Gefährlicher Keim am Uni-Klinikum

Wegen eines hochresistenten Keims der höchsten Gefahrenstufe hat die Uni-Klinik eine Intensivstation vorsorglich isoliert. Bei drei Patienten wurde der Erreger nachgewiesen. <i>Mit Kommentar von Christoph Mayer: Tödliche Gefahr.</i>

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Das Uni-Klinikum hat ein Problem: In eine Intensivstation ist ein gefährlicher multiresistenter Keim eingeschleppt worden.   Foto: 

Um welche Intensivstation es sich handelt und wie viele Patienten auf ihr liegen? Dazu will sich die Klinik aus Datenschutzgründen zurzeit noch nicht äußern. Kliniksprecherin Petra Schultze  teilte lediglich mit, dass der hochresistente Keim Acinetobacter baumanii bei drei Patienten nachgewiesen worden sei. Über den Gesundheitszustand der Erkrankten nur so viel: „Es sind alles Intensivpatienten.“

Die Patienten würden nun von einem Spezialteam in einem abgetrennten Bereich unter besonders strengen Hygienevorschriften in Einzelpflege versorgt und regelmäßig auf das Bakterium untersucht. Alle Kontaktpersonen würden ebenfalls einem regelmäßigen Screening unterzogen. Bisher sei keine weitere Besiedlungen nachgewiesen worden, so die Sprecherin.

Schultze betonte, dass der Keim zeitnah erkannt und identifiziert worden sei. Als Schutzmaßnahme habe das Klinikum die betroffene Intensivstation umgehend isoliert. „Das heißt, es werden dort keine neuen Patienten aufgenommen.“ Weitere Verlegungen von dort liegenden Patienten erfolgten allerdings erst, wenn zweifelsfrei nachgewiesen sei, dass sie nicht mit dem Bakterium besiedelt sind.

Das Vorkommen von Acinetobacter baumannii (siehe Infokasten) steigt insbesondere auf Intensivstationen seit Jahren. Knapp 20 Prozent aller Acinetobacter baumannii-Bakterien zeigen die höchste Resistenzstufe gegen Antibiotika (Fachbegriff: 4MRGN). Nach Mitteilung der Klinik wurde das mehrfachresistente Bakterium jetzt allerdings erstmals in das Ulmer Großkrankenhaus eingeschleppt.

Besonders gefährlich ist der Acinetobacter baumannii deshalb, weil er gegen die meisten verfügbaren Antibiotika resistent ist. Darunter auch auch gegen so genannte Reserve-Antibiotika. Das Bakterium gehört zur Gruppe der MRGN-Erreger, die untereinander Informationen austauschen und so ihre Resistenzen gegenüber Antibiotika steigern. Gefördert wird diese Eigenschaft des Bakteriums vor allem durch den weltweit starken Antibiotikaeinsatz.

Auch gegenüber Umwelteinflüssen ist der Erreger unempfindlich. „Er bildet Biofilme, bewegt sich auf feuchten Oberflächen schnell fort und kann selbst ausgetrocknet wochenlang überleben“, sagt die Kliniksprecherin.

Keim kommt überall vor

  Bakterium Acinetobacter baumannii kommt unter anderem im Wasser, im Boden und auf Pflanzen vor. Als Teil der natürlichen Bakterienflora tragen auch viele Menschen den Keim auf der Haut. In Krankenhäusern ist der Erreger daher auch präsent, häufig wird er von Patienten in die Klinik mitgebracht. Für gesunde Menschen ist das Bakterium im Regelfall ungefährlich, bei schwerkranken, alten oder abwehrgeschwächten Patienten kann es Lungenentzündungen, Wundinfektionen und Blutvergiftungen verursachen. 
 

Kommentar von Christoph Mayer: Tödliche Gefahr

Ins Krankenhaus geht man, um gesund zu werden. Leider ist in Deutschland allzu oft das Gegenteil der Fall. Glaubt man den Statistiken, so infizieren sich hierzulande jährlich etwa 500.000 Patienten im Krankenhaus mit multiresistenten Keimen, 15.000  sterben daran. Schuld daran ist einerseits oft mangelnde Klinikhygiene, andererseits aber auch die Tatsache, dass (niedergelassene) Ärzte allzu häufig Antibiotika verschreiben. Der inflationäre Einsatz von Antibiotika befördert deren Resistenz.

Anders als andere Krankenhäuser ist die Uni-Klinik bisher von durch tödliche Keime verursachte Katastrophen verschont geblieben. Wir haben das alles im Griff, hieß es stets auf entsprechende Nachfragen. Dass es das Großkrankenhaus jetzt doch erwischt hat, mindestens drei Risikopatienten mit dem besonders gefährlichen Keim Acinetobacter baumannii infiziert sind und eine Intensivstation isoliert werden musste, ist erst mal kein Skandal. Es war lediglich eine Frage der Zeit, dass so etwas auch in Ulm passiert.

Zwar gab es in der Vergangenheit auch immer wieder mal Kritik, dass die Verlagerung von Aufgaben an die hauseigene Billiglohntochter DUU der Klinikhygiene nicht förderlich sei. Doch für ein Urteil reicht ein einzelner Vorfall wie der aktuelle nicht aus.

Löblich – und angesichts der Querelen der vergangenen Jahre nicht selbstverständlich – ist die Informationspolitik des Klinikums. Es geht offen und offensiv mit dem Problem um. Das schafft Vertrauen.

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