Essen und Trinken: Geschmacksvielfalt in Ulmer Weststadt

In der Weststadt gibt es noch einen Metzger und einen Bäcker, die traditionell produzieren. Daneben haben sich kleine, feine Läden etabliert.

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Höchste Zeit fürs Frühstück. Dachten sich zwei Studenten, kauften Marmelade, Butter vom Fass, Käse und Brötchen und tischten noch im Laden auf: Vor dem Schaufenster auf einer Bank. „Ich habe ihnen den Kaffee dazu gemacht – dann war das Frühstück perfekt“, erzählt Miriam Auer, Geschäftsführerin des Ladens mit dem klangvollen Namen „Nahrhaftig“ an der Saarlandstraße am unteren Kuhberg.

Solche Erlebnisse sind nicht ungewöhnlich in dem liebevoll renovierten Ladenraum, den die 42-Jährige Ende Februar eröffnet hat: „Viele ältere Menschen aus der Wohngegend kaufen hier ein und erzählen von früher. Zum Beispiel, dass hier einmal der Gaissmaier war.“

Miriam Auer setzt die Tradition des Hauses also fort. Allerdings mit einer eigenen Note: In ihrem Laden gibt es ausschließlich Bio-Produkte von ausgewiesenen Händlern aus der Region. Das Gemüse ist meist saisonal, „obwohl natürlich Tomaten heutzutage auch im Winter nachgefragt werden“. Es gibt keine Plastiktüten, dafür welche aus Papier und Leinen. Ihre Einkaufskörbe sind aus Weiden geflochten und Reis, Linsen, Nudeln sowie Getreide kann man sich aus gläsernen Behältern abfüllen. Der Kaffee kommt von der Rösterei Kley in Heroldstadt, Brot aus der Kornmühle, was man sonst noch braucht, liefert auch der Biohersteller Rapunzel aus dem Allgäu.

Salami in drei Variationen

„Schön haben Sie es hier“, lobt eine Frau, die sich für die von einer Ulmerin hergestellten Bodylotions und Deocremes interessiert: „Die sind wirklich gut“, wirbt Miriam Auer und eilt hinter die Käsetheke, um einen Mann zu bedienen. Draußen parkt ein Vater gerade sein Rad mit Anhänger vor dem Geschäft: „Ich find’ es gut, dass es am Kuhberg und in der Weststadt noch solche Läden gibt.“ Das gehöre zur Lebensqualität eines Viertels.

In der Saarlandstraße finden die Kunden gleich drei Läden nebeneinander. Der Nachbar von Miriam Auer ist Bernd-Michael Nagel, Metzger in der dritten Generation an diesem Ort, und wie er sagt: „Der letzte selbst produzierende Metzger in der Stadt.“ Jeden Tag stellt der 41-Jährige eine andere Wurstsorte her: Zum Beispiel Schwarzwurst, diverse Schinkensorten – „gerade viel wegen der Spargelzeit“ – Paprikalyoner – „immer noch ein Renner“ und verschiedene Grillwürste. Immer einmal pro Woche probiert Nagel alle Sorten durch, damit er weiß, „ob die Qualität stimmt“.

Das scheint der Fall zu sein. Denn zumindest samstags platzt die Metzgerei aus allen Nähten. „Unsere Kunden kommen bis aus Lehr“, sagt er. Viele sind Stammkunden, die seine Mutter – seit 50 Jahren hinter der Theke – sehr gut kennt. Die persönliche Bindung ist ein weiterer Faktor, den die Leute schätzen: Es wird viel gelacht und geschwätzt im Laden. Und dann ist da die luftgetrocknete Salami des Metzgermeisters. Zurzeit in drei verschiedene Varianten, mit Walnüssen und Kräutern. Auf dringenden Wunsch der Kunden „machen wir bald wieder die mediterrane Sorte“.

Stillstand ist Rückschritt, ist sein Motto, weshalb er sich auf Urlaubsreisen von Wurstprodukten in anderen Ländern inspirieren lässt. „Jedes Jahr stelle ich zwei, drei neue Sorten her.“ Daneben bietet die Metzgerei mit ihren zehn Mitarbeitern noch einen Partyservice mit bodenständiger Karte: „Wir kochen auch die Saucen selbst“, erklärt Nagel nicht ohne Stolz. Für ihn ist Metzger sein Traumberuf – „auch wenn ich viel arbeiten muss“.

Sein Handwerk hat Youssef Jammoul vor mehr als 20 Jahren in einer französischen Patisserie in seiner Heimat, dem Libanon, gelernt. Als er mit der Familie vor zwei Jahren von Essen nach Ulm zog, suchte er eine Bäckerei und fand die verlassenen Räume an der Saarlandstraße. Hier kreiert er kleine Köstlichkeiten aus Nüssen und Pistazien die er in Blätter- und Fadenteig füllt. Sie heißen zwar auch Baklavar wie in der Türkei, sind aber bei weitem nicht so süß und klebrig, sondern aromatisch und knusprig. Jammouls Spezialität sind jedoch seine bunten, eindrucksvoll gestalteten und je nach Anlass vielfältig dekorierten Torten. „Sie sind mit französischer Creme gemacht“, erklärt er. Er stelle sie vor allem für Hochzeiten und Feste her. Seit Dezember gibt es auch ein Geschäft an der Wengengasse – „dort ist mehr Publikumsverkehr, hier kommen leider nicht so viele Kunden“, sagt er.

Das war im Hofladen von Wilhelm Buck, einem Landwirt aus Langenau, anfangs auch so. Er hat vor etwa einem Jahr in einem ehemaligen Farbengeschäft gegenüber der Tankstelle an der Haßlerstraße einen Lebensmittelladen eröffnet. Aber dass es dort jetzt statt Wandfarben unter anderem Maultaschen, Nudeln, Mehl, hausgemachtes Eis und Milchprodukte gibt sowie frisches Obst und Gemüse aus der Region, fiel wenigen Leuten auf.  Seit geraumer Zeit verbessere sich die Situation: „Die Kunden kommen aus der nahen Umgebung und sind froh, dass sie hier einkaufen können“, ist der Eindruck der Leiterin Christine Grossmann. Auch Eltern, die zu den Schulen an den Kuhberg fahren, würden inzwischen anhalten. Trotzdem: „Wer es nicht weiß, erkennt von außen kaum, dass das hier ein Lebensmittelladen ist.“ Deshalb wolle sie noch ein paar Veränderungen vornehmen. Im Laden selbst gibt es auch ein Café, man kann Lotto spielen und Briefe abgeben. Viel wichtiger: „Wir legen hier Wert auf Nachbarschaftshilfe und Menschlichkeit.“

„Möchten Sie Salz auf Ihre Brezel?“ Diese Frage kennt jeder, der Brezeln in der Dreikönigsbäckerei an der Haßlerstraße kauft. Wenn ja, tauchen die freundlichen Verkäuferinnen einen weichen, angefeuchteten Besen ins feine Salz und bestreichen die Brezel damit. Dann ist die Brezel perfekt. Das Laugengebäck ist neben den Rosinenschnecken, dem Rhabarberkuchen und den Brotsorten die Spezialität von Bäckermeister Franz Mayer, der die 65-jährige Tradition der Familie fortsetzt. Und seine Florentiner wollen sogar Leute in Frankfurt haben. Mayer gehört wie der Metzger Nagel zu den letzten seiner Art in Ulm. Trotzdem braucht man um die gute Salzbrezel nicht zu bangen: Mayers Sohn steht als Bäckermeister auch schon in der Backstube.

Öffnungszeiten Nahrhaftig, Saarlandstraße 115, Mo bis Sa 8 bis 13 Uhr sowie Mo, Di, Do, Fr 15 bis 18 Uhr. Metzgerei Nagel, Saarlandstraße 113, Mo bis Fr 7 bis 13 Uhr, Sa 12.30 Uhr, Montagnachmittag geschlossen, Jammoul’s Sweets, Saarlandstraße 111 und Wengengasse 16, Mo bis Sa 10 bis 18 Uhr, Hofladen Buck, Haßlerstraße 17, Mo bis Fr 8 bis 18 Uhr, Sa bis 13 Uhr, Mi bis 19 Uhr. Dreikönigsbäckerei, Haßlerstraße 25, Mo bis Fr 6.15 bis 18 Uhr, Sa 6.30 bis 12,30 Uhr.

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Kommentare

20.05.2017 08:27 Uhr

Schöner Bericht...

... und schöne Geschäfte in denen ich auch gerne einkaufe.
Aber: Die liegen alle am Kuhberg (Saarlandstraße) und am Galgenberg (Bäckerei).
Es gibt z.B. in der Gneisenaustraße auch noch eine Konditorei, die nicht nur leckere Brötchen und Brote backt, sondern auch eine tolle Kuchen- und Tortenauswahl bietet und außerdem auch Sonntags geöffnet hat. Eine Metzgerei findet man dort überhaupt nicht mehr, dabei gab es allein in der Wagnerstraße mal zwei!
Leider hat die Ladendichte in der wirklichen Weststadt zwischen Ehinger Tor und der Magirusstraße rapide abgenommen, dafür schießen Handyläden, Dönerbuden und sonstiger Kruscht wie Pilze aus dem Boden...

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