Flüchtlingsunterkunft in der Römerstraße in Ulm überfüllt

Berichte über Bürgerkriege in Syrien und anderswo prägen die Nachrichten. Viele Menschen sind auf der Flucht, manche kommen auch hierher. Ein Gespräch mit dem Flüchtlingsrat über die Situation in Ulm.

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Dr. Dieter Lang (rechts) und Hartmut Noerpel-Schneider vom Flüchtlingsrat auf den Fundamenten für die Container in der Römerstraße.  Foto: 

Ein Bett aus grobem Kies mit langen Betonstreifen - das Fundament für die drei Wohncontainer ist bereitet. In den kommenden Tagen werden drei Container in der Römerstraße aufgestellt, zwischen den bestehenden Häuserzeilen der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge. Sie bieten Wohnraum für 24 Menschen. Denn die Aufnahmekapazität des städtischen Heims ist vollkommen erschöpft, 148 Plätze sind vergeben - für 30 davon werden stillgelegte Gebäude auf dem Areal wieder genutzt.

"Die Römerstraße ist mehr als überbelegt", sagt Dr. Dieter Lang, der Vorsitzende des Flüchtlingsrats Ulm/Alb-Donau. Der gemeinnützige Verein kümmert sich ehrenamtlich um die Menschen, die im Heim leben und versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen. Trotz der Überbelegung "ist die Situation in Ulm relativ ruhig", berichtet Lang weiter.

Der Stadt stellt der Flüchtlingsrat ein ganz gutes Zeugnis aus: Zum einen, weil inzwischen die maroden Häuser in der Römerstraße Stück für Stück saniert werden. Zum anderen, weil die Flüchtlinge schon seit Jahren keine Essenspakete bekommen sondern Bargeld (bis Oktober waren es Geldkarten). Drittens, weil die Kommune den Bewohnern Sprachkurse anbietet - rein formaljuristisch braucht man dafür einen gesicherten Aufenthaltsstatus. Und viertens, weil in der Römerstraße die Zuständigkeiten klar getrennt sind: Um Unterkunft und Lebensunterhalt kümmert sich die Stadt, während sie die soziale Beratung an die Diakonie abgegeben hat. Lang: "Insgesamt gesehen geht die Stadt Ulm mit den Flüchtlingen ganz human um."

Trotz der äußeren Ruhe gibt es Probleme in der Gemeinschaftsunterkunft, die aus der Enge resultieren, in der die Menschen leben, oder aus Konflikten zwischen den unterschiedlichen Ethnien. Hartmut Noerpel-Schneider: "Im Heim kehrt nie Ruhe ein, manche hören die ganze Nacht Musik oder schauen fern. Insbesondere für Familien mit kleinen Kindern ist die Situation schwierig. Es kann niemand lernen, wenn drei andere im Zimmer fernsehen wollen."

Abhilfe könnte für Flüchtlingsfamilien eine Wohnung außerhalb sein - doch die sind dünn gesät. Und was hält Lang von der Entscheidung, Container aufzustellen? "Die Stadt ist in einer Zwangssituation, weil die Zahlen steigen", sagt er. Container seien zwar keine gute Lösung, aber "ich sehe auch keine andere". Sie seien besser als minderwertiger abgelegener Wohnraum, denn in der Römerstraße hätten die Flüchtlinge Zugang zu professioneller Beratung und sozialen Angeboten vor Ort.

Dass die Zahl der Flüchtlinge im Jahr 2014 weiter steigen wird, steht für Lang und Noerpel-Schneider außer Frage. Die Wunschliste des Flüchtlingsrats an die Stadt umfasst einige Punkte. Erstens mehr Wohnraum außerhalb der Gemeinschaftsunterkunft für Familien und Traumatisierte. Lang appelliert an die Entscheider in der Wohnbaupolitik und an die städtische Wohnungsgesellschaft UWS.

Der zweite Wunsch betrifft eine Aufstockung des Beratungspersonals für die Flüchtlinge, insbesondere auf Seiten der Diakonie, deren Kosten aber die Kommune übernimmt. Und drittens spricht sich der Flüchtlingsrat dafür aus, das Angebot der Sprachkurse weiter auszubauen in der Art, dass der Eigenbeitrag für die teilnehmenden Flüchtlinge weiter gesenkt wird.

Hartmut Noerpel-Schneider fügt noch einen Wunsch ans Landratsamt des Alb-Donau-Kreises an, der die Gemeinschaftsunterkunft in Langenau betreibt: "Man sollte dort die Sozialberatung abtrennen und wie in Ulm an die freien Wohlfahrtsverbände abgeben. Oder wenn der Kreis es weiter selbst machen will, soll er das Personal aufstocken."

Die dicken Bretter, die im Bereich Flüchtlinge zu bohren sind, liegen allerdings nicht bei den Kommunen, sondern bei Land und Bund. Die von der Landesregierung jüngst beschlossene Novellierung des Flüchtlingsaufnahmegesetzes bringe laut Lang zwar "deutliche Verbesserungen gegenüber der bisherigen Fassung", schicke die Asylbewerber aber nach wie vor über hohe bürokratische Hürden. Noerpel-Schneider: "Dabei wollen viele Flüchtlinge nicht für immer hier bleiben. Sondern sie wollen zurück, wenn sich die Lage in ihren Heimatländern wieder beruhigt."

Wenn es nach Dieter Lang geht, sollte die Bundesregierung "mehr Menschen aus Syrien aufnehmen und das Verfahren entbürokratisieren". Außerdem fordert der Ulmer Flüchtlingsrat - wie der landesweite -, dass die Flüchtlinge arbeiten dürfen, "statt sie in Lethargie hineinzutreiben", so Lang. "Wer arbeitet, lernt die Sprache und integriert sich." Das entlaste auch die Sozialkassen und schaffe eine bessere Akzeptanz in der Bevölkerung.

Ein zentrales Problem sei die "Festung Europa". Dieter Lang: "Auf lange Sicht muss Deutschland, muss Europa eine Art von quotierter Einwanderung einführen. Damit die Menschen eine Chance haben, nach Europa zu kommen, ohne sich über Schlepper in Gefahr begeben zu müssen."

Der Flüchtlingsrat Ulm/Alb-Donau-Kreis
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