Fotografien aus dem "afrikanischen Archiv" in Neu-Ulm

Mit historischen Fotografien schließt die dreiteilige Afrika-Reihe in der Burlafinger Walther Collection. Von Sonntag an ist die Schau „Distanz und Begehren“ zu sehen – wieder mit hochinteressanten Bildern.

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Heller Sommeranzug, blanke Lederschuhe, weißer Hut – so sah kein Afrikaner aus in der Fantasie eines Europäers um 1900. Ohne Speer und Lendenschurz, dafür mit einem Namen: Elliot Phakane hieß der junge Mann. Santu Mofokeng, derzeit übrigens deutscher Biennale-Künstler, hat das recherchiert. Das Archiv, das der Südafrikaner in den frühen 1990ern anlegte, enthält viele historische Bilder von Landsleuten in Anzug, Krawatte oder weißem Hochzeitskleid. Porträts, die die Modelle offenbar selbst in Auftrag gaben, die sie so zeigen, wie sie sich selbst sahen – nicht wie Europäer sie sehen wollten.

Mit Mofokengs „The Black Photo Album / Look at Me: 1890–1950“ begann das Interesse des Sammlers Artur Walther für historische afrikanische Fotografie. Die ist nun Thema der dritten und letzten „Afrika“-Ausstellung der Walther Collection in Neu-Ulm. Sie ist zugleich Schlusspunkt einer Reihe, die im Walther Collection Project Space in New York begonnen hat und dort von einem Symposium begleitet wurde. Nach Porträts und Landschaften enthält die Schau „Distanz und Begehren“ die „Begegnungen mit dem afrikanischen Archiv“. Alle drei Häuser auf dem Burlafinger Heimat-Grundstück von Walther sind wieder hochkarätig bestückt: Historische Porträtfotografie aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, frühe Postkarten, Cartes de Visite und Alben, alter Film und neue Videos sowie zeitgenössische Foto-Kunst, die sich mit dem „Archiv“ auseinandersetzt, sind ausgestellt.


Denn natürlich geht es zunächst um den weißen Blick, um die Aneignung einer fremden Welt und ihrer Einwohner, die als urige Ureinwohner untersucht und stilisiert wurden – selbst wenn sie es längst nicht mehr waren. Das Archiv, das sich da aufblättert, hat eine „schmerzhafte Geschichte“, wie die britische Kuratorin Tamar Garb sagt. Doch die Fotografien sind eben oft auch Kunstwerke, mindestens aber faszinierende Bilder von Menschen.

Das ganze Spannungsfeld der Schau zeigt sich im Schwarzen Haus, in dem Santu Mofokengs „Gegen-Archiv“ zu finden ist. Zu sehen sind nicht nur die bereits bekannte Slide-Show, sondern erstmals in Europa sein Recherche-Material sowie die Original-Fotos zu seinen Reproduktionen. Diesen „Selbstrepräsentationen“ hat Garb Fotografien von Alfred Martin Duggan-Cronin gegenübergestellt: Der irisch-stämmige Südafrikaner dokumentierte Bantu-Stämme. Für seine große Studie inszenierte er Figuren vor archaischen Landschaften in traditioneller Kleidung, die sie teils gar nicht trugen, sagt Garb: „Er hatte eine Kostüm-Box “ – und schuf so mitunter erst die gewünschte Authentizität.

Wie das Bild vom „Afrikaner“ vervielfältigt wurde, zeigen frühe Postkarten im grünen Haus: Häuptlinge mit Speer, Frau im Fell vor Fantasiekulisse, semi-pornografische Bilder. Die Modelle spielten teils verschiedene Rollen für die Linse. Das geht an die eigene Scham- und Schmerzgrenze – kann aber umschlagen, wenn eine Persönlichkeit jedes Klischee torpediert. Da ist der stolze König Khama III: Der alte Herr sitzt im maßgeschneiderten Anzug auf dem Stuhl mit Leopardenfell. Die fremde Kleidung wirkt hier nicht aufgezwungen, sondern sehr bewusst angeeignet.

Im weißen Kubus wird die Identitätsfrage zeitgenössisch durch- und zurückgespielt: Andrew Putter steckt zur Abwechslung europäische Gesichter ins wilde Gewand, Sabelo Mlangeni porträtiert Transvestiten, Carrie Mae Weems bleibt beim Thema. Alten anthropometrischen Porträts hat sie auf die nackte Brust geschrieben: „You became a scientific profile“. Und der Blick auf die Kindersoldaten von Guy Tillim – auch sie, wie so manche der Zeitgenossen, bereits bekannt – verbietet ohnehin den Reflex, die Schau als Fortschrittsgeschichte zu lesen. Miriam Makeba blickt skeptisch aus dem Rahmen – diesen Blick müssen wir uns jetzt gefallen lassen.
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