Für wen die Stolpersteine verlegt werden

Der Kölner Künstler Gunter Demnig kommt erneut nach Ulm, um hier Stolpersteine für Opfer der NS-Diktatur zu verlegen. Erstmals wird er Messingplatten auch in Neu-Ulmer Bürgersteige einlassen. Mit einem Kommentar von Hans-Uli Thierer: Gut, dass Neu-Ulm nachzieht

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Die einen wurden in Konzentrationslagern wie Auschwitz oder Theresienstadt ermordet, man ließ sie verhungern, sie starben im Ghetto von Lodz oder ihre Spur verliert sich irgendwo in Polen. Die anderen wurden in Tötungsanstalten umgebracht, und die dritten wurden in Kasernen oder auf Schießständen hingerichtet. Die Rede ist von jüdischen Mitbürgern, von behinderten Menschen, von Deserteuren. Sie tragen Namen wie Fanny Zürndorfer, Siegmund Liebermann oder Heinrich Leopold Bissinger, Mathilde Fischer oder Bertha Rabausch und Jakob Eckstein oder Richard Stemmle. Sie wohnten in Ulm und Neu-Ulm: im Susoweg, in der Augsburger Straße, in der Beethovenstraße, der Neuen Straße und der Küfergasse 1. Oder sie saßen bis zu ihrer Hinrichtung im Militärgefängnis in der Frauenstraße 134 ein.

Wenn am kommenden Montag der Kölner Künstler Gunter Demnig nach Ulm und Neu-Ulm kommt, dann wird allen Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt und getötet wurden, gedacht. Im Fokus stehen aber speziell jene 20 Juden, behinderte Menschen und Deserteure, für die Demnig Stolpersteine verlegen wird. Er hatte bereits im Frühsommer dieses Jahres 14 dieser dezentralen Mahnmale für jüdische Opfer in die Ulmer Bürgersteige eingelassen.

Das Spektrum wird jetzt erweitert, die Ulmer Bürgerinitiative hat die Biografien von behinderten Menschen recherchiert, die dem so genannten T4-Programm zum Opfer fielen. Über 70.000 Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen wurden von den Nazis, die von „unwertem Leben“ sprachen, systematisch ermordet. Darunter Mathilde Fischer, die Ende April 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet wurde, und Berta Rabausch, die ab 1929 in der Landesfürsorgeanstalt Oberer Riedhof lebte. Sie wurde am 23. August 1940 mit 39 anderen Bewohnern abgeholt, um noch am selben Tag in Grafeneck vergast zu werden.

Stolpersteine werden verlegt für Deserteure, Männer, die jahrzehntelang als „Vaterlandsverräter“ galten und von der Gesellschaft nicht als Opfer anerkannt wurden. „Selbst in den betroffenen Familien herrschte oft eine große Distanz, weil die Erinnerung schambehaftet ist“, sagt Andrea Schiele von der Ulmer Initiative, die sich auf Oliver Throns Buch „Deserteure und Wehrkraftzersetzer. Ein Gedenkbuch für die Opfer der NS-Militärjustiz in Ulm“ stützen konnte. Reinhold Bürkle, Jakob Eckstein, Kurt Henne, Richard Stemmle, Karl Westerich und Curt Erich Riesterer haben aus ganz unterschiedlichen Gründen ihre Einheiten verlassen, sie eint eines: dass sie von der mörderische NS-Maschinerie, der sie entrinnen wollten, hingerichtet wurden.

Die Stadt Neu-Ulm hat sich bei der ersten Verlegung der Stolpersteine auf jüdische Opfer konzentriert, darunter die sechsköpfige Familie Bissinger, die in der Augsburger Straße 34 wohnte. Ihren Eisenwarenladen, der sich auf den Verkauf von Herden und Öfen spezialisiert hatte, betrieb sie bis mindestens 1937 – ob noch länger, das heißt: bis zur „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“, ist unklar. Das konnten die Schüler der Inge-Aicher-Scholl-Realschule in Pfuhl nicht eruieren. Klar aber ist, dass das Haus der Bissingers 1939 als „Judenhaus“ deklariert wurde, in das Neu-Ulmer Juden zwangseingewiesen wurden. Zwei Polizisten haben Heinrich Leopold, Berta, Betty, Sofie, Max und Daniel Bissinger am 1. April 1942 nach München überführt, wenige Tage später wurde die Familie in das Ghetto Piaski deportiert, wo sich ihre Spur verliert.

Interessant ist auch die Biografie Siegmund Liebermanns (geb.1857), der in Neu-Ulm eine Hopfenhandlung betrieb. Schüler der Christoph-Probst-Realschule recherchierten, dass Liebermann, der als Junggeselle galt, sehr wohl eine Familie hatte: nämlich Frau und drei Kinder in München. Dank eines Bittgesuchs durfte er über 1939 hinaus im Neu-Ulmer Bahnhofshotel wohnen, am 12. August 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert, fünf Wochen später starb er an Unterernährung.

Alfred Neuburger, 1883 geboren, Rechtsanwalt in Neu-Ulm, war als Soldat im Ersten Weltkrieg. Er lebte mit seiner Familie zunächst in Ulm, hier hatte er seine Kanzlei. 1937 verlor er seine Frau, 1938 die Zulassung als Rechtsanwalt. Er wohnte in der Schützenstraße 38 und arbeitete bei der Gärtnerei Vietzen. Am 11. Januar 1944 wurde er nach Theresienstadt deportiert, in seinem Abschiedsbrief an seinen Sohn Kurt schreibt er: Auf ein nicht zu fernes frohes Wiedersehen.“ Er starb am 28. Oktober 1944 in Auschwitz-Birkenau. Hans-Peter Hartmann hat nicht nur Neuburgers Leben recherchiert, sondern auch die Biografien des Ehepaars Jakob und Regina Karnowiski, geboren 1880 und 1884 in Polen, die ein Zigarrengeschäft hatten. 1938 wurden sie nach Polen abgeschoben und starben 1942 im Ghetto von Lodz (Litzmannstadt).

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Gut, dass Neu-Ulm nachzieht

Spät – aber was will das angesichts dieses tiefdunklen Teils deutscher Geschichte schon heißen? –, spät hat sich Ulm dazu entschlossen, wie viele andere Städte Stolpersteine zu verlegen. Damit soll die Erinnerung an die Opfer, an die Gräuel der Nazidiktatur wachgehalten werden.

Gut, dass nun auch Neu-Ulm nachzieht. Denn die Geschichte, auch die lokale Geschichte, ist in der die Landesgrenze durchziehenden Doppelstadt unteilbar. Und Ulm und Neu-Ulm waren Nazi-Hochburgen. Wer es nicht wahrhaben möchte, vergleiche einfach die Wahlergebnisse von Hitlers NSDAP bis 1933 mit denen anderer Städte in Württemberg und Bayrisch-Schwaben.

Auf einem anderen Blatt steht, ob mit solchen in den Boden eingelassenen Messingplatten eine angemessene Form des Gedenkens erfolgt. Oder ob, wie in Charlotte Knobloch eine der herausragenden Vertreterinnen der jüdischen Gemeinden in Deutschland sehr zugespitzt sagt, damit auf dem Leid der Opfer herumgetrampelt wird.

Man kann diese Betrachtungsweise einnehmen. Aber auch eine ganz andere: Die Stolpersteine sind eine künstlerische Form, um den immer weiter entrückenden, aber eben nicht vergehenden deutschen Horror von 1933 bis 1945 im gewöhnlichen Alltag gegenwärtig zu halten. Was kann verkehrt daran sein, wenn Menschen über Geschichte stolpern – und gezwungen sind, sich deshalb mit ihr zu befassen?

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