Großes aus Allerkleinstem: Bruce-Bickford-Ausstellung im Stadthaus

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Es geht ums Detail: Bruce Bickford.  Foto: 

Köpfe, die zu Lettern werden, die zu Pflanzen werden, die zu Autos werden, die wieder zu Köpfen werden. Ein Gesicht, das zu einer Pizza wird und sich selbst aufisst. Keine Formen und keine Wesen, die bleiben, alles im Wandel, das Leben im Fluss, aber wie fantasiert, geträumt, halluziniert – das sind die Welten, die Bruce Bickford erschafft, mit dem Stift, mit Knetmasse und Kamera. „Herr Bickford entdeckt ein neues Land“ heißt die Ausstellung, die im Stadthaus-Kabinett eröffnet wird, der Besucher aber entdeckt dort das einzigartige Land des Mister Bickford.

Kurator Tommi Brem ist über seine Begeisterung für Frank Zappa zu Bickford gekommen. Der verschrobene Animator hatte in den 70ern mit dem exzentrischen Musiker an Filmen wie „Baby Snakes“ gearbeitet. Als Brem Bickford in dessen Heimatstadt Seattle besuchte, einen Blick in dessen Heiligtum, seine Garage, werfen konnte, traute er seinen Augen nicht: „Selbstgebaute Regale an den Wänden und als Raumteiler, jede Nische, jeder Winkel angefüllt mit Dinosauriern, Motorrädern, Landschaften, Fahrzeugen, Figuren und Körperteilen aus Knetmasse. Selbstgebaute Kommoden aus Karton, angefüllt mit mehr Figuren, Torten, Schildern und wieder Figuren. Noch mehr Körperteile. Rechte Arme. Linke Arme. Selbstportraits, Richard Nixon, die ganze Stadt Twin Peaks. Dazwischen eine Vielzahl von Pappschachteln. Alle voll mit Zeichentricksequenzen . . . Das meiste davon hat, abgesehen von Bruce, noch kein Mensch je gesehen.“ So wurde die Bickford-Ausstellung im Stadthaus geboren. Die Kisten voller Schätze nach Ulm zu schaffen: ein Abenteuer für sich.

Seit früher Kindheit arbeitet er mit Knete – im Gegensatz zu den meisten hat Bickford damit halt nie wieder aufgehört. Eigenbrötlerisch, obsessiv, manisch, so mag man den heute 70-Jährigen, einen fragilen, feingliedrigen älteren Herren mit langem grauen Haar und Bart, beschreiben – aber just diese Charakterzüge dürfte die Qualität seiner Kunst erst ermöglichen. Jahre, Jahrzehnte arbeitet er an seinen Animationsfilmen, unfassbar detailfreudig. In einem Kasten liegen hunderte Mini-Menschen mit streichholzkopfkleinen Köpfen:  Bickford wollte experimentierten, wie klein man Gesichter modellieren kann, die doch einen emotionalen Ausdruck haben.

Figuren, Fotos, Zeichnungen, fünf Filme mit insgesamt fünf Stunden Laufzeit, ein Modell der Fernsehserien-Stadt Twin Peaks und deren Diner (mit Torten auf Tellern und Hähnchen in Pfannen): Man kann sich verlieren in dieser Ausstellung voller Allerkleinstem, das sich zu etwas Großem summiert. Mannomillimeter! Erstaunlich: Chaotisch wirkt Bickfords Schaffen nicht, es wird zusammengehalten von seiner eigentümlichen Ästhetik, seinem durchscheinenden Arbeitszwang. Er wirft nie etwas weg: „Was nicht funktioniert wie gedacht, kann für etwas anderes verwendet werden“, flüstert er und klebt einer 56 Jahre alten Männerfigur den Kopf wieder an.

Düster scheint seine Weltsicht zu sein, Tod und Sex sind in vielen Arbeiten gegenwärtig, aber auch eine entwaffnende Skurrilität. Und alles durchdringt das Prinzip der Metamorphose, alles wächst und wuchert und wandelt sich, alles mutiert und mäandert.

Kommerziell erfolgreich kann ein solcher Zeichner und Filmemacher nicht sein, er sei auch kein guter Geschäftsmann, lebe von Erspartem, sagt er. Und was inspiriert ihn? Anregungen findet er überall, etwa die Geschichte einer Frau, die Donald Trumps Gesicht in ihrer Butter erkannte.

Die Ideen werden ihm sowieso nicht ausgehen, in seiner Garage stehen drei Kisten mit je 200 Karteikarten, die mit Stories vollgekritzelt sind. Die Welt des Bruce Bickford ist unendlich.

Die Ausstellung „Herr Bickford entdeckt ein neues Land“ wird heute, Freitag, 19 Uhr, im Kabinett des Stadthauses eröffnet. Die Schau läuft bis 18. Juni. Am Samstag, 20 Uhr, gibt es unter dem Motto „Your ears will not believe your eyes“ ein besonderes Programm in der Kradhalle: Zu sehen sind Bruce Bickfords Filme „Monster Road“, „Prometheus’ Garden“ und „Cas’l“, Jürgen Grözinger wird den Abend mit einem DJ-Set musikalisch gestalten.

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