Goldene Klänge

Ein Streifzug durch Renaissance und Barock boten die zweiten "Tage für Alte Musik" den Zuhörern. Das Eröffnungskonzert war zugleich der alles überragende Höhepunkt. Fortsetzung erwünscht.

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Die "Tage der Alten Musik" boten wieder reizvolle Entdeckungen. Foto: Oliver Schulz

Manchmal, man musste nur die Augen schließen, schien ein goldener Orgelklang durch den gut besuchten Chorraum des Münsters zu schweben. Oder eine sanft ausschwingende Cellokantilene. Aber es waren weder Orgel- noch Cellotöne, sondern Stimmen, die das Publikum für 80 Minuten in eine Welt klösterlicher Stille und Versenkung entführten: fünf Männerstimmen, zwei Tenöre, zwei Bässe und ein Bariton. Zusammen das vielfach preisgekrönte Ensemble "amarcord", das seit 1995 besteht und seine technische Perfektion und musikalische Vollkommenheit bewahrt hat, ohne im mindesten routiniert zu wirken.

Dass es Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland gelungen ist, sie am Freitag fürs Eröffnungskonzert seiner "Tage für Alte Musik" im Ulmer Münster zu gewinnen - ein Glücksfall, wie man ihn nur noch selten in Ulm erlebt.

Englische Musik aus der Renaissance standen auf dem Programm, also nichts "Gängiges". Und doch schlugen die Sänger vom ersten Ton an in ihren Bann: mit phänomenaler Stimmkontrolle, reinster Intonation, überwältigender Pianissimo-Kultur und tief berührender Schlichtheit. Die drückte sich nicht nur in den homophonen Passagen der geistlichen Gesänge Thomas Tallis und seines Schülers William Byrd aus, sondern auch in ihrem kunstvoll polyphonen und melismenreichen Geflecht.

Ab und an, wenn der Text es verlangte, erhob sich aus dem homogenen Chorklang die hohe, matt schimmernde Stimme von Wolfram Lattke: eine äußerst ungewöhnliche Stimme, nicht richtig Tenor, nicht richtig Falsett, wie geschaffen für den "Sopran" in der männlich dominierten Renaissancemusik.

Am Ende entließ das Konzert seine gefesselten Zuhörer halb benommen in die, so Wieland, "kulinarische Auflockerung" im Seitenschiff - und zum Warten aufs Nachtkonzert in der Neithart-Kapelle. Denn so hat Wieland das MusikWochenende konzipiert: am Freitag und Samstag Konzerte jeweils um 19 und um 22 Uhr, am Sonntagmorgen der abschließende Kantatengottesdienst. Schön geplant, aber verbesserungsfähig: Zum einen wäre eine Einführung in den ausgedehnten Dschungel der Alten Musik sinnvoll, zum andern zeigte am Samstag das kurze 19-Uhr-Konzert mit der "Hamburger Ratsmusik" und der Sopranistin Monika Mauch, dass zwei Stunden Überbrückungszeit recht ermüden können.

Nichtsdestotrotz boten auch diese beiden Konzerte aufschlussreiche Einblicke in die Aufführungspraxis der Werke des 17. und 18.Jahrhunderts. Aber sie demonstrierten auch, dass nicht alles, was im Dschungel wächst, gepflückt werden muss, es sei denn zu musiktheoretischen Erkenntnissen. Die eigentümlich zerhackt wirkende Chaconne für Theorbe von Robert de Visée ist wohl nur deswegen aufregend, weil man den Klang einer Theorbe (Ulrich Wedemeier) selten solistisch erlebt; und der Franzose Monteclair, so munter flutschende Läufe er für die Traversflöte (Brian Berryman) auch schrieb, scheint doch weit entfernt von der Tiefe, der Inspiration und dem Melodienreichtum seiner Zeitgenossen Rameau, Bach oder Vivaldi. Mit innigem Ausdruck, sparsam eingesetztem Vibrato und gezielter Wortausdeutung fühlte sich die Sopranistin Monika Mauch in Händels schwärmerische Nachtgedanken ein und füllte die komischen Verse aus Telemanns von pädagogischem Eifer durchglühten Schulwerk "Singende Geographie" mit Leben.

Dass danach das fast ausverkaufte Nachtkonzert mit der versierten Gambistin Simone Eckert und Wieland am Cembalo noch eine verblüffende Entdeckung bereit hielte - wer hätte das gedacht: Da taucht in dem eher harmlosen Solo-Werkchen für Viola da Gamba von Carl Friedrich Abel (1787 gestorben!) doch tatsächlich Sarastros Hallen-Arie aus der "Zauberflöte" (1791 komponiert!) auf. Für schöne Melodien hatte Mozart einfach ein Ohr.

Herzlicher Beifall, der wohl auch dem großen Engagement des Münsterkantors galt.

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