Gut gepflegt mit dem Kulturbeutel

Der Mensch braucht Kultur. Und das fängt manchmal schon mit einem Deo für die Achselhöhlen an. Das lateinische Wort "cultura" bedeutet, und auch das hat viel mit Schweiß zu tun, schlichtweg Ackerbau.

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Der Mensch braucht Kultur. Und das fängt manchmal schon mit einem Deo für die Achselhöhlen an. Das lateinische Wort "cultura" bedeutet, und auch das hat viel mit Schweiß zu tun, schlichtweg Ackerbau. Womit ebenso die Pflege des Körpers hoffentlich nicht nur eine kultische, sondern eine kulturelle Tat ist. Aber wo finden sich die Hilfsmittel dazu? Im Kulturbeutel.

Es ist natürlich verwegen, sagen wir mal von Ulm nach Paris zu reisen, und einen Kulturbeutel mitzunehmen. Denn die Franzosen haben dort wirklich genug Kultur: den Louvre, die Mona Lisa, die Impressionisten, die Bastille-Oper . . . Aber es spricht für den Bürger, dort kultiviert aufzutreten: gewaschen, rasiert, parfümiert, die Damen geschminkt. Banal gesagt: Der Kulturbeutel ist zunächst mal ein Behälter für Toilettenartikel, ein Necessaire. Letzterer Begriff aber bezieht sich auf das lateinische Wort "necessarius": notwendig, unentbehrlich. Wie die Kultur!

Erst seit den 1950er Jahren findet sich der Begriff Kulturbeutel in den deutschen Wörterbüchern, mancher Sprachforscher vermutet, dass das Volk ganz frech das Bestimmungswort "Kultur" in die Niederungen des Alltags gestoßen hat - so steht beispielsweise auch der "Kulturstrick" für Krawatte.

Andererseits drückt der Kulturbeutel doch auch die Sehnsucht aus, sich aus besagtem Alltag mit Hilfe diverser Utensilien zu erheben - oder überhaupt zu überleben. Manchmal sagen der Kulturbeutel und sein Inhalt viel über die Seelenlage des Menschen aus, gewissermaßen als Requisit im Spielfilm des Lebens. So nahmen vor einigen Jahren die Boulevardreporter den Kulturbeutel von Torwart-Titan Oliver Kahn ins Visier, als der Fußballstar Stress mit seiner Frau hatte und offenbar rausgeworfen heimlos mit dem Kulturbeutel im Auto unterwegs war, um zumindest ambulant aufs nötige Haargel und die Bürste zugreifen zu können. Kahns Kulturbeutel machte damals Sensation: "Bei Spielen mit Bayern, Reisen und Ehebruch immer dabei", schrieb die Berliner Zeitung unter der Überschrift "Männer sind auch nur Mädchen".

Aber zurück zu den Kulturmacher/innen. Die mögen nun riechen oder aussehen, wie sie wollen, aber wenn sie ihre Kulturbeutel ein- und auspacken, wirds unterhaltend. Reden wir jetzt nicht von Zahnbürsten, Kämmen, Shampoos, auch nicht von Nagelfeilen, Lippenstift, Wattestäbchen, Ohropax, Schmerztabletten oder dem Rasierapparat, sondern von den Comedians, deren Witze hoffentlich keinen langen Bart haben. Oder von Pop-Bands, Kammermusikern oder Schriftstellern, die das Publikum mit ihrer Kunst erfrischen . . . Die Zahl der Vereine und Veranstalter mit Namen "Kulturbeutel" ist deutschlandweit beträchtlich. Ulm ist nicht vertreten, dafür hat dort eine überregional tätige Drogeriemarktkette ihren Hauptsitz und verkauft dieselben.

Sebastian Schröder etwa, Mitglied des Ensembles "Maybebop" und auch Jury-Mitglied des kommenden Ulmer A-Cappella-Awards 2013, ist Geschäftsführer der Agentur "Kulturbeutel". In Köln ist eine Künstleragentur ansässig, die "Kulturbeutel"-Abonnements auflegt, in Höhenhaus und Rodenkirchen, und mit ihrer "kulturellen Pflegeserie" wirbt. Ja, diesen Spruch muss man sich merken. Die Initiative Kultur und Kreativwirtschaft der Bundesregierung wiederum hat, super kreativ, früher Jutetaschen mit der Aufschrift "Kulturbeutel" verteilt.

Auf dem Kosmetikmarkt gibts natürlich ganz konkret Kulturbeutel in allen Größen, Formen, Farben. Der Shop des Ulmer Museums, der kurios-stylische Dinge verkauft, hat aber leider keine Kulturbeutel im Sortiment. Man könnte sich verschiedenste Objekte vorstellen: mit van-Gogh-Sonnenblumen-Dekor und Bräunungscreme, Waschtaschen-Aquarelle oder ein Magritte-Reisenecessaire mit der Aufschrift "Das ist kein Kulturbeutel!". Als Mitbringsel einer Beuys-Ausstellung mit Fettecken wäre ein mit Seifen gefüllter Kulturbeutel aus Filz denkbar. Aber einstweilen verreisen wir nicht, nächste Woche schlagen wir uns eine Kulturnacht in Ulm und Neu-Ulm um die Ohren.

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