Handwerk schlägt Alarm

Gibt es in Zukunft noch an jeder Ecke einen Bäcker, bei dem man frische Brezeln kaufen kann? Die Handwerkskammer sieht schwarz. Der Trend gehe zu weiterführenden Schulen - und zu vielen Akademikern.

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Kammerpräsident Gindele beklagt die Kürzung bei Berufsschulen: Azubis werden abgeschreckt. Foto: HWK Ulm

Das Handwerk schlägt angesichts deutlich rückläufiger Lehrlingszahlen Alarm. Im Einzugsgebiet der Handwerkskammer Ulm ist die Zahl neuer Ausbildungsverträge zum Beginn des Schuljahrs um fast neun Prozent eingebrochen. Kammerpräsident Anton Gindele befürchtet daher, das regionale Handwerk könne in Kürze die Daseinsvorsorge nicht mehr gewährleisten: "Heute haben wir keinen Azubi, morgen keinen Gesellen, übermorgen keinen Betriebsnachfolger." Das Resultat: "Die Versorgung der Region mit handwerklichen Leistungen kann alsbald gefährdet sein."

Wie die Kammer in einer Mitteilung berichtet, beträgt der Rückgang bei neuen Lehrverträgen in den Nahrungsmittelberufen - wie Bäcker und Metzger - etwa 30 Prozent. Statt 197 Ausbildungsverträgen seien im Kammerbezirk zwischen Ostalb und Bodensee lediglich 138 abgeschlossen worden. Derzeit sind noch 85 Lehrstellen frei.

Mit insgesamt 2781 neuen Ausbildungsverträgen ist die Zahl neuer Lehrlinge bei der Handwerkskammer auf das Niveau des Jahres 2006 zurückgefallen. In den verschiedenen Handwerksberufen seien noch 680 freie Lehrstellen zu besetzen.

Als maßgeblichen Grund für den Rückgang bei den Lehrlingen sieht die Handwerkskammer den "gesellschaftlichen Druck und Drang zu so genannten weiterführenden Schulen und zu höheren Schulabschlüssen". Für das Handwerk werde es vor diesem Hintergrund immer schwieriger, kluge Köpfe zu gewinnen und zu halten. Es gehe immer mehr darum, Jugendliche mit ausländischem Hintergrund für eine Ausbildung im Handwerk zu gewinnen. Gindele: "Wir bieten jedem einen planbaren und realistischen Karriereweg im Handwerk und blendende Berufsaussichten."

Falls es dennoch zu einer Verknappung von handwerklichen Leistungen kommt, bedeutet dies aus Sicht Gindeles steigende Preise und längere Wartezeiten. Junger Handwerker könnten im Umkehrschluss jedoch höhere Verdienste erzielen, als es im "überlaufenen akademischen Bereich" möglich sei.

Gindele glaubt, dass der Fachkräftemangel wegen der Schulpolitik der grün-roten Landesregierung weiter zunimmt und die duale Ausbildung zunehmend ins Hintertreffen gerät. Dies liege daran, dass die Berufsschulen besonders unter finanziellen und personellen Kürzungen leiden: "Das Rasenmäher-Prinzip ist im Schulbereich nicht Teil einer objektiven Lösung." Eine weitere Kürzung werde die Berufsschulen vielmehr ins Mark treffen, weil deren Schülerzahlen mit denen der allgemeinen Schulen und Universitäten identisch seien. Das Hick-Hack um die Wertigkeit im Bildungssystem müsse endlich ein Ende haben, heißt es in der Mitteilung. Es schrecke potenzielle Azubis vor einer Karriere im Handwerk ab. Gindele: "Zum Schaden von uns allen."

Bei der IHK Ulm sieht es dagegen mit den Lehrlingszahlen noch besser aus. Die Zahl der Lehrverträge ist nur um drei auf 2503 gesunken. Bei Metallberufen gibt es Wachstum, kaufmännische Berufe und Gastronomie sind eher rückläufig.

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