Harte Drogen in Ulm auf dem Vormarsch

Die Drogenstatistik belegt nichts Auffälliges, die Szene verändert sich dennoch. Die Polizei warnt vor der hohen Verfügbarkeit von synthetischen Substanzen. Die Rufe nach einem Exit-Laden werden lauter. Mit Kommentar von Hans-Uli Mayer: Es fehlt am politischen Willen.

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Am Karlsplatz zeigen sich die Versäumnisse der letzten Jahre: Für Menschen am Rand der Gesellschaft gibt es kaum noch Platz in der Stadt. Und seit dem Wegfall des Kontaktladens Exit hat die Drogenhilfe Mühe, in Kontakt zu ihrer Klientel auf der Straße zu kommen.  Foto: 

Die Vorkommnisse rund um den Karlsplatz, wo Anwohner die Angst vor einer offenen Drogenszene äußern, haben ein erstes Zeichen gesetzt. Das zweite kam vom stellvertretenden Leiter des neuen Ulmer Polizeipräsidiums, Hubertus Högerle, der unlängst bei einer SPD-Veranstaltung mit Justizminister Rainer Stickelberger davon sprach, dass harte und insbesondere synthetische Drogen in Ulm auf dem Vormarsch seien.

Eine Aussage, die in der Kontroverse um den Karlsplatz ihre Bestätigung findet, nachdem sich Anwohner wegen offen herumliegender Drogenspritzen im Kindersandkasten beschwert hatten. Ganz so dramatisch scheint die Lage aber nicht zu sein, sagt Högerle. Zumindest gebe die polizeiliche Statistik das nicht her. Denn die Zahlen bewegen sich seit einigen Jahren in vergleichbarer Größe, wie Ralf Vetter vom Polizeipräsidium ergänzt: "Wir sind derzeit ganz grob gesehen etwa auf Vorjahresniveau."

Die Zahlen sind das eine, die Wahrnehmungen und Erkenntnisse der Beamten das andere. Unabhängig der polizeilich festgestellten und in der Statistik aufgeführten Fälle, beobachten sie, dass es in der Szene praktisch alle Arten von Drogen gibt, was bedeutet, dass es von allem eine hohe Verfügbarkeit gibt. Vor allem harte Drogen werden immer wieder beschlagnahmt. Synthetische Verbindungen wie Amphetamine oder Crystal, das Vetter eine "hoch riskante Droge" nennt, weil sie schnell zu einer starken psychischen Abhängigkeit führt.

Verdeckt ermittelnde Beamte in Zivil nehmen das vor allem in der Disco- und Clubszene in der Doppelstadt wahr. Es werde offener über die künstlich hergestellten Drogen gesprochen und auch viel häufiger als noch vor einem Jahr. All diese Beobachtungen lassen die Ermittler zu dem Schluss kommen, dass auch mehr Stoff unterwegs ist. In Bayern sei das ein großes Problem, sagt Vetter, was an dem Herkunftsland Tschechien liegen könne, über dessen Grenzen das Zeug nach Deutschland kommt.

Eine offene Szene gibt es in Ulm laut Vetter nicht, schon gar nicht am Karlsplatz. Rund um den Bahnhof und die Bahnhofstraße müsse die Polizei viel öfter eingreifen. Einen Schwerpunkt für den Drogenhandel gebe es nicht, Drogen bekomme man überall in der Stadt. Die Szene am Karlsplatz nennt er einen so genannten "Ameisenhandel", eine "Kontakt-Szene", wo Geschäfte meist nur angebahnt, aber nicht vollzogen werden.

Verschiedentlich war es im Zusammenhang zu Kritik an der Effizienz der Arbeit der Drogenhilfe gekommen. Die SPD-Gemeinderatsfraktion hat obendrein die Wiederbelebung des vor zehn Jahren geschlossenen Kontaktladens Exit beantragt. Da konnten Drogenabhängige hin, um Wäsche zu waschen, sich im Winter aufzuwärmen oder auch saubere Spritzen zu bekommen. Das Ziel war, Kontakt in die Szene zu erhalten, was den Therapeuten immer wieder die Möglichkeit gegeben hatte, mit Süchtigen direkt zu arbeiten.

Einen solchen Exit-Laden kann sich auch der Leiter der Drogenhilfe Frank Riethdorf vorstellen. Ihn zu schließen sei aber keine Entscheidung der Drogenhilfe gewesen, sondern der Politik. Nachdem der Landkreis Neu-Ulm aus der Finanzierung ausgestiegen war und eine finanzielle Lücke gerissen hatte, wollten die Stadt Ulm und der Alb-Donau-Kreis den entstandenen Fehlbetrag nicht alleine stemmen.

Kritik an der Effizienz der Drogenhilfe weist Riethdorf zurück. Richtig sei, dass durch den Wegfall von Exit einer der drei Pfeiler fehle und das Konzept insofern seit Jahren unvollständig sei. Eine Szene, wie sie sich etwa am Karlsplatz gebildet habe, könne die Drogenhilfe nicht mehr erreichen. "Mit dem Exitladen haben wir ein niederschwelliges Angebot verloren. Da bricht was weg, das merkt man", sagt Riethdorf.

Insgesamt könne die Drogenhilfe aber steigende Klientenzahlen aufweisen. Wenngleich der Leiter auch einräumen muss, dass die Zahlen der Einzelkontakte deutlich stärker steigen als die für Mehrfachbetreuung, also eine therapeutische Betreuung, die längerfristig angelegt ist. Riethdorf: "Das schaffen wir bei unserem Personalstamm nicht." Die Drogenhilfe verfügt derzeit über 5,2 Stellen - auf mehrere Personen verteilt.

Kommentar von Hans-Uli Mayer: Es fehlt am politischen Willen

Drogen und ihr Missbrauch sind ein heikles Thema. Die Neigung, sich dem Rausch hinzugeben, scheint so etwas wie ein menschliches Urbedürfnis zu sein. Zwischen der damit verbundenen Kriminalität und der Arbeit der Polizei besteht ein mathematischer Zusammenhang: Unternimmt sie viel, steigen die Zahlen, macht sie wenig, sinken sie wieder. Insofern ist die Statistik nur wenig hilfreich.

Am Karlsplatz zeigen sich auch in dieser Hinsicht die Versäumnisse der letzten Jahre. Nach den Sanierungen vieler Quartiere und Plätze in der City sammeln sich dort die Verlierer. Trinker, Obdachlose und Drogensüchtige treffen sich neben spielenden Kindern, was bei Anwohnern und Eltern durchaus verständliche Ängste hervorruft. Hier manifestiert sich eine Stadtpolitik, die alles schön machen will, längst aber vergessen zu haben scheint, dass es Menschen gibt, die diese Entwicklung nicht mitgehen können.

Am Karlsplatz rächt sich, dass nach der Schließung des Kontaktladens Exit vor Jahren nicht konsequent ein neues Konzept für die Drogenhilfe diskutiert und entwickelt wurde. Exit hat den Sozialarbeitern und Therapeuten unmittelbaren Zugang zu den Süchtigen ermöglicht. Der fehlt jetzt, weshalb es der Drogenhilfe auch aufgrund ihrer finanziellen und personellen Ausstattung kaum mehr möglich ist, ihre Aufgaben zu erfüllen. Über Drogen zu klagen, ist leicht. Etwas dagegen zu unternehmen, bedarf aber des politischen Willens.

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Kommentare

08.10.2014 20:50 Uhr

ähm eine frage!

Warum leben die Junkys eigentlich? Ich mein die sind doch nicht mehr für diese Welt zu gebrauchen, sind süchtig klauen um Drogen zu kaufen, und der Dealer lebt wie ein König. Warum sind die Leute dumm und nehmen Drogen werde es nie verstehen

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