Gelächter und Buhrufe für den Nokia-Chef

Geahnt haben es die Ulmer Nokia-Mitarbeiter seit Tagen. Für viele war die am Donnerstag verkündete Werksschließung dennoch ein Schock. Beobachtungen.

|
Nokia in Ulm schließt.  Foto: 

Der Frust steht vielen Mitarbeitern ins Gesicht geschrieben. In Grüppchen verlassen sie kurz vor Mittag das Nokia-Entwicklungszentrum im Science-Park, einige bleiben vor dem Gebäude stehen und diskutieren miteinander. Ein buntes, überwiegend junges Volk aus 30 Nationen, man spricht Englisch, „no comment“ oder „thank you“ heißt es auf Journalistenfragen – seinen Namen mag ohnehin niemand nennen.

Ein Ingenieur, Pferdeschwanz und Sandalen, plaudert dann doch ein bisschen aus dem Nähkästchen. „Wir wussten schon, dass Nokia kräftig sparen muss.“ Als dann am Mittwochabend die Einladung zu einer außerordentlichen Betriebsversammlung am Donnerstagfrüh, 8.30 Uhr, die Runde gemacht habe, „war uns klar, das bedeutet nichts Gutes“. Eigens angereiste Mitglieder des leitenden Managements hätten am Donnerstag – von Security-Leuten geschützt – die Kunde von der Werkschließung „ungeschminkt und ohne Umschweife herübergebracht“, Nokia-Chef Stephen Elop habe eine persönliche Videobotschaft nach Ulm geschickt und den Mitarbeitern für ihr langjähriges Engagement gedankt. Die Reaktion unter den rund 730 Beschäftigen? Gefasst, aber auch zynisch. „Es gab Gelächter und Buhrufe.“

Wie es in den kommenden Monaten weitergeht, darüber haben die Manager keine Angaben gemacht, sagt der seit zehn Jahren in Ulm beschäftigte Ingenieur. Das Handy-Projekt, an dem fast alle Mitarbeiter gearbeitet hätten, sei gestern jedenfalls formal eingestampft worden. Fraglich, ob man in den kommenden Wochen überhaupt noch etwas zu tun habe oder Däumchen drehe.

Seine persönliche Zukunft sieht der Familienvater Ende dreißig skeptisch. „Es ist zwar immer vom Ingenieurmangel die Rede, aber wenn jetzt 700 auf einen Streich auf den Arbeitsmarkt drängen, wird’s eng.“ Die Schuld am Nokia-Debakel gibt er der Firmenleitung. „Klar, die Konkurrenz ist besser, unsere Top-Manager haben die Entwicklung verschlafen.“ Viele seiner Kollegen seien denn auch überzeugt, dass der gesamte Nokia-Konzern binnen Jahresfrist baden gehe.

Mit rotgeweinten Augen verlässt eine Mitarbeiterin das Haus. „Es waren zwölf tolle Jahre hier“, sagt sie. Sie habe die im Haus herrschende Kultur sehr geschätzt. „In meinem Team war die Motivation wahnsinnig hoch, wir hoffen jetzt, dass irgend ein Investor an uns glaubt.“

Abgeklärter sieht es ein 63-jähriger Mitarbeiter, der seit fünf Jahren bei Nokia arbeitet. „Ich habe hier schon das ganze Siemens-Benq-Desaster mitgemacht, mich schockt gar nichts mehr.“

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Stellenabbau: Bittere Pille für Ratiopharm

Der Mutterkonzern Teva streicht weltweit 14.000 Stellen. Es bleibt vorerst offen, inwieweit Ulm betroffen ist. weiter lesen