Gespräch mit einer Grenzgängerin

Andrea El-Danasouri kennt das Leben in und mit verschiedenen Kulturen aus eigener Erfahrung. Die Dozentin spricht über das, was Menschen prägt, über Feindbilder und den Migranten in jedem von uns.

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Andrea El-Danasouri weiß, wie sich Fremdsein anfühlt - selbst im eigenen Land. Sie hat zwölf Jahre in den USA gelebt und kam dann zurück nach Deutschland. Foto: Volkmar Könneke

Frau El-Danasouri, Ihre Familie ist multikulturell: Sie sind in Deutschland geboren, ihr Mann in Ägypten, ihre Kinder in den USA. Was heißt das für Ihr Leben?

ANDREA EL-DANASOURI: Dass wir Weihnachten und Ramadan feiern, aber weniger als religiöse denn als kulturelle Feste. Meine Kinder sind mit drei Sprachen und zwei Religionen aufgewachsen: mit Englisch, Deutsch und Arabisch, mit dem Christentum und dem Islam.

Wie hat das im Alltag funktioniert?

EL-DANASOURI: Ich habe mit ihnen Deutsch gesprochen, von ihrem Vater haben sie Arabisch gelernt, und Englisch war in den USA Alltag. Die Muttersprache ist wichtig für jeden Menschen, die deutsche Sprache hat mir in den USA, neben Familie und Freunden, am meisten gefehlt.

Fühlen sich Ihre Kinder als Amerikaner, als Deutsche oder Ägypter?

EL-DANASOURI: Der Ort der Geburt hat eine große Bedeutung für einen Menschen. Mein Sohn sagt: My home is where my heart is. Unsere Kinder sind auch Amerikaner, weil sie in den USA geboren sind. In Deutschland ist das anders geregelt. Ein Kind türkischer Eltern hat keine deutsche Staatsbürgerschaft, auch wenn es in Deutschland zur Welt kommt. Ich finde es schlimm, dass ausgerechnet Deutschland mit seiner Geschichte immer noch darauf beharrt, dass Staatsbürgerschaft etwas mit Blut zu tun haben muss.

Wieso ist der Pass so wichtig?

EL-DANASOURI: Kinder ohne deutschen Pass werden erst zu Migranten abgestempelt. Für Kinder macht es keinen Unterschied, ob einer Schmidt oder Özdemir heißt.

Sie werden aber bald wahrnehmen, dass Kultur, Religion oder Sprache in ihrer Familie anders sind.

EL-DANASOURI: Es ist immer ein Zusammenspiel von Eigenwahrnehmung und Prägung. Um sich selbst zu kennen, muss man seine Kultur kennen und sich zum Beispiel fragen, was man davon übernehmen will. Wenn ich auf mich selbst achte, achte ich auch auf die anderen. Mit einer Migrantenbiografie ist man immer in der Selbstbeobachtung.

Das kennen Sie aus eigener Erfahrung. In den USA waren Sie die Migrantin . . .

EL-DANASOURI: . . . und zurück in Deutschland dann wieder eine Art Migrantin. Ich bezeichne mich selbst als Grenzgängerin. Ich kann mich einfühlen, wie man sich als Migrant fühlt. Da können selbst Kleinigkeiten zu Tränen führen. In Stanford habe ich anfangs mal zwei Stunden lang einen Briefkasten gesucht. Ich habe immer nach dem deutschen Gelb Ausschau gehalten. Aber in den USA sind Briefkästen grau.

Und zurück in Deutschland?

EL-DANASOURI: Wir sind 1988 in die USA gegangen, wir haben also die ersten Jahre der deutschen Wiedervereinigung nicht miterlebt. Als wir zurückkamen, hatte sich das Land verändert. Dazu kommt, dass man im Ausland sein Bild von der Heimat konserviert und es auch verschönert.

Was war anders oder schlechter, als Sie es erwartet hatten?

EL-DANASOURI: Zum Beispiel das Schulsystem. Der Unterricht war frontaler als in den USA, im Gymnasium waren kaum Migranten - in den USA dagegen begegnet man ständig Menschen aus anderen Kulturen. Ich hatte das Gefühl, dass die Lehrer Angst vor den Eltern hatten, vor dem Druck, den sie machen. Und ich habe erlebt, dass man Migrantenkinder über Diktate kippt.

Sie haben dann in Ulm angefangen, als Dozentin an der Frauenakademie der vh zu arbeiten. Auch nicht gerade eine Weiterbildungseinrichtung, an der viele Migrantinnen anzutreffen sind, oder?

EL-DANASOURI: Das stimmt. Die Frauenakademie hat viele Facetten, wird aber hauptsächlich von deutschen Frauen besucht. Mit dem Lernhaus der Frauen sprechen wir aber gezielt Frauen aus unterschiedlichen Kulturen an. Das Konzept heißt dort: auf Augenhöhe voneinander und miteinander lernen.

Nach dem Motto: Was sich kennt, ist sich weniger fremd?

EL-DANASOURI: Ja, vereinfacht gesagt. Wobei Kultur kein statisches Gebilde ist. Eine Kultur besteht aus vielen Facetten.

Zum Beispiel?

EL-DANASOURI: Wir essen ganz selbstverständlich Döner und tragen Tunika. Oder Dirndl, wenn wir nach München aufs Oktoberfest gehen - egal, ob wir aus Italien oder aus Kiel kommen. Kulturen sind immer in einem Entwicklungsprozess.

Einerseits verschwimmen kulturelle Unterschiede oder werden kaum als solche wahrgenommen. Andererseits wächst aber auch die Angst vor dem Fremden.

EL-DANASOURI: Die Menschen haben nicht Angst vor den Migranten, sondern Angst vor der Zukunft. Das ist eine Auswirkung der Finanzkrise und der Globalisierung. Veränderung oder Einflüsse von außen werden eher als Bedrohung aufgefasst. Die Angst vor Veränderung wird projiziert auf Migranten. Abgesehen davon sind Feindbilder politisch nützlich.

Inwiefern?

EL-DANASOURI: Sie dienen dazu, eine Gesellschaft zusammenzuhalten. Feindbilder sagen viel über eine Gesellschaft aus. Früher war das Feindbild des Westens der Kommunismus, heute ists der Islam . . .

. . . was am islamischen Fundamentalismus und dem Terror liegt . . .

EL-DANASOURI: . . . der eine seiner Wurzeln in der wirtschaftlichen Lage hat. Das Elend in vielen islamischen Ländern ist groß, der Fundamentalismus blüht. Die Menschen fühlen sich ausgegrenzt und sind es auch. Sie haben keine Wohnung, keine Arbeit, keine Perspektive. Diese Probleme haben jetzt auch viele südeuropäische Länder.

Diese Probleme lassen sich nicht in Ulm lösen. Was kann man aber trotzdem im Kleinen tun?

EL-DANASOURI: Vieles. Die Bereicherung sehen, nicht die Bedrohung. Verständnis und Vertrauen entwickeln. Es gibt in Ulm zum Glück die Initiative "Internationale Stadt", und es gibt Einrichtungen wie das Lernhaus der Frauen oder den Rat der Religionen. Man muss sich nur selbst einmal klarmachen: Jeder hat eine Migrationsbiografie. Beim einen sind die Vorfahren geflohen, beim nächsten wurden sie vertrieben, beim übernächsten sind sie einfach umgezogen. Wir alle sind mehr als unser eigenes Leben.

Andrea El-Danasouri und das Lernhaus der Frauen
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