Gründungsrektor Ludwig Heilmeyer: Braune Flecken auf weißem Arztkittel

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    Ludwig Heilmeyer, Gründungsrektor der Uni Ulm, beim Festakt im Kornhaus vor 50 Jahren. Foto: 
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    Prof. Florian Steger arbeitet Heilmeyers Vergangenheit auf. Foto: 
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Zu Lebzeiten – und auch noch  Dekaden über seinen Tod hinaus – hatte er ein hohes Renommee in der wissenschaftlichen Welt. Er galt als Doyen der Inneren Medizin in der Nachkriegszeit, als Pionier in der Nuklearmedizin, sein Ruf als Hämatologe war unbestritten. Ihm wurden die Ehrendoktorwürden der Universitäten Athen, Frankfurt, Leuven, Santiago de Chile und Wien verliehen, er war Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes. Das war die eine Seite des Ludwig Heilmeyer (1899-1969), treffend beschrieben in einem „Spiegel“-Nachruf: „Er war ein unorthodoxer Pontifex, urig lärmend, Weltmann aus dem Jugendstil-München, betriebsam und ein Boss – der deutsche Papst der Inneren Medizin.“

Die andere, bislang verborgene Seite: Heilmeyer, der Gründungsrektor der Universität Ulm, der Mann mit dem markanten Kinn, dem zurückgekämmten grauen Haar und der dunklen Brille, stand der NS-Ideologie nahe. Anfang Mai 1919 hatte der damals 20-Jährige als Freiwilliger des Freikorps Epp an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik teilgenommen, so steht es im Abschlussbericht der mit Historikern und Politologen besetzten Expertenkommission zur Überprüfung der Freiburger Straßennamen. Das Freikorps, dem die späteren NS-Größen Ernst Röhm, Rudolf Heß und Otto Strasser angehörten, galt als rücksichtslos. Zahlreiche Morde gehen auf das Konto des Freikorps, das später in der Reichswehr aufging. In seinen posthum veröffentlichten „Lebenserinnerungen“ schreibt Heilmeyer: „Die Stadt wurde von den Roten gesäubert, und wir bewachten öffentliche Gebäude und sicherten die Ordnung“.

Heilmeyer engagierte sich beim Stahlhelm, einem Wehrverband, der Stellung gegen die Weimarer Republik bezog und zunehmend antisemitische und rassistische Hetze betrieb. Nach dem Studium in München ging der junge Mediziner an die Uni Jena, „sicherlich kein Zufall. Jena galt als Sammelbecken für Rechtsgesinnte“, sagt Prof. Florian Steger, Leiter des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Uni Ulm. An der rassenkundlich ausgerichteten Forschungs- und Ausbildungsstätte gründete Heilmeyer 1933 den Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund – und übernahm offiziell das Amt des Dozentschaftsführers. Gleichzeitig trieb er seine Karriere voran. „Dass er 1937 zum Professor berufen wurde, zeigt, dass er auf Linie war. Heilmeyer stand dem System sehr nahe“, ist Steger überzeugt.

Der Ulmer Wissenschaftler will in den kommenden Monaten die NS-Vergangenheit Heilmeyers aufarbeiten. „Wir werden uns intensiv damit auseinandersetzen“, sagt der 42-Jährige, der den Uni-Präsidenten in dieser Sache hinter sich weiß. Michael Weber kündigt für diesen Herbst eine Veranstaltung im Stadthaus an, die sich im Rahmen des Uni-Jubiläums den dunklen Seiten Heilmeyers widmet. „Das Thema ist heikel und unangenehm. Wir halten aber nichts unter der Decke“, verspricht Weber.

Interessant ist beispielsweise, dass sich Heilmeyer selbst nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht von Verbrechen distanziert, die Mediziner in der NS-Zeit begangen haben. Im Gegenteil. Ein Jahr nach dem Nürnberger Ärzteprozess untersuchte der Internist als Mitglied einer Kommission der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin die Grundlage des Urteils gegen den KZ-Arzt Wilhelm Beiglböck. Dieser hatte 1944 im KZ Dachau Meerwasserversuche an Sinti und Roma durchgeführt – im Auftrag der Luftwaffe. Heilmeyer war: Luftwaffenarzt. „Die Kommission gab damals eine positive Evaluation für Beiglböck ab, sie verneinte die verbrecherische Natur der Experimente. Wie krank ist das denn?“, fragt Steger. Beiglböck kam aufgrund dieses Gutachtens früher aus der Haft – und in der Freiburger Klinik bei Heilmeyer unter. In seinen Lebenserinnerungen hat er dazu vermerkt, dass Beiglböck „durch ein besonderes Missgeschick schuldlos in längere amerikanische Haft“ geraten war.

Weit überspannt hat Heilmeyer den Bogen auch in anderer Hinsicht. Das „Handbuch der gesamten Hämatologie“ habe sich der Gründungsrektor in den 50er Jahren von seinem jüdischen Kollegen Hans Hirschfeld angeeignet, kritisiert die Freiburger Expertenkommission. Im Buch finde sich kein Hinweis, dass Hirschfeld, der in Theresienstadt ermordet wurde, Erstherausgeber war. „Das halte ich für schwerwiegend“, sagt Steger. „Heilmeyer fehlte das Unrechtsbewusstsein.“

Die Expertenkommission hat der Stadt Freiburg übrigens einstimmig empfohlen, den Heilmeyer-Weg umzubenennen.

Mit einem Kommentar von Rudi Kübler.

Suche nach der Wahrheit

Der Gründungsrektor der Uni Ulm – einer der Mediziner, die  nationalsozialistischem Gedankengut nahe standen? Große Verwunderung löst diese Erkenntnis nicht aus. Gerade dieses Fach war wie kein zweites durchdrungen „von antihumanen, antisemitischen und antidemokratischen Denktraditionen und Haltungen“, wie der aus Ulm stammende Medizinhistoriker Prof. Christoph Kopke konstatiert. Wer als Mediziner zwischen 1933 und 1945 auf der Karriereleiter nach oben steigen wollte, musste sich die NS-Ideologie zu eigen machen oder hatte sie sich im vorauseilendem Gehorsam schon zu eigen gemacht. Viele Mediziner hatten damit keine Probleme: Sie erwiesen sich als willige Vollstrecker im Sinne der nationalsozialistischen Volksgesundheit. Josef Mengele, KZ-Arzt im Vernichtungslager Auschwitz, war einer der berüchtigsten Vertreter dieser Spezies.

Ohne im gegenwärtigen Stadium etwas relativieren zu wollen: Ludwig Heilmeyer hatte zweifellos seine Verdienste als Mediziner und Macher, als Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager. Das ist die eine Perspektive auf sein, nicht zuletzt auch für die Uni Ulm fruchtbares Wirken.

Die andere Perspektive: Heilmeyer hat nach bisherigen Erkenntnissen der Freiburger Expertenkommission Schuld auf sich geladen. Nicht die Schuld eines KZ-Arztes, aber die Schuld eines Mediziners, der sich in jungen Jahren dem nationalistischen Freikorps Epp angeschlossen hat. Was zunächst noch als „Jugendsünde“ durchgehen könnte, ist der Beginn einer kontinuierlichen Entwicklung: hin zum nationalsozialistischen Dozentenschaftsführer. Auch sein Verhalten nach dem Krieg lässt weitere berechtigte Zweifel an Heilmeyer aufkommen, der über seine Memoiren Legendenbildung betrieb. Von seiner NS-Vergangenheit ist dort nichts zu lesen. Warum auch? Er lässt sein Leben als „subjektive Wahrheit“, wie er schreibt, Revue passieren.

Dass das Thema ausgerechnet jetzt aufploppt, mag wie zur Unzeit erscheinen – jetzt, da die Uni Ulm ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Zu loben ist das Uni-Präsidium unter Michael Weber, das nicht herumeiert, sondern offensiv an die Sache herangeht und an der objektiven Wahrheit über Gründungsrektor Heilmeyer interessiert ist.

Heilmeyer-Steige Für eine Umbenennung der Heilmeyer-Steige, die 1978 nach dem Gründungsrektor benannt wurde, spreche momentan nichts, sagt OB Gunter Czisch. Dass sich die Uni mit der NS-Vergangenheit Heilmeyers beschäftigt, sei richtig. „Wir warten aber erst mal ab, zu welchem Ergebnis die Untersuchungen kommen. Über Konsequenzen unterhalten wir uns dann“, sagt Czisch, der mit Uni-Präsident Michael Weber im Austausch steht. Die Stadt sei in der Vergangenheit mit Umbenennungen restriktiv umgegangen, es gebe zwei Kriterien: Handelt es sich um einen Funktionsträger? Hat derjenige Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen?

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Kommentare

06.03.2017 16:49 Uhr

Antwort auf „Antwort auf „Antwort auf „Antwort auf „Verbotene Eigenmacht der Stadt Ulm””””

Unter der Überschrift "Die Dinge der sozialen Welt sagen" äußert sich Arlette Farge zu der Frage, was Bürgern abverlangt wird, die Historiker oder Soziologen sind: "Von Historikern und Soziologen wird in bestimmten Momenten verlangt, als Richter und Garant strikter Wahrheit zwischen Journalismus, Medien und juristischer Welt zu intervenieren" (siehe Bourdieu, P.: Schwierige Interdisziplinarität. Zum Verhältnis von Soziologie und Geschichtswissenschaft, hrsg. v. Ohnacker, E. u. Schultheis, F., Münster, 2004, S. 128). Stützt sich die Stadt Ulm daher lediglich auf die Expertise von Florian Steger, gewinnt sie nur einen sehr einseitigen Einblick in die Verhältnisse und versperrt sich selbst den Zugang zu einer umfassenden Aufklärung der Situation, die im Zuge der Vergangenheit von Herrn Heilmeyer für künftige Forschungen an gleich welcher Hochschule maßgeblich ist.

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06.03.2017 14:02 Uhr

Antwort auf „Antwort auf „Antwort auf „Verbotene Eigenmacht der Stadt Ulm”””

Es müsste "Mechanismen" und nicht "Mechansimen" in meinem vorausgegangenen Leserkommentar heißen.

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06.03.2017 13:58 Uhr

Antwort auf „Antwort auf „Verbotene Eigenmacht der Stadt Ulm””

Berthold Huber als seines Zeichens früherer Vorsitzender des Betriebsrates und gelernter Werkzeugmacher der einst in der Weststadt ansässigen Kässbohrer Fahrzeugwerke GmbH lobt die angeführte Präzision der von Natur aus gegebenen Mechansimen unabhängig von ihrer Geringschätzung unter der hiesigen Bevölkerung (Huber, B.: Kurswechsel für Deutschland. Die Lehren aus der Krise, Frankfurt/New York, 2010, S. 31f) und schließt daraus: "Es wirkt fast so, als habe sich unsere Gesellschaft in freier demokratischer Wahl dazu entschieden, unter ihrem Dach die Diktatur einer Ideologie zu errichten" (ebd.).

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06.03.2017 13:07 Uhr

Antwort auf „Verbotene Eigenmacht der Stadt Ulm”

Übrigens: Herr Schumann unterzeichnete vor nunmehr über zwei Jahrzehnten meinen Arbeitsvertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter am SOFI (Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen an der Georg-August-Universität), der noch vor Ablauf der Befristung aus den besagten Gründen sich damals vorzeitig im Nichts auflöste und deswegen nur unter größten Anstrengungen zu erfüllen war, die in einer tiefen Erschöpfung einmündeten, wie die mich seinerzeit behandelnde Ärztin kritisierte.

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06.03.2017 12:46 Uhr

Verbotene Eigenmacht der Stadt Ulm

Erst vor wenigen Tagen verwies Oskar Negt anlässlich des 80. Geburtstages von Michael Schumann darauf, "dass Philosophie und Soziologie nicht als arbeitsteilig getrennte Disziplinen behandelt werden dürfen" (Negt, O.: Das Unabgegoltene der Utopie, in: Frankfurter Rundschau v. 24.02.2017, S. 31). Wenn also Herbert Marcuse zuvor schreibt, dass der "Philosoph ... kein Arzt (ist)" und "es nicht seine Aufgabe (ist), Individuen zu kurieren, sondern die Welt zu begreifen" (Marcuse, H.: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, a. d. Engl. v. Schmidt, A., Darmstadt, 1988, S. 197f, 22. Aufl.), ist kein sozialwissenschaftlicher Laie dazu verpflichtet, notwendige "Arbeit am Begriff" zu leisten (Neumann, F.; Marcuse, H.; Kirchheimer, O.: Im Kampf gegen Nazideutschland. Die Berichte der Frankfurter Schule für den amerikanischen Geheimdienst 1943-1949, hrsg. v. Laudani, R., a. d. Engl. v. Pries, C., Frankfurt/New York, 2016, S. 38). Falls insofern Herr Heilmeyer sich der deutschen Variante des Faschismus verschrieben haben sollte, trat aufgrund der dementsprechend unzulässigen Relativierung des fortgeschrittensten Erkenntnisstandes ohnehin ein Mangel an klarer sozialer Struktur ein, der noch heute nachweislich pathogenen Einfluss auf die weitere Lebensgeschichte von daran unbeteiligten Dritten hat (Spitzer, M.: Geist im Netz. Modelle für Lernen, Denken und Handeln, Heidelberg u. a., 1996, S. 330). Bestenfalls könnte ihm somit ein kontraindiziertes Gebaren vorgeworfen werden, dem zwingend zu Lebzeiten der Entzug seiner Approbation auf dem Fuß zu folgen hätte. Die gegenwärtige Diskussion um die Umbenennung der nach ihm in Ulm benannten Steige lenkt letztlich von der eigentlichen Problematik ab und verstellt den Blick auf die Frage, weshalb ein deshalb offenkundiger Dilettant den Heilberuf ausüben konnte, ohne je Konsequenzen fürchten zu müssen. Liegt allerdings kein Beleg vor, der zumindest wissenschaftlich unabweisbar aufzeigt, worin die Verfehlungen von Herrn Heilmeyer zu finden sind, entfällt der Kommune jegliches Ergreifen von Maßnahmen und sie würde ihrerseits der verbotenen Eigenmacht schuldig, sobald sie auch nur im Geringsten davon abweicht.

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05.03.2017 07:17 Uhr

Antwort auf „Heilmayersteige”

Zwar kam Sophie Scholl weder aus Ulm (geboren in Forchtenberg), noch hatte sie eine Tochter. Dennoch finde ich Ihre Einstellung korrekt und schließe mich an.

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04.03.2017 11:34 Uhr

Heilmayersteige

Den Adolf-Hitler-Platz in Ulm gibts nicht mehr,also weg mit der Heilmeyersteige.
In einer Stadt aus der Sophie Scholl kommt, und deren Tochter noch lebt,wie kann es da solche
Strassennamen geben.
Rommelkaserne ebenso.

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