Großartige Herlinde-Koelbl-Schau im Ulmer Stadthaus

Kanzler und Kinder, gute Stuben und Schlafzimmer: Das Stadthaus widmet der Fotokünstlerin Herlinde Koelbl eine großartige Retrospektive.

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Heute Abend, 20 Uhr, spricht die Fotografin Herlinde Koelbl im Stadthaus über ihre Arbeit. Hier steht sie vor den Porträts eines Metzgers aus ihrer Serie „Kleider machen Leute“.  Foto: 

Ich will kein Regisseur sein.“ Nie würde Herlinde Koelbl Menschen Anweisungen geben, wie sie sich ihr und ihrer Kamera zeigen sollen. Und das gilt für die Bundeskanzlerin wie für Fünfjährige.

Herlinde Koelbl will nicht inszenieren, höchstens Selbstdarstellung kenntlich machen. Sie will nicht bloßstellen, sondern nur offenlegen. Sie will Menschen zeigen und das, was diese ausmacht. Und das tut sie seit 40 Jahren so gut wie nur wenige andere. Von heute Abend an zeigt das Stadthaus mit „Herlinde Koelbl – Mein Blick“ eine grandiose Retrospektive.

Die Schau ist „ein Highlight“ für Stadthaus-Chefin Karla Nie­raad, die das Ausstellungs-Projekt gemeinsam mit Andrea Kreuzpointner geleitet hat. Und der Richard-Meier-Bau sei „ein Haus, das wie gemacht ist für die Präsentation von Koelbl-Fotos“. Da nickt die renommierte 77-jährige Fotografin, „ein sehr schönes Haus“, und legt voller Elan mit ihrem Rundgang los.

Die Essenz eines Themas

Die in Neuried bei München lebende Künstlerin hat stets „ohne Netz gearbeitet“. Ihre berühmten Serien sind fast ausschließlich freie Projekte, eigene Ideen, sie hat sie selbst finanziert, dann Verlage gesucht. Und es sind fast alles Langzeit-Arbeiten. Weil ­Koelbl daran gelegen ist, „tiefer zu gehen, die Essenz eines Themas zu finden“. So sind ihre Serien über Jahre, in vielen Ländern entstanden – und mit unterschiedlichen Erzählweisen.

Denn um tiefer zu gehen, bedient sich Koelbl auch des Worts, hat Interviews geführt. „Weil man etwa beim ,Deutschen Wohnzimmer‘ nicht durch die Bilder zeigen kann, welche Lebensphilosophie Menschen haben.“ Da helfen zwei, drei markante Sätze, man staunt, wie Koelbl die Menschen dazu bringt, sich nicht nur vor der Kamera zu öffnen, sondern auch offen zu sprechen.

„Das deutsche Wohnzimmer“, das war Herlinde Koelbls erster Foto-Band, 1980: jedes Bild eine komplexe Erzählung über Raum und Schicht, über Haltung und Familienbindung. Das Ergebnis ist ein bundesrepublikanisches Soziogramm. Und wo das Wohnzimmer für die (Re-)Präsentation nach außen steht, hat sie später mit „Schlafzimmer“ (2000-2002) innere, individuelle Lebensräume abgebildet: Es sind Erzäh­­­lungen von Geborgenheit, Glück und Nähe, aber auch von Vereinzelung, Nöten und Enge.

Ausgewählte Arbeiten aus neun Serien sind im Stadthaus zu sehen, jede meisterhaft. Koelbls „Haare“-Bilder (2002-2003) sind spielerisch, sinnlich, aber auch irritierend durch sexuelle Ambivalenzen. „Alter – Spuren“ (1991) setzt den Körper einer in Berlin lebenden russischen Fürstin als Lebenslandschaft in Szene: Haut als Baumrinde, als Sanddünen, sieht Koelbl darin.

Auch die Reihe „Kinder“ (1990-1993) macht ihr Bestreben deutlich. „Kinder werden meist lächelnd, süß, hübsch, wie Eltern sie eben sehen wollen, fotografiert. Das genau wollte ich nicht!“ Sie möchte die  ureigenen Persönlichkeiten erfassen, hat daher nur Jungen und Mädchen bis sechs, vor der schulischen Sozialisierung, aufgenommen. Das Ergebnis zeigt, typisch Koelbl: Menschen, wie sie eigentlich sind.

Wie sich Menschen durch Amt, Einfluss und Bedeutung verändern, ist das Thema von „Spuren der Macht“ (1991-1998): puristische Porträts von Joschka Fischer, Gerhard Schröder, Angela Merkel über Jahre hinweg. Ikonografisch ist diese Studie über physische und psychische Veränderung geworden. Erstaunlich scheint etwa Merkels Veränderung von der scheuen, ungelenken Umweltministerin zur souveränen Staatsfrau. Von Schröder gibt es auch noch ein vielsagendes Video.

Ebenso brillant ist das Finale der Ausstellung unterm Stadthausdach: „Kleider machen Leute“.  Bischof, Metzger, Domina, Geisha, Luftwaffen-General, Richterin in Berufskleidung oder Uniform und als Kontrast dazu in privater Kluft – manchmal glaubt man nicht, dass es sich um die gleiche Person handelt.

Herlinde Koelbl mag keine Regisseurin sein, aber sie ist eine große Menschen-Erkennerin und Geschichten-Erzählerin.

Gespräch „Herlinde Koelbl – Mein Blick. Werke 1980-2016“ ist im Stadthaus bis 17. September zu sehen. Die Fotografie-Schau, eine Kooperation mit dem Stadtmuseum Tübingen, wird von heute, Freitag, 19 Uhr, an zu sehen sein – dabei werden vier Guides kurze Werk-Einführungen geben. Um 20 Uhr wird die Ausstellung dann mit einem SÜDWEST PRESSE-Forum offiziell eröffnet: Herlinde Koelbl spricht mit den Kulturredakteuren Jürgen Kanold und Magdi Aboul-Kheir.

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