Handwerker entdecken 3D-Drucker

Metallbauer und Zahntechniker können vom 3D-Druck profitieren, Schreiner und Bäcker. Das neue Verfahren hält gerade Einzug im Handwerk. Es dürfte so einschneidend sein wie einst die CNC-Technologie.

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Dem Ingenieur Franz Lanz schwebt vor, für den Maschinenbau ganz spezielle Messer aus Metall herzustellen. Sie sollen sich nicht so schnell abnutzen wie herkömmliche. Und er würde gern schnell immer wieder andere Messerformen machen. Franz Lanz ist Seniorchef der Firma Lanz in Dornstadt, und er glaubt an eine neue Technologie: den 3D-Druck. So wie Bäckermeister Bernd Stähle aus Eriskirch (Bodenseekreis). Er möchte originell geformte Süßwaren fertigen. Nicht bloß das Wappen der Grafen von Montfort, er hat Größeres vor: Der Bäcker will das Ulmer Münster aus Schokolade herstellen. Er könnte auf ein altes Verfahren zurückgreifen und es gießen. Aber: „Extra dafür eine Form anzufertigen, ist zu kostspielig.“

Der 3D-Druck bedeutet eine Revolution, meint der Innovationsberater der Handwerkskammer Ulm, Gunter Maetze. „Weil alle an dieser technischen Weiterentwicklung teilhaben können.“ Nicht nur große Autohersteller und Luftfahrtunternehmen, auch der kleine Handwerker. Die Innovation hat freilich eine Kehrseite: „Es können ganze Geschäftsmodelle obsolet werden.“ Ein Möbelschreiner muss die Beschläge für seine Möbel nicht mehr der Industrie abnehmen, er kann sie selbst fertigen. Oder: Sein Kunde fertigt eine Skizze an und lässt den Beschlag in China drucken. „Das wird alles parallel stattfinden“, sagt Maetze, „die Technologie ist aus den Kinderschuhen raus – wo sie Platz greift, wird sich zeigen.“ Eines steht indes fest: Die Stückzahlen, die per 3D-Druck hergestellt werden, fehlen an anderer Stelle.

Sinn macht das Verfahren, wo Prototypen gebraucht oder Kleinserien hergestellt werden. Auch Zahntechniker aus der Region interessieren sich für die neue Technologie, Orthopäden und Goldschmiede. Der Ansturm auf einen Workshop in der Ulmer Bildungsakademie war so groß, dass viele Handwerker vertröstet werden mussten; es gibt eine Folgeveranstaltung zu dem Mega-Thema. Der 3D-Druck ist die bedeutendste Innovation für das Handwerk seit der Einführung der CNC-Technik in den 1990er Jahren.

Einen eigenen Drucker zu kaufen, lohnt für einen Handwerksbetrieb nicht in jedem Fall. Die günstigsten sind zwar schon für weniger als 1000 Euro zu haben (Tschibo hat eine Mini-Version für 499 Euro verkauft). Es ist aber fraglich, ob sie den jeweiligen Ansprüchen genügen. „Sie sind vielleicht gut zum Einsteigen und Üben“, meint Thomas Pflug, langjähriger Geschäftsführer der NC Gesellschaft in Ulm, die sich der Anwendung neuer Technologien verschrieben hat. Industrietaugliche Geräte kosten mitunter mehr als eine Million Euro. Pflug gibt vor allem zu bedenken, dass es in keinem Fall genügt, sich ein Gerät anzuschaffen und nicht vorher die Frage beantwortet zu haben, womit es gespeist wird. „Alle Verfahren basieren darauf, dass 3D-CAD-Daten vorliegen.“

Die Alternative: Man beauftragt einen Dienstleister. Ein Unternehmen wie die Firma Kuhn-Stoff in Weingarten, dessen Inhaber Hannes Kuhn den 3D-Druck für sich als Geschäftsmodell entdeckt hat. Er hätte einst den metallverarbeitenden Betrieb seines Vaters übernehmen sollen, sah aber in der neuen Technologie den vielversprechenderen Weg. „Ich habe alle Drehbänke weggeschmissen.“ Seine Entscheidung fiel, lange bevor der 3D-Druck zu boomen begann. Heute hat er europaweit 300 Kunden, hauptsächlich in der Industrie.

3D-Druck funktioniert vereinfacht gesagt so: Im Gegensatz zur herkömmlichen Herstellung durch Fräsen, Sägen und Bohren, also Methoden, bei denen „aus dem Vollen geschnitzt wird“ (Maetze), baut der 3D-Druck nur das an Substanz auf, was gebraucht wird – und zwar schichtweise. Das geschieht computergesteuert. Während des Aufbaus finden Härtungs- oder Schmelzprozesse statt. Für den Druck werden Kunststoffe, Metalle, Keramik oder Sand verwendet.

Die neue Technologie hat mehrere Vorteile: Sie ermöglicht die Herstellung individueller Produkte, „es lassen sich selbst Geometrien verwirklichen, die früher nicht möglich waren“, sagt Innovationsberater Maetze. Sie trägt wegen des gezielten Schichtaufbaus zur Ressourcenschonung bei. Und sie ist schnell. Verbesserungswürdig sind indes noch die Oberflächen.

Ingenieur Franz Lanz bringt übrigens schon eine grundlegende Fähigkeit mit: Er beherrscht das 3D-Zeichnen. Bäcker Bernd Stähle ist ebenfalls optimistisch, er sucht jedoch noch nach einem Verfahren, das lebensmitteltauglich ist.

Kaum etwas scheint unmöglich

Anwendungen: 3D-Drucker haben in der Do-it-yourself-Szene für Furore gesorgt, denn sie ermöglichen jedem Verbraucher im Wohnzimmer, kleines Spielzeug oder Schmuck herzustellen. Hackern gelang es schon, ein Ersatzteil für den Geschirrspüler nachzubauen. Unterdessen arbeiten Wissenschaftler daran, pürierten Karottenbrei wieder in Karottenform zu bringen – so könnte in der Pflege Nahrung ein attraktiveres Aussehen bekommen. Es gibt weltweit 70 Drucker-Hersteller, und es werden immer mehr. Experten sind sicher: Wenn heute noch kein Gerät auf dem Markt ist, das das gewünschte Material verarbeitet, dann wird es bald eines geben.

Download Pionierin Petra Rapp vom Drucker-Hersteller Multec empfiehlt ein Portal, auf dem Personen ihre 3D-Modelle kostenlos zum Herunterladen zur Verfügung stellen: www.thingiverse.com/

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