Forscherin findet heraus, woher Baumaterial fürs Münster kam

Woher haben die mittelalterlichen Baumeister die Steine für das Ulmer Münster bezogen? Diese Frage schien längst beantwortet. Doch jetzt wirft die Bauforscherin Anne-Christine Brehm alles über den Haufen.

|

In Gesprächen über die im Münster verbauten ockergelben Steine, die etwa an der Westseite der Turmfassade auffallen, wird immer wieder Donzdorf als Herkunftsort genannt. Tatsächlich sind aber während des Münsterbaus nur zwei Stein-Lieferungen aus Donzdorf nachzuweisen. Mit dieser Erkenntnis überraschte die promovierte Bauhistorikerin Anne-Christine Brehm am Montagabend ein zahlreiches Publikum im Schwörhaus.

Brehm hat die Rechnungen der Münsterbauhütte akribisch durchforscht. Und in denen ist alles verbucht, was von 1417 bis 1518 am Münster gearbeitet wurde. Was sie dabei speziell über die Steine, ihre Gewinnung und Verarbeitung herausgefunden hat, ist jetzt als Bändchen in der "Kleinen Reihe" des Stadtarchivs erschienen: dessen Beitrag zum Münsterjubiläum, wie Archiv-Leiter Michael Wettengel bei der Buchvorstellung betonte.

Aus den trockenen Rechnungen lässt Brehm ein lebendiges Bild der gesamten damaligen Arbeitsorganisation entstehen. Sie kann nicht nur die Herkunftsorte der im mittelalterlichen Bauabschnitt verwendeten Gesteinsarten nennen, sondern auch Zeitpunkt und in Einzelfällen auch Zweck der Verwendung sowie den jeweiligen Baumeister. Denn zu deren Aufgaben gehörte die Auswahl des Steinmaterials. Und da hatte jeder seine eigenen Favoriten.

So bezog Hans Kun, Baumeister von 1418 bis 1435, seine Steine eben nicht nur aus Donzdorf, sondern aus vielen verschiedenen Steinbrüchen im Bodenseeraum, um Stuttgart, Cannstatt, Dettingen, Urach, Ebersbach an der Fils und Uhingen, Kempten, Ellhofen und Schönau bei Isny, Herrlingen, Westerstetten und vom Ulmer Galgenberg.

Matthäus Ensinger, Münsterbaumeister von 1446 bis 1463, nutzte nicht mehr so viele, dafür aber zum Teil andere Steinbrüche wie die bei Rommelsbach am Neckar, Kuchen und Geislingen. Burkhard Engelberg (1494 bis 1512) bevorzugte den Neckarraum: Pliezhausen und Mittelstadt. Er bezog aber auch Material aus Ulms unmittelbarer Umgebung: aus Örlingen.

Insgesamt 21 verschiedene Orte hat Brehm gefunden. Zu den ersten gehören zwei etwa 100 Kilometer von Ulm entfernte in der Gegend südlich von Isny im Allgäu: der bei Schönau gelegene Laubenberg und ein Steinbruch bei Ellhofen. Der hat auch den Sandstein geliefert, mit dem der Bogen der Neithardtkapelle nördlich des Chorraums errichtet wurde.

Von diesen Steinbrüchen wurden die Steinblöcke, die in der Regel 1,47 Meter lang, 88 Zentimeter breit und 44 Zentimeter hoch waren, auf Pferdefuhrwerken nach Lautrach an der Iller gekarrt. Dort wurden sie auf Flöße geladen, was den Transport wesentlich vereinfachte. Denn während ein Fuhrwerk maximal zwei Blöcke verkraftete, fasste ein Floß deren 16 bis 22.

Nicht nur über die Transportwege geben die Rechnungen Auskunft, sondern auch über die Arbeitsorganisation. So lieferte die Ulmer Münsterbauhütte das zum Abbau und zur Zurichtung der Steinblöcke nötige Werkzeug nach Isny. Überraschend auch die Erkenntnis, dass die örtlichen Wirtschaften eine wichtige Rolle spielten. Sie dienten nicht nur als Zwischenlager für die Blöcke, sondern gewissermaßen auch als Banken: Bei den Wirten deponierte der Ulmer Bauschaffner, der die Finanzen verwaltete, größere Geldsummen, mit denen die Wirte später die Beschäftigten für ihre Leistungen entlohnten.

Um die Transportkosten zu verringern, wurden die Steine bereits in den Steinbrüchen nach Schablonen zurechtgehauen. In Ulm mussten sie dann nur noch zusammengesetzt werden, etwa das feine Maßwerk für die Fenster.

Woher aber kommen denn nun die heute noch sichtbaren ockergelben Blöcke, die bisher für Donzdorfer Eisensandstein gehalten wurden? Brehm hat den Rechnungen entnommen, dass sie in Geislingen und Kuchen gebrochen wurden, wo dasselbe Material zu finden ist. Im Gegensatz zu Donzdorf lagen diese Orte im Ulmer Territorium. Matthäus Böblinger hat die gelben Blöcke für den damals obersten Turmabschnitt verwendet.

Spezialistin für Architektur der Gotik

Die Autorin Anne-Christine Brehm hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Baurechnungen des Ulmer Münsters von 1417 bis 1518 in die heutige Schrift zu übertragen, zu veröffentlichen und auszuwerten. Sie hat an der Universität Karlsruhe Architektur studiert und war seit 2008 Akademische Angestellte am Karlsruher Institut für Technologie, Fachbereich Baugeschichte. Unter Leitung von Johann Josef Böker arbeitete sie am DFG-Forschungsprojekt "Gotische Baurisse". Zusammen mit Böker und zwei weiteren Autoren hat sie 2011 in der Reihe "Architektur der Gotik" den Band "Ulm und der Donauraum" veröffentlicht. 2013 wurde sie promoviert.

Das Buch "von dem stain ze brechen". Die Werksteine des Ulmer Münsters anhand der archivalischen Quellen 1417-1512. Verlag Klemm + Oelschläger. 108 Seiten, 15.80 Euro.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo