habe, war die Frage nie ob, sondern immer nur: Wie wollen wir es umsetzen?“

Werdegang Lissy Willer-Gabsi ist in Giegen an der Brenz geboren. Ihre Lehre hat sie in Ulm bei der Schneidermeisterin Sabine Schlenker gemacht und danach zwei Jahre als Gesellin in München gearbeitet. Wieder zurück in Ulm arbeitete sie bei ihrer Lehrherrin und besuchte nebenher die Meisterschule bei der Handwerkskammer Ulm. „Heute gibt es dieses Angebot nicht mehr“, sagt sie. 1991 gründete sie ihre eigene Werkstatt, zunächst in der Olgastraße: „Der Anfang war schwer.“ Heute ist sie in der Karlstraße 67 in eigenen Räumen.

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